Interview der Woche

Nicole Grüdl-Jakobs: „Bibliotheken sind jetzt wichtiger denn je“

Nicole Grüdl-Jakobs (50) leitet das kommunale Bildungszentrum in Remscheid.
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Nicole Grüdl-Jakobs (50) leitet das kommunale Bildungszentrum in Remscheid.

Die Leiterin des kommunalen Bildungszentrums spricht im Interview über die neue Stadtteilbibliothek Lüttringhausen und Visionen für die Innenstadt.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Grüdl-Jakobs, in Lüttringhausen nimmt das Projekt „Dritter Ort“ in der Alten Feuerwache durch eine Bundesförderung nun Fahrt auf. Wann könnte denn der „Dritte Ort“ hier Realität werden?
Nicole Grüdl-Jakobs: Das ist tatsächlich eine gute Frage. Denn angesichts der doch erheblichen zu beobachtenden Lieferengpässe im Baugewerbe sind Prognosen derzeit schwierig. Ich gehe zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass wenn es keine größeren Schwierigkeiten gibt, wir Ende 2024 die neue Stadtteilbibliothek in der Alten Feuerwache in Lüttringhausen eröffnen können. Die Förderzusage des Bundes war hier ein großer Schritt und ein weitreichendes Signal.
Der Begriff „Dritter Ort“ ist etwas sperrig, viele können sich darunter nichts vorstellen. Was ist ein „Dritter Ort“ genau?
Grüdl-Jakobs: Ein „Dritter Ort“ ist einfach formuliert ein Ort, an den man gerne geht, weil er einen hohen Wohlfühlfaktor hat. Das kann schlichtweg der Sportverein um die Ecke sein, die Lieblingskneipe, aber auch die Bibliothek mit all ihren tollen Möglichkeiten.
Bezogen auf Lüttringhausen: Wie soll der „Dritte Ort“ in der Alten Feuerwache genau aussehen?
Grüdl-Jakobs: Unsere Stadtteilbibliotheken werden gerne und häufig von Familien, Kindern und Jugendlichen aufgesucht. Deshalb wird es in Lüttringhausen so sein, dass wir einen schönen, modernen Kinder- und Jugendbereich gestalten werden, in Ergänzung natürlich zu Sachbüchern, Romanen, Zeitungen, Zeitschriften im Erwachsenenbereich. Für das erste Obergeschoss möchten wir flexibel einsetzbares Mobiliar anschaffen, damit wir die Räumlichkeiten multifunktional nutzen können. Das heißt, wir werden zum einen mit Kleingruppen dort arbeiten, zum Beispiel aus Kindergärten und Schulen, oder auch mit VHS-Kleingruppenkursen. So können wir endlich wieder auch mehr Kurse im Stadtteil Lüttringhausen anbieten. Die Räumlichkeiten sollten aber auch für Veranstaltungen genutzt werden wie Kamishibai-Vorführungen, Lesungen, Foto-Vorträge und mehr.
Warum ist die Alte Feuerwache ein geeigneter Ort für eine neue Lüttringhauser Stadtteilbibliothek?
Grüdl-Jakobs: Ich glaube, dass das Gebäude einen besonderen Charme hat. Deshalb ist es uns auch gelungen, Fördermittel einzuwerben. Wir haben ein denkmalgeschütztes historisches Gebäude, was dann mit modernem Bibliotheksleben gefüllt wird. Das ist nicht nur für Remscheid einzigartig, sondern das wird eine Strahlkraft über Remscheids Stadtgrenzen hinaus haben. Zudem haben wir hier die Möglichkeit, das Gebäude inklusiv zu gestalten, also barrierefrei. Das ist ein großer Pluspunkt gegenüber dem jetzigen Gebäude an der Gertenbachstraße. Und wir werden einen kleinen Garten haben – auch das ist bislang für die Remscheider Bibliotheken einmalig. Bei schönem Wetter kann man dann mit seinem Lieblingsbuch in den Garten gehen und bei einem Tässchen Kaffee seine Lektüre genießen. Eine 24-Stunden-Außenrückgabe ist ebenfalls vorgesehen.
Lüttringhausen bekommt somit den ersten „Dritten Ort“ in Remscheid. Erhoffen Sie sich dadurch insgesamt einen Schub?
Grüdl-Jakobs: Die Alte Feuerwache wird ein Anziehungspunkt für alle Remscheiderinnen und Remscheider, davon bin ich überzeugt. Ich hoffe, dass das auch neuen Schub gibt für die Zentralbibliothek und die Stadtteilbibliothek in Lennep, wobei ich sagen muss, dass wir auch hier bereits dabei sind, uns moderner und zukunftsweisender im Sinne eines „Dritten Ortes“ aufzustellen.
Wie ist denn der aktuelle Stand beim Umbau der Zentralbibliothek zu einem „Dritten Ort“?
Grüdl-Jakobs: Das inhaltliche Konzept habe ich im Juni im Ausschuss für Kultur und Weiterbildung vorgestellt. Es lässt sich an vier Begriffen festmachen: großzügig, innovativ, inklusiv, familienfreundlich. Mit großzügig meine ich, dass wir mehr Nutzerfläche benötigen, um die Idee des „Dritten Ortes“ adäquat umzusetzen. Innovativ bedeutet, dass wir Bereiche zum Beispiel für Robotik schaffen und wir mit dem World Press Reader die Möglichkeit bieten möchten, Zeitungen tagesaktuell in ganz vielen Sprachen lesen zu können. Darüber hinaus sollen die RFID-Technologie auf den neuesten Stand gebracht und die derzeit fest installierten Rechner durch Laptops und Tablets ersetzt werden, die man dann auch zur Nutzung vor Ort im Gebäude leihen kann.
Inklusiv: Das Konzept sieht vor, dass wir barrierefrei werden, und das im umfassenden Sinne. Und schließlich familienfreundlich: Wir möchten die Kinder- und Jugendbibliothek endlich auf einer Bibliotheksebene zusammenfassen. Die Jugendbücher sind derzeit aus Platzgründen in den Erwachsenenbereich integriert. Außerdem beabsichtigen wir, die Kinderbibliothek mit Fläschchenwärmern, Buggy-Parkplätzen und ähnlichem auszustatten, so dass Familien hier gerne und länger verweilen. Wickelmöglichkeiten haben wir bereits, Stillräumlichkeiten sind in Planung. Und natürlich möchten wir Veranstaltungen bieten. Den neuen Medien wie E-Book-Readern, Dashrobotern & Co. wird ebenfalls große Bedeutung zukommen.
Was würde der Umbau der Zentralbibliothek kosten?
Grüdl-Jakobs: Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, weil erst die Standortfrage geklärt werden muss. Es gibt noch keinen Entscheid, wo der Standort der Zentralbibliothek künftig sein wird. Sobald diese Frage geklärt ist, werden wir die inhaltlichen Planungen konkretisieren können. Ganz wesentlich für die Planung und Kostenkalkulation ist auch: Sprechenwir alleinig von der Bibliothek als „Drittem Ort“, von Bibliothek, VHS und/oder MKS oder möglicherweise von einem „Dritten Ort“ auch mit anderen Einrichtungen?
Wie lange dauert das Verfahren noch?
Grüdl-Jakobs: Für mich persönlich ist die Planung eine Mittelfristplanung, die sich idealerweise vielleicht in fünf bis acht Jahren umsetzen lässt. Ich hoffe allerdings, dass die Standortfrage zeitnah in den nächsten Monaten geklärt werden kann. Klar ist: Ohne Umbau wird es am jetzigen Standort nicht gehen. Und wichtig wäre auf jeden Fall, dass die Zentralbibliothek in der Innenstadt bleibt und gut sowohl per ÖPNV als auch mit dem Auto erreichbar ist.
Gehen damit auch andere Öffnungszeiten einher?
Grüdl-Jakobs: Möglicherweise ja. Mein Wunsch wäre, das sogenannte „Open Library“-Konzept umzusetzen.
Was bedeutet das?
Grüdl-Jakobs: Das bedeutet, dass man mittels des Bibliotheksausweises Zugang zum Gebäude hätte. Damit könnten wir die Öffnungszeiten kundenfreundlich ausweiten und z.B. an Samstagen und Sonntagen bis 20 oder 22 Uhr und unter der Woche auch bis 22 Uhr öffnen. Wir müssten dann nicht zwingend Fachpersonal vorhalten, sondern könnten mit Sicherheitsdienst und Videoüberwachung agieren. Solch längere Öffnungen wären im Sinne des Dritten Ortes sowohl für Familien als auch für Alleinstehende ein Riesenfortschritt – gerade auch an Sonntagen.
Schafft der „Dritte Ort“ eine neue Daseinsberechtigung für Bibliotheken?
Grüdl-Jakobs: Ich denke, dass Bibliotheken in der heutigen Zeit noch wichtiger sind, als sie es vormals ohnehin schon waren. Sie sind Orte der Information und der Informationsbeschaffung. Und da sind wir hier in Deutschland in der dankbaren Situation, dass die Informationen nicht zensiert sind. Bibliotheken tragen dazu bei, dass man sich ein umfassendes Meinungsbild machen kann, was angesichts der aktuellen, weltpolitischen Situation ungemein wichtig ist. Darüber hinaus sind sie mehr denn je Begegnungsstätte. Sie sind offen für alle, egal welchen Alters und welcher Herkunft, und ermöglichen gegenseitigen Austausch. Bibliotheken sind unverzichtbar im Bereich der kulturellen Bildung.

Zur Person

Seit Januar 2012 ist Nicole Grüdl-Jakobs (50) Leiterin des kommunalen Bildungszentrums in Remscheid, zu dem die VHS, die Musik- und Kunstschule sowie die Bibliothek gehören. Die 50-jährige gebürtige Remscheiderin ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Zur Familie gehört außerdem Hund Rocky.

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