Zirkus

Die Cassellys sind seit Monaten zum Nichtstun verdammt

Ein Teil der Famile Casselly (von links): Alfons, Alexia, Jonny, Maria, Romina und Antonio Casselly. Foto: Andreas Fischer
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Ein Teil der Famile Casselly (von links): Alfons, Alexia, Jonny, Maria, Romina und Antonio Casselly.

Corona und die Folgen – Die Zirkusfamilie muss im Winterlager in Wuppertal ausharren.

Von Manuel Praest

Remscheid/ Wuppertal. Es klopft mal wieder an der Tür des Wohnmobils. Fabienne ist da, die Enkelin von Maria Casselly. Fünf Jahre, nein sechs. „Sie hatte gerade Geburtstag“, erzählt die Oma, nimmt das Bald-i-Dötzchen erstmal auf den Schoß und drückt es. „Interview-Pause“. Kein Problem. Auch Opa Jonny freut sich über den Besuch.

Auf der Homepage steht noch was von der achten Generation der Zirkusfamilie, die aktuell ihr Winterlager auf dem Gelände der Utopiastadt am Bahnhof Mirke in Wuppertal aufgeschlagen hat. Fabienne und die acht anderen Enkel sind aber bereits die neunte, stellt die Oma klar. Ein Leben in der Manege – und im Wohnwagen. Die Sechsjährige ist zum Beispiel am Trapez dabei. „Wir kennen es nicht anders.“ Doch während Corona sicher so ziemlich jede Branche getroffen hat, sind einige besonders heftig dran – wie die Schausteller, zu denen eben auch der Mitmach-Circus Jonny Casselly zählt.

Das Winterlager am Bahnhof Mirke – noch vor dem Schneefall am vergangenen Sonntag.

Seit mehr als 30 Jahren luden die Cassellys zum Ferienprogramm ein. Eltern, die als Kinder selbst mitmachten, schicken ihren Nachwuchs mittlerweile zu Antonio, Romina, Alfons und all den anderen – die seit Monaten zum Nichtstun verdammt sind. Für fast jede Woche waren die Cassellys im vergangenen Jahr gebucht. In Schulen über ganz Deutschland verteilt oder für Ferienaktionen. „Alles gestrichen“, sagt Maria traurig. Die Stadt Wuppertal hatte im Sommer versucht zu helfen, sagt Stadtsprecher Thomas Eiting. Zum Beispiel für den Zirkus Gastspiele im Wuppertaler Kinderheim organisiert, damit etwas Geld fließen konnte. Und im Herbst fand das – deutlich abgespeckte – Ferienprogramm in Remscheid statt. Mit 30 statt sonst mehreren hundert Kindern. „Aber immerhin etwas“, sagen die Cassellys. Maria kennt Remscheids Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz noch aus seiner Zeit als Wuppertaler Jugendamtsleiter. „Als er nach Remscheid wechselte, hat er vor Jahren ,seinen‘ Zirkus einfach mitgenommen.“

Für 2021 ist der Kalender eigentlich wieder voll. „Schulen buchen uns ja zwei, drei Jahre im Voraus“, erzählen Antonio, einer von drei Söhnen von Maria und Jonny Casselly.

Als Paketboten oder in der Schreinerei ausgeholfen

Doch ob demnächst irgendwas stattfinden wird? Die Familie ist skeptisch. Im Februar geht es in den Schulen wieder los nach der Winterpause. Normalerweise. Jetzt ist erstmal bis Mitte Februar Lockdown. Und danach? „Das weiß ja keiner“, sagt Antonio. Die Ungewissheit sei das Schlimmste. Zum letzten Mal sei man im vergangenen März in einer Schule zu Gast gewesen, erzählt der 34-Jährige.

Man merkt ihm an, wie sehr ihm die Auftritte, die Arbeit mit den Schülern fehlt – und das Feedback. Jetzt ist alles anders. „Wir haben immer gedacht: Wer soll uns aufhalten?“, erzählt Antonio. „Wir sind beliebt, hatten unsere Termine.“ Nach dem ersten Lockdown habe die Familie Überbrückungshilfe beantragen müssen. Es sei schwergefallen. „So eine Situation hatten wir noch nie. Wir haben immer unser eigenes Geld verdient. So sind wir auch erzogen worden“, sagt er und blickt zu Vater Jonny, dem Senior-Chef.

Doch man müsse längst an die Reserven gehen. Einer der Sprinter-Busse habe zum Beispiel vor Weihnachten den Geist aufgegeben. Das konnte man wahrlich nicht gebrauchen. „Und wir haben ja unsere Fixkosten wie Versicherungen und Ähnlichem.“ Einige aus der Familie hätten zwischenzeitlich zum Beispiel als Paketboten gearbeitet oder in einer Schlosserei ausgeholfen. Umso wütender sei man gewesen, „als wir hörten, dass Leute in unserem Namen um Spenden betteln. Von Haustür zu Haustür gehen“, ärgert sich Maria Casselly. „Das würden wir nie tun.“ Und schon gar nicht mit den Tieren um Mitleid buhlen. „Denen geht es gut“, versichert die Chefin. Die Lamas, Ziegen und Ponys seien auf einem Reiterhof in Schwelm untergebracht.

Hoffnung, dass es bald wieder Auftritte gibt

Der Großteil der Familie hängt jetzt in Wuppertal fest. Acht Wohnwagen und -mobile stehen dort, wo ab Herbst die Musterhäuser für den Solar Decathlon, einen Wettbewerb für Urbanes Bauen aufgebaut werden. Man sei der Utopiastadt sehr dankbar, dass man erstmal dort noch stehen kann. „Aber für den nächsten Winter brauchen wir etwas Neues.“

Das graue Winterwetter, dazu der Schneematsch vor der Tür der Fahrzeuge, die zugleich Heimat sind. Irgendwie passt das trostlose Ambiente zur Stimmung. „Man fühlt sich gefangen“, sagt Alfons. Natürlich würde man versuchen, sich fitzuhalten. Aber auch das gehe nur bedingt. „Wir trainieren, aber ich brauche das Trapez, meine Schultern verkalken schon“, sagt der Artist. Und die Motivation sei auch anders, „wenn man nicht weiß, was kommt.“

Kommen in solchen Tagen nicht doch mal Gedanken, ob man etwas anderes, etwas „Richtiges“ hätte lernen sollen? „Wir haben ja alle einen Schulabschluss“, sagt Antonio, fast ein bisschen entrüstet. Aber etwas anderes? „Das ist ja kein Hobby. Das ist unser Leben.“ Auch Maria wird deutlich: „Wir sind in den Zirkus reingeboren.“ Was bleibt, ist die Hoffnung, dass es wieder weitergehen wird. Irgendwann. „So geht es ja allen in unserer Branche oder überhaupt im Veranstaltungsbereich“, sagt Alfons.

Wichtig sei der Zusammenhalt der Groß-Familie. Und ein Rest Optimismus. Maria beschreibt es - leicht abgewandelt vom Sinnspruch vom Deckchen an der Wand – so: „Ein Wohnwagen, in dem man lacht, ist besser als ein Haus, in dem man weint.“

Circus Casselly

Familie: Die Wurzeln der Zirkusfamilie Casselly liegen in Sachsen-Anhalt. Doch seit Jahrzehnten gibt es eine enge Verbindung zu Wuppertal. Maria und Jonny Casselly haben drei Söhne, vier Töchter und neun Enkel. Alle sind, ebenso wie fast alle angeheirateten Familienmitglieder im Zirkus aktiv, vom Clown bis zum Trapezkünstler. Es ist ein Familienbetrieb ohne feste Angestellten.

Helfen: Wer den Circus Jonny Casselly unterstützen will – sei es mit Spenden oder einem Tipp für ein neues Winterlager für 2021/22 -, wendet sich am besten direkt per E-Mail an die Casselly unter info@casselly.de oder unter

casselly.de

Warnung: Die Familie Casselly weist darauf hin, dass niemand für den Circus Casselly hausieren geht oder sonstwie um Spenden bettelt.

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