"Caligula" von Albert Camus bei den Wuppertaler Bühnen

Caligula (Gregor Henze, vorne) und sein Gefolge entspannen sich bei einer Massage.©
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Caligula (Gregor Henze, vorne) und sein Gefolge entspannen sich bei einer Massage.<br /><i>©

Wuppertal. "Ein Sandalenstück wird es auf keinen Fall", hatte Dramaturg Sven Kleine in Anspielung auf die historischen Gegebenheiten von Albert Camus' Drama "Caligula" vorab verkündet. Hübsche Ironie also, dass die zunächst elegant im Abenddress gekleideten Senatoren und Patrizier alsbald samt und sonders zu schäbiger Arbeitskleidung die denkbar hässlichsten Billig-Sandalen an den Füßen tragen.

Ihrer einstigen Privilegien beraubt, sind sie von der staatstragenden Klasse zur Putzkolonne degradiert. Marionetten im grausamen Spiel, das Caligula mit ihnen treibt, sind sie auf Gedeih und Verderb seiner Willkür ausgeliefert, die sie jederzeit den Kopf kosten kann.

Es ist ein Spiel mit Gefühlen, das Angst und Verzweiflung verbreitet, Hoffnung weckt, Feigheit und Lüge entlarvt. "Ich will, dass in der Wahrheit gelebt wird", verkündet Caligula, und macht in unerbittlicher Logik ernst damit. Denn die Wahrheit ist, dass er nicht grausamer ist als das Leben selbst, wenn er vollkommen willkürlich über Leben und Tod entscheidet. Die Wahrheit ist: "Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich."

Wie in einem Brennglas bündelt sich in Camus' Drama seine "Philosophie des Absurden", und mit jeder seiner Hauptfiguren spielt er eine Möglichkeit durch, aus der Erkenntnis der Absurdität des Daseins einen anderen Schluss zu ziehen.

Aus diesen philosophischen Ideenträgern auf der Bühne lebendige Menschen zu machen, ist die Herausforderung jeder Inszenierung. Regisseur Martin Kloepfer und das Wuppertaler Ensemble haben dies bei minimalistischer Ausstattung ansprechend und mit etlichen originellen Einfällen gemeistert.

Lediglich einige Figuren aus den Reihen der Patrizier sagen ihren Text reichlich hölzern auf und bleiben insgesamt blass.

Etwas blass leider auch der junge Dichter Scipio: Er, der Caligula liebt und ihm eigentlich der seelenverwandteste von allen ist, vertritt zugleich eine starke Gegenposition der Liebe und des Maßes - die im wenig pointierten Spiel von Hendrik Vogt freilich unterzugehen droht. Überzeugend dagegen Thomas Braus als Philosoph Cherea (im Rollstuhl sitzend), dessen geistige Stärke angesichts der körperlichen Gebrechlichkeit umso wirkungsvoller hervortritt.

Auch Lutz Wessels Helicon in weißem Anzug und Addidas-Schlappen, ehemaliger Sklave und Getreuer Caligulas, ist eine saft- und kraftvolle Gestalt. Am anrührendsten aber gelingt Sophie Basse die Caesonia, alternde aber durchaus attraktive Mätresse des jungen Imperators - schillernd zwischen Naivität und großer Hellsicht, geht sie aus aufrichtiger Liebe einen Weg mit, den sie als falsch erkannt hat - und an dessen Ende der qualvollste Bühnentod steht, den man seit langem gesehen hat.

Schließlich Caligula selbst: von einer grausamem Logik angetrieben, nüchtern, leise und bei hellem Verstand, auch wenn sein Tun irre erscheint. Das von ihm verursachte Leiden mit heiterer Gelassenheit betrachtend, scheint hinter all dem doch eine abgründige Einsamkeit und ein existenzieller Daseinsekel auf, dem am Ende nicht einmal mehr das Morden ein wenig Zerstreuung bietet. Besser (und Camus näher) hätte Gregor Henze ihn kaum treffen können.

Braucht es da noch eine überdrehte Quiz-Showeinlage und diverse Camus-fremde Texteinsprengsel, die das Geschehen augenscheinlich näher ans Heute rücken? Vermutlich nicht. Die philosophische Textlast lockern sie freilich etwas auf - und demonstrieren, dass schließlich jede Zeit ihre eigenen Methoden entwickelt hat, durch die Flucht in sinnfreie Zerstreuung der peinigenden Frage nach dem Sinn dieses Daseins auszuweichen.

 Nächste Vorstellungen im Schauspielhaus Wuppertal (Kleines Haus): 29. Januar, 9. und 27. Februar. Karten: 02 02/ 569 44 44.

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