Tipps vom Psychotherapeuten

So wird Weihnachten auch in schwierigen Zeiten zum Fest

Gesellschaftsspiele und Wanderungen können helfen, die Feiertage mit der Familie auch in der aktuellen Situation harmonisch zu gestalten, rät Psychologe Hermann Utzat (u.l.). Fotos: Hans Braxmeier/Utzat/wey
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Wanderungen können helfen, die Feiertage mit der Familie auch in der aktuellen Situation harmonisch zu gestalten.

Bewegung, Licht und Kontakte können helfen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Dass 2020 ein besonderes Weihnachten wird, war schon länger klar. Der vergangenes Wochenende beschlossene Shutdown verschärft die Situation noch einmal. Eingeschränkte Kontakte, Sorgen um die Zukunft, eine Überdosis an schlechten Nachrichten. Für Hermann Utzat, Diplom-Psychotherapeut mit eigener Praxis in Lennep, gute Gründe, eigene Verhaltensweisen zu überdenken: „Trotz der vielen Einschränkungen kann Corona als Impuls dienen.“ Seine Tipps, um entspannter durch die Festtage zu kommen: Mehr Bewegung, weniger Handy und verstärkt aufeinander Acht geben.

Psychologe Hermann Utzat

Vor allem die Kontaktbeschränkungen können aufs Gemüt schlagen, befürchtet Utzat: „Das ist menschlich natürlich schwierig, dass man nicht mit den Menschen feiern kann, mit denen man feiern möchte.“ Doch Kontakt sei weiterhin möglich, man müsse ihn nur anpassen. „Ich kann aufs Telefon umsteigen. Oder auch einen Brief schreiben.“ Der sei nicht nur persönlicher als eine elektronische Nachricht, sondern bringe auch eine andere Auseinandersetzung mit dem Empfänger mit sich. „Und ich glaube, der Adressat freut sich darüber mehr als über eine SMS.“

Bleibt die Familie mehr unter sich, gewinne auch das Thema Freizeitgestaltung an Bedeutung, sagt der Psychologe. Weil zeitgleich einige Freizeitaktivitäten in der Pandemie nicht mehr möglich sind, sei das eine gute Gelegenheit, neue zu entdecken. Oder auch alte wieder hervorzuholen. „Da kann man mal ein Buch lesen oder vorlesen“, rät Utzat. Auch Gesellschaftsspiele seien gut geeignet. Zum Einstieg am besten ein Klassiker, dessen Regeln alle kennen.

Das Mobiltelefon und andere elektronische Medien gehören aber nicht in den Familienalltag. „Das kann man auch als sportliche Herausforderung sehen, dass Handy tageweise wegzulegen.“ Zumal Kommunikation schwierig sei, wenn das Telefon griffbereit liegt. „Das ist auch dem Gesprächspartner gegenüber unhöflich.“

„Man kann Muße ja auch als Entlastung begreifen.“

Hermann Utzat über Langeweile

All das führe dazu, dass die Familienmitglieder sich mehr unterhalten und wieder intensiver begegnen, sagt Hermann Utzat voraus. Und das sei gar nicht immer so einfach. Eine wichtige Voraussetzung sei dabei, die eigenen Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Und die freie Zeit zu strukturieren. Ein kurzer Familienrat könne helfen, den Tag zu planen „wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann“. Ohne dass man dabei die Zeiten vergisst, in denen jeder etwas für sich unternimmt.

Aber auch für Alleinstehende sei eine Tagesstruktur eine Hilfe, sagt Hermann Utzat. „Man sollte sich einfach ein kleines Programm machen“, rät er. Und dabei auch Kontakte zu anderen Menschen, zum Beispiel per Telefon oder Brief, einplanen. Überhaupt sei ein Plan, wen man über die Feiertage kontaktieren möchte, eine gute Idee: „Ich kann mir überlegen, wer mir wichtig ist. Und wer sich über eine Nachricht besonders freuen würde.“

Denn Achtsamkeit, also aufeinander achten, sei nun wichtiger denn je. Vor allem für Menschen, die gesundheitlich und wirtschaftlich bisher recht unbeschadet durch die Krise gekommen seien, gelte es, Mitverantwortung zu zeigen, meint Utzat. Oft sei schon eine aufmunternde Nachricht gut. Ist ein Freund oder Bekannter aber in wirtschaftliche Not geraten, dürfe es auch ein finanzielles Weihnachtsgeschenk sein. Dann allerdings mit Einfühlungsvermögen: „Der Geber muss schauen, wie er das vermittelt, dass der Empfänger die Hilfe auch annimmt.“

Auch Brettspiele sind an den Feiertagen eine gute Idee.

Und dann gibt es noch einfache Regeln aus der Depressionsbehandlung und -vorsorge: „Bewegung hilft, Licht hilft, Kontakte helfen.“ Und das nicht nur für die Seele. Auch das Immunsystem profitiere von Aktivitäten an der frischen Luft und Sonne auf der Haut. Deswegen gehören Spaziergänge und Wanderungen auf den Tagesplan.

Im Gegensatz zu vielen Nachrichten. „Wir werden ja bombardiert mit Corona-Informationen“, sagt Utzat. Damit das nicht überhandnimmt, müsse man selektieren, welche Infos man für die Lebensgestaltung braucht – und den Rest ausblenden. „Das sollte man klar abgrenzen, um sich nicht verrückt zu machen.“

„Man sollte sich einfach ein kleines Programm machen.“

Hermann Utzat über Tagesstruktur

Doch selbst mit einer guten Tagesstruktur, vielen Büchern, langen Spaziergängen und spannenden Gesellschaftsspielen kann über die Feiertage auch Leerlauf entstehen. Gar nicht schlimm, findet der Psychologe. „Wir müssen wieder lernen, Langweile auszuhalten und sie positiv zu definieren“, sagt er. „Man kann Muße ja auch als Entlastung begreifen, in der neue Ideen entstehen.“ Und das gilt auch nach Weihnachten noch.


Beratungsstelle

Die Psychologische Beratungsstelle der Stadt Remscheid ist auch an und rund um die Weihnachtsfeiertage zu den üblichen Zeiten montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr unter Tel. (02191) 16 38 88 und 16 36 60 erreichbar. Die Beratung ist kostenfrei und alle Gespräche unterliegen der Schweigepflicht.

Auch interessant: Expertinnen geben Tipps, wie Eltern und Kinder mit der Corona-Krise umgehen können.

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