Coronavirus

Booster-Impfung: Patientenzorn trifft die Arztpraxen mit Wucht

Die Impfung schützen vor allem vor schwerer Erkrankung. Archivfoto: cb
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Die Impfung schützt vor allem vor schwerer Erkrankung.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Mehr als 40 Mediziner bieten Coronaimpfungen in Remscheid an – Impfschutz ist nach sechs Monaten nicht verflogen.

Remscheid. Die Menschen sind es leid: die schlechten Nachrichten von der Pandemie und das Hüh und Hot bei ihrer Bekämpfung. Boostern sollen sie sich lassen, doch viele Hausärzte sind nicht einmal ans Telefon zu bekommen. Am Ende landen die meisten Menschen, die nach einer dritten Impfung fragen, auf einer Warteliste. Und die Aggressivität in den Arztpraxen nimmt zu.

Davon berichtet Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, Hausärztin in Lennep und Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung. In der vierten Welle der Corona-Pandemie betreten nicht wenige Patienten ihre Praxis mit Zorn. Und manche geraten schon in der Warteschlange davor aneinander.

„Die Praxen leiden wirklich sehr unter der Aggressivität“, sagt Bettina Stiel-Reifenrath. Die Verunsicherung und Ungeduld der Menschen kann sie wohl verstehen, doch: „Wir arbeiten wirklich so viel wir können“, sagt die Ärztin.

Bettina Stiel-Reifenrath: „Wir arbeiten, so viel wir können.“

Tatsächlich können die Hausärzte die aktuelle Nachfrage nach Booster-Impfungen kaum abarbeiten. Dabei fehlt es diesmal nicht am Impfstoff. Es ist Erkältungszeit. Die trifft die Arztpraxen doppelt: Mehr Patienten sitzen im Wartezimmer, und weil auch Arzthelferinnen sich erkälten, fällt Personal aus. Dazu gibt es weiterhin Menschen, die ihren Arzt auch wegen anderer Krankheiten konsultieren. Mit anderen Worten: „Das Patientenaufkommen ist zur Zeit einfach sehr hoch“, sagt Bettina Stiel-Reifenrath.

Mehr als 40 Haus- und Fachärzte in Remscheid bieten Corona-Impfungen an, einschließlich der dritten, so genannten Booster-Impfung. Die wollen die Mediziner jedoch erneut zunächst den vulnerablen Gruppen verabreichen – den über 80- und über 70-Jährigen. Dazu denjenigen, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Andere Patienten müssen mit Wartezeit rechnen.

„Das ist für den Impfschutz aber auch nicht schlimm“, sagt Bettina Stiel-Reifenrath und räumt mit einem Missverständnis auf, das offenbar weit verbreitet ist: „Die Boosterimpfung kann sechs Monate nach der letzten Impfung erfolgen. Das heißt aber nicht, dass der Impfschutz nach sechs Monaten verschwunden ist.“ Er verringere sich zwar langsam, aber, sagt die Ärztin: „Die Drittimpfung kann problemlos auch erst im siebten oder achten Monat nach der Zweitimpfung erfolgen.“

Kein Arzt ist verpflichtet, Coronaimpfungen vorzunehmen. Einige Hausärzte bieten sie auch nur für ihre eigenen Patienten an. Dafür impfen Onkologen, Frauenärzte, Gastroenterologen. Im Dezember soll eine Impfwoche eingelegt werden. Das Gesundheitsamt bietet ebenfalls Impfungen an und ist, wie zu Beginn des Jahres mit mobilen Impfteams in den Altenheimen unterwegs.

Wie berichtet, arbeitet der Corona-Krisenstab fünf Wochen nach Schließung des Impfzentrums durch das Land NRW zudem an einer neuen öffentlichen Impfstelle. „Die Standortfrage ist noch nicht geklärt“, berichtet Stadtsprecherin Viola Juric auf Nachfrage des RGA: „Wir arbeiten mit Hochdruck daran.“

Standpunkt: Folge der Planlosigkeit

axel.richter@ rga.de

Kommentar von Axel Richter

Je verunsicherter die Menschen sind, desto aggressiver reagieren sie. Die Binse beweist in diesen Tagen ihre Gültigkeit. Leidtragende sind die Arztpraxen. Dabei können die Ärzte nichts für die erneute Planlosigkeit von Bund und Ländern in der Pandemiebekämpfung. Ein einheitliches Vorgehen und klare Ansagen fehlen. Zum Beispiel für eine konsequente Anwendung der 2 G-Regelung, für die die meisten Menschen längst sind. Stattdessen sorgten die Politiker mit wechselnden Aussagen zu den Boosterimpfungen für eine wachsende Panik unter den Jüngeren. Die ist mindestens unangemessen, denn wer zweimal geimpft ist, verfügt über einen soliden Grundschutz von bis zu 90 Prozent. Damit sind Impfdurchbrüche natürlich nicht ausgeschlossen. Keine Impfung schützt zu 100 Prozent. So kommt die Impfung gegen die Grippe in manchen Jahren nur auf eine Schutzwirkung von 60 Prozent. Doch darüber lamentiert keiner. Es besteht für Doppeltgeimpfte mithin kein Anlass, die ohnehin überlaufenen Arztpraxen zu stürmen. Das sollten vielmehr jene tun, die sich bislang nicht haben impfen lassen und denen wir die vierte Welle deshalb zu verdanken haben.

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