Interview der Woche

„Betriebsräte sind heute wichtiger denn je“

„Wir brauchen in Deutschland weiterhin gut dotierte Arbeitsplätze“: IG-Metall-Geschäftsführer Serdar Üyüklüer.
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„Wir brauchen in Deutschland weiterhin gut dotierte Arbeitsplätze“: IG-Metall-Geschäftsführer Serdar Üyüklüer.

IG-Metall-Geschäftsführer Serdar Üyüklüer über die im Frühjahr anstehenden Wahlen in den Unternehmen

Das Gespräch führte Sven Schlickowey

Herr Üyüklüer, die Betriebsratswahlen stehen an, bis zum 4. Februar müssen die Wahlvorstände benannt sein, zwischen März und Mai wird gewählt. Haben Sie Sorge, dass das Thema angesichts von Corona ein wenig untergeht, weil die Menschen andere Sorgen haben?
Serdar Üyüklüer: Nein, da habe ich nicht allzu viele Sorgen. Als IG Metall betreuen wir in Remscheid und Solingen an die 200 Betriebe, die meisten haben ihre Wahlvorstände bereits gestellt, somit werden die Wahlen aller Voraussicht nach normal ablaufen.
Welchen Sinn hat so ein Betriebsrat eigentlich?
Üyüklüer: Einen Betriebsrat braucht man, um die Interessen der Kolleginnen und Kollegen, der Belegschaft entsprechend platzieren und in Entscheidungsprozesse mit einbinden zu können. Dadurch bringen wir eine zusätzliche Perspektive ein. Und wo es gelingt, dass Unternehmensführung und Betriebsrat vertrauensvoll zusammenarbeiten, entsteht durch die zusätzlichen Perspektiven ein Wettbewerbsvorteil. Das hilft auch, den Standort Deutschland zu sichern.
Aber manchmal wirken Betriebsräte doch auch wie ein Relikt von früher, als es noch Flächentarifverträge und Organisationsgrade größer als 80 Prozent in den Belegschaften gab.
Üyüklüer: Ich glaube, dass es heute, im Zuge der Internationalisierung, im Zuge der Produktionsverlagerungen, noch viel, viel wichtiger ist, einen Betriebsrat zu haben, der auch die internationalen Zusammenhänge verstehen und bewerten kann, um hier in Deutschland weiterhin gut dotierte Arbeitsplätze haben zu können.
Es gibt eine Umfrage, nach der 67 Prozent der Arbeitgeber, die einen Betriebsrat haben, das anderen Firmen, die noch keinen haben, empfehlen würden. Das Bild, dass Arbeitgeber pauschal dagegen sind, stimmt so also nicht.
Üyüklüer: Das ist auch meine Erfahrung. Wenn die Betriebsräte gut qualifiziert sind und mit dem Arbeitgeber auf Augenhöhe kommunizieren, dann ist das eine Blickwinkelerweiterung.
Können Sie eigentlich Aussagen darüber treffen, wie viele Firmen in Ihrem Bereich in Solingen und Remscheid einen Betriebsrat haben und wie viele noch nicht?
Üyüklüer: Die 200 Unternehmen, die wir betreuen, haben natürlich einen. Was wir darüber hinaus machen, ist eine Potenzialanalyse, bei der wir zuletzt rund 85 Betriebe größer als 50 Beschäftigte in unserer Branche identifizieren konnten, die keinen Betriebsrat haben. Die wollen wir im Laufe des Jahres kontaktieren.
Woran, glauben Sie, liegt es bei diesen Firmen, dass sie bisher keinen Betriebsrat haben?
Üyüklüer: Das kann man nicht so pauschal beantworten. Das kann zwischenmenschliche Gründe haben oder persönliche, in manchen Firmen gibt es diese Kultur einfach nicht. In den Unternehmen, in denen wir es schaffen, Betriebsräte neu zu gründen, ist es oftmals eine gewisse Unwissenheit der Kolleginnen und Kollegen, die diese Möglichkeit nicht kannten. Da ist es unserer Aufgabe, die Menschen zu sensibilisieren und an die Hand zu nehmen.
In den Medien wird immer wieder berichtet, dass Arbeitgeber die Gründung von Betriebsräten verhindern. Kennen Sie solche Fälle auch aus unserer Region?
Üyüklüer: Ich bin jetzt zehn Jahre hier und kann sagen: In 99 Prozent der Fälle verläuft das sehr reibungslos. Es gibt immer mal wieder so einen ersten Aufruhr bei dem einen oder anderen Arbeitgeber. Aber spätestens wenn sie sich juristisch beraten lassen, verhalten sich die meisten rechtskonform.
Es gibt in diesem Zusammenhang den Vorstoß von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, dass die Verhinderung von Betriebsratsgründungen zukünftig auch ohne Anzeige strafrechtlich verfolgt werden kann. Begrüßen Sie das oder ist das nach Ihren Erfahrungen dann überflüssig?
Üyüklüer: Grundsätzlich begrüße ich diesen Vorstoß. Ob der Bedarf hier im Bergischen vorhanden ist, sei mal dahingestellt. Aber es gibt diese Fälle, und für die ist es gut, wenn es quasi eine zweite rote Ampel gibt. Auch weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass manche Menschen sich nicht trauen, ihre Interessen selber zu vertreten.
Wenn harte Konfrontationen im Bergischen eher die Ausnahme sind, wie sieht denn dann die Arbeit eines Betriebsrates im Alltag aus?
Üyüklüer: Die Antwort auf diese Frage könnte Wochen dauern, die Aufgaben sind ein bunter Blumenstrauß. Häufig geht es zum Beispiel um die Gestaltung der Arbeitsformen, Mehrarbeit, Eingruppierung von Angestellten.
Jetzt ist ja längst nicht jeder Betriebsrat freigestellt, gerade in kleinen Firmen erledigen die Mitglieder das neben ihrer normalen Arbeitszeit. Was meinen Sie, warum sich Menschen in diesem Bereich engagieren?
Üyüklüer: Ich glaube, dass da jeder ganz eigene Beweggründe hat, das ist ganz unterschiedlich. Häufig geht es darum, mitgestalten zu wollen. Auch der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen ist wichtig. Mein persönlicher Beweggrund war damals, dass ich Gerechtigkeit wollte.

Zur Person

Serdar Üyüklüer ist Geschäftsführer und Kassierer der IG Metall Remscheid-Solingen. Der 42-Jährige kam über die Betriebsratsarbeit zur Gewerkschaft. Der gelernte Energieanlagenelektroniker mit Weiterbildung zum Elektrotechniker und Betriebswirt war unter anderem Betriebsratsvorsitzender, bevor er politischer Gewerkschaftssekretär und schließlich Geschäftsführer wurde.

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