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Wanderung: Vier-Stunden-Tour führt zum Neandertaler

Malerisch gelegen: die Winkelsmühle.
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Malerisch gelegen: die Winkelsmühle.

Von Alt-Gruiten an der Düssel entlang geht es in das wildromantische Neandertal.

Von Andreas Erdmann

Bergisches Land. Die heutige Wanderung führt vom historischen Dorf Gruiten an der Düssel entlang durch das wild- romantische Neandertal, dann über das eiszeitliche Wildgehege zum Neanderthal-Museum. Wir starten am Parkplatz beim Ortseingang von Alt-Gruiten an der Pastor-Vömel-Straße. Im Ort sollte man sich Zeit nehmen für einen Rundgang zwischen den Fachwerkhaus-Ensembles des 14. bis 18. Jahrhunderts - der größten intakten historischen Siedlung auf Haaner Stadtgebiet. An allen wichtigen Gebäuden sind erläuternde Schilder angebracht.

Ältester Wohnbau: Das „Haus am Quall“.

Der Ortsname könnte vielleicht auf die Bodenverhältnisse von Sand, Kies, Kalk und Steingeröll hinweisen. Noch heute künden Gruben und Steinbrüche im Düsseltal von jahrhundertelangem Kalkabbau. Erste Grabfunde in Gruiten reichen auf 720 bis 1153 nach Christi zurück. Ältestes erhaltenes Wohnhaus ist das „Haus am Quall“, von dem ein Gebäude-trakt auf das 14. Jahrhundert zurückdatiert. „Quall“ bedeutet Quelle. Die alte Bauernburg „Hof Quall“ war eine Wasserburg und durch Anstauen der Kleinen Düssel von einem Schutzteich umgeben. Um 1980 restauriert, wird das Haus heute für Lehr- und Kulturveranstaltungen genutzt.

Markant: die evangelisch-reformierte Kirche in Gruiten.

Sehenswert sind auch die Kirchbauten im Ort. Der auf dem Friedhof über dem Dorf gelegene, von der romanischen „Welschenmauer“ umgebene Turm der alten katholischen Wehrkirche St. Nikolaus stammt aus dem 12. Jahrhundert. Die neuere St.-Nikolaus-Kirche wurde 1879 eingeweiht. Markant ist auch die evangelisch-reformierte Kirche aus dem Jahr 1721 in dem Ensemble mit dem Predigthaus von 1682 und dem Alten Pfarrhaus von 1764.

Am Heinhauser Weg gegenüber dem kleinen „Offerhaus“, das einst der Offermann - der Küster - bewohnte, steht das große barocke „Doktorhaus“. 1750 durch den Heilpraktiker und Arzt Dr. Jacob Lauterbach errichtet, galt es mit seinem prächtigen Fachwerk und dem Walmdach als „vornehmstes Haus“ im Dorf.

Hinter dem „Doktorhaus“ folgen wir dem Pfad rechts vor der Düssel, gehen am Wegkreuz geradeaus, an Streuobstwiesen entlang. Wir überqueren rechtsum den Fluss. Nun geht es zu den urwüchsigen Wald- und Wiesenlandschaften des östlichen Neandertals. Dieses Tal ist das älteste Naturschutzgebiet Deutschlands.

Am Stipps Teich kann man oft Wasservögel beobachten. Etwas versteckt liegen die Stromschnellen, wo die sonst gemächliche Düssel besonders nach Regen kräftig durch die Felsen rauscht. Den besten Blick darauf hat man von der Brücke. Nach einer Kehre sehen wir ein altes Wirtshaus: „Gastwirtschaft ,Im kühlen Grunde, von Jakob Pabst“, so ist der Name des ersten Wirtes an der Ziegelwand zu lesen. Das nach 1900 erbaute Haus verfügt über einen schönen Biergarten.

Weiter geht es zum Ort Bracken. Der Name rührt von „braeche“ her, was „brechen, abbrechen“ bedeutet und an die Gewinnung von Kalk, das Kalkbrechen erinnert. Schon 1218 ist ein Mann namens „Justicius de bracken“ vom Bauernhof Bracken erwähnt. Später gab es drei Höfe diesen Namens: den Großen Bracken, den Brücken- oder Kleinen Bracken und die Bracker Mühle. Erhalten geblieben ist nur der jüngste, der Brücken-Bracken (Bracken 8).

Am Weg steht ein halbverfallenes Industriedenkmal aus Natursteinen: der „Kalkofen vom „Huppertzbracken“ wird 1633 zum  ersten Mal kartografiert. Er wurde zum Kalkbrennen genutzt und wohl einem Hofbesitzer „Huppert“ oder „Herbert“. Man kommt an der Thunisbrücke vorbei, sieht oben am Hang auf Mettmanner Gebiet das alte Gut Thunis. Der früheste Nachweis für den Hof rührt von 1545: „Jacob im Bracken hatte neben dem Feld des Albertz in der Thunes Wald gerodet.“ In Hofnähe gibt es Reste eines Kalkofens.

Der Fund einer alten Spezies machte das Tal weltberühmt

Wir erreichen die malerisch am Mühlteich gelegene Winkelsmühle. Diese wird erstmals 1387 in der Zehntliste des Stifts Kaiserswerth aktenkundig. 1483 erhielt sie als Mühle „Im Winkel“ – also im Winkel der Flusskehre - die Mahlrechte, welche Herzog Wilhelm III von Jülich-Berg 1547 bestätigte. In den Kriegswirren 1672 brannte das Wohnhaus ab, die Scheune zerfiel, und die Mühle konnte erst mal nicht genutzt werden. Ab Ende des 19. Jahrhunderts diente das Gebäude als Ausflugslokal. Der Mühlteich war in den 1930er Jahren ein Naturfreibad.

Seltener Anblick: grasende Auerochsen.

Weiter geht es, am Wasserrad vorbei, über die Holzbrücke in den Wald. Haus Wanderclub, auf das wir treffen, beherbergte früher ebenfalls ein Ausflugslokal. An der Düssel erstreckt sich eine Auenlandschaft. Nach einer Weile zweigt links ein Weg zu einer kleinen Brücke über den Fluss zum eiszeitlichen Wildgehege Neandertal ab. Es geht Stufen hinauf und bergan. Auf dem 23 Hektar großen Areal mit bewaldeten Hängen und Hoch- und Talwiesen sind Nachzuchten des Auerochsen zu erspähen.

Solche europäischen Ur-Rinder können mit fast zwei Metern Höhe und gewaltigen Hörnern bis zu einer Tonne schwer werden. Auch wuchtige Wisents, eine Art europäischer Bisons, und Tarpane – eine Wildpferdart – leben auf dem Gelände. Es gibt mehrere Aussichtspunkte. Das Tiergehege wurde 1935 mit Gründung des Naturschutzvereins Neandertal angelegt.

Wir halten uns rechts, kommen zu einem Bienenlehrpfad, dann bergab durch den Wald und über eine Brücke. Am Thekhauser Quall befindet sich eine Steinzeitwerkstatt. Dort lassen sich unter sachkundiger Anleitung prähistorische Techniken von der Felsmalerei über das Feuermachen bis zum Ledergerben ausprobieren. Rechts, zum Bach hin, und an den Ufern führt der Kunstweg „MenschenSpuren“ zu Skupturen von 11 Künstlern, die sich dem Spannungsfeld Mensch-Natur widmen. Der 2002 angelegte Weg führt zum Neanderthal- Museum im westlichen Neandertal.

Diese durch den Kalkabbau einst sehr schluchten- und klippenreiche Landschaft nannte man ursprünglich „das Gesteins“, auch „Klipp oder Hunnsklipp“, was sich vielleicht von Honnschaft oder gar von den Hunnen ableitet. Später wurde das Tal nach dem Pastor und Kirchenlieder-Komponisten Joachim Neander benannt, der im 17. Jahrhundert vor der Naturkulisse der Schluchten Gottesdienste abhielt. Zahlreiche Lieder komponierte er hier.

Zu einem der weltweit bekanntesten Täler wurde es, als 1856 zwei Steinbrucharbeiter bei Abbauarbeiten in den Höhlen fossile Überreste eines Urzeitmenschen aus dem Pleistozän fanden. Dieser wurde als Neandertaler - als homo neanderthalensis (Mensch aus dem Neandertal) - Namensgeber dieser ausgestorbenen Spezies. Die Funde und weitere Exponate sind im Neanderthal-Museum ausgestellt. Als eines der modernsten Museen Europas erzählt es den Besuchern die Geschichte der Menschheit von den Anfängen in den afrikanischen Savannen vor über vier Millionen Jahren bis in die Gegenwart.

Idyllisch: das Tal der Düssel.

Auf dem Rückweg bietet sich eine Abkürzung an: hinter dem Spielplatz geht es am linken Düsselufer entlang, dann talaufwärts zurück über Winkelsmühle und Bracken. Nach dem Gasthaus „Im Kühlen Grunde“, kann man der Straße Ehlenbeck bergan zum Bauernhof Ehlenbeck folgen. Dieser ist seit 1363 bekannt und liegt nahe dem 1545 erstmals genannten Kalkofen Lindenbeck. Die daraus hervor gegangene Kalk-Sinterei mit dem einst höchsten Kamin Deutschlands gilt als Wiege des industriellen Kalkabbaus im oberen Düsseltal. Über Ehlenbeck und die Sinterstraße – mit herrlicher Aussicht über die Felder – geht es zurück nach Alt-Gruiten.

Wem der Rückweg zu lang ist: Mit dem Bus Linie 743 ab Neanderthal-Museum kann man bis zur Haltestelle Jubiläumsplatz in Mettmann fahren, dort in die Linie 742 umsteigen und weiterfahren bis zur Haltestelle Gruiten Dorf oder Gruiten Kirche.

Tour 54: Alt-Gruiten und Neandertal

nge: 17,7 Kilometer (10,4 Kilometer bei Rückweg per Bus)

Dauer: ca. 4 Stunden
40 Minuten (hin und zurück), ca. 2 Stunden
45 Minuten (zurück mit dem Bus)

Schwierigkeitsgrad: einfach

Ausrüstungstipp: festes Schuhwerk für die Waldpartien

Busverbindung: Linie 742, Haltestelle Gruiten Kirche

Zum Einkehren: Restaurant Palazzo im Wiedenhof, Pastor-Vömel-Straße 30, 42781 Haan, Tel. (0 21 04) 9 52 45 05; Café im Dorf, Pastor-Vömel-Straße 20, 42781 Haan, Tel. (0 21 04) 1 43 66 38; Ristorante Gavi, Talstraße 310, 40822 Mettmann, Tel. (0 21 04) 7 55 54; Speiserestaurant Neandertal No. 1, Neandertal 1, 40699 Erkrath, Tel. (0 21 04) 8 08 00 80.

Tipp: Die ersten 40 Folgen unserer Serie – mit den GPX-Daten zum Wandern mit Smartphone oder GPS-Gerät – gibt es als PDF-Download. Die ersten 20 wie als die weiteren 20 Teile sind für je 7,90 Euro erhältlich: www.bergisch-bestes.de

Alle Folgen unserer Wanderserie finden Sie hier

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