Minister holt pensionierte Polizisten zurück

Mordermittler greifen Cold Cases im Bergischen auf

Im Juni 2006 suchen Polizisten an der Wuppertalsperre nach der Mordwaffe, mit der die 52-jährige Dorothea K. umgebracht wurde. Foto: Michael Sieber
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Im Juni 2006 suchen Polizisten an der Wuppertalsperre nach der Mordwaffe, mit der die 52-jährige Dorothea K. umgebracht wurde.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Sie ermitteln in Wuppertal und Solingen - doch auch drei Remscheider Fälle geben weiter Rätsel auf.

Bergisches Land. Im Februar 1995 steigt eine Solingerin in das Auto eines Fremden. Der Mann schlingt ein Seil um ihren Hals und zieht zu. Die Solingerin kann sich retten, der Fahrer flüchtet. Ein Jahr zuvor, im Februar 1994, wird auf einem Schrottplatz in Wuppertal eine Leiche gefunden. Sie liegt im Kofferraum eines Fahrzeugs und weist, so notiert die Polizei heute nüchtern, „die Besonderheit auf, dass sie keinen Kopf besitzt“.

Mord verjährt nicht. Mordversuch auch nicht. Die beiden Fälle aus dem Bergischen Land zählen deshalb zu den 1160 ungelösten Tötungsdelikten aus den vergangenen 50 Jahren in NRW, die vom Landeskriminalamt in einer eigenen Cold-Cases-Datenbank digital gespeichert werden. Einige dieser „kalten Fälle“ nehmen sich ab sofort 23 ehemalige Mordermittler noch einmal vor.

Wir suchen neue Chancen, nicht alte Fehler.

Herbert Reul, NRW-Innenminister

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat die Pensionäre aus dem Ruhestand zurück ins Landeskriminalamt geholt. Die Todesermittler, Kommissariatsleiter, Sachbearbeiter von Vermisstenfällen und Experten aus der Kriminaltechnik sind zwischen 62 und 65 Jahren alt und sollen mit ihrer langjährigen Erfahrung die alten Fälle neu aufrollen. Finden sie neue Ermittlungsansätze, geben sie den Fall an die zuständigen Präsidien zurück.

Kopflose Leiche, Angriff auf Solingerin: Drei der Cold Cases, die aufgerollt werden, ereigneten sich im Bergischen Land

Reul knüpft hohe Erwartungen an die Pensionäre: „Vielleicht gibt es neue Erkenntnisse oder neue Techniken, vielleicht auch neue Rechtsgrundlagen, weshalb es sich lohnt, einen Fall wieder aufzurollen. Wir suchen neue Chancen, nicht alte Fehler.“

Drei der Cold Cases ereigneten sich im Bergischen Land. Neben der kopflosen Leiche in Wuppertal und dem Angriff auf die Anhalterin in Solingen geht es um den Mord an einem Rentner in Wuppertal. Im Januar 1995 wird der Mann tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die ist durchwühlt „und macht den Anschein, dass etwas Bestimmtes gesucht wurde“, berichtet die Polizei. Was, weiß sie nicht, alle Spuren und Zeugenbefragungen bringen die Ermittler nicht weiter.

Ein Fall aus Remscheid findet sich gegenwärtig nicht unter den Fällen, die neu aufgerollt werden. Was nicht heißt, dass in allen Fällen von Mord und Totschlag seit 1970 in Remscheid der Täter ermittelt werden konnte.

Zwei Mordfälle in Remscheid bleiben weiter ungelöst

Rückblick: Im August 2009 kommt es im Stadtteil Kremenholl zu einem Fall, der in der Esoterik-Szene für Unruhe sorgt. Beatrix H. wird erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. Die 39-jährige Speditionskauffrau, geboren im Sternzeichen Skorpion, arbeitet nebenberuflich als Kartenlegerin und Lebensberaterin und interessiert sich für Runen, Magie und das Mittelalter. „Mord im Weißlichtmilieu“ titelt nach der Tat das Orakel Lilith in seinem Online-Blog. In der Szene geht die Angst vor einem Esoterik-Mörder um. Tatsächlich gerät wenig später ein Kunde ins Visier der Ermittler, der die Hellseherin zuvor aufgesucht hatte. Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er seinen Selbstmord ankündigt. Seine Leiche wir allerdings nie gefunden.

Ungeklärt blieb in Remscheid auch der Mord an Dorothea K. Der 52-jährigen Frau wird im Juni 2006 in ihrem Schlafzimmer die Kehle durchgeschnitten. In den Fokus der Ermittler gerät ihr Lebensgefährte. Das Paar lebt zurückgezogen in einer Einliegerwohnung im Örtchen Dörperhöhe oberhalb der Wuppertalsperre. Doch der 72-jährige Mann hat ein Alibi. Zum Tatzeitpunkt lag er im Radevormwalder Krankenhaus. Die Polizei muss ihn laufen lassen. Zwischenzeitlich ist er verstorben.

Der Mord an Dorothea K., berichtet das Wuppertaler Polizeipräsidium, wird möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt von den pensionierten Todesermittlern noch einmal aufgegriffen.

Frau lässt sich vom Müngstener überrollen - Polizei schließt die Akte

Für einen anderen Todesfall gilt das nicht. Weil es von Anfang an keinen Täter gibt, gehört er nicht in den Kreis der Cold Cases. Allerdings ist er besonders traurig.

In der Nacht von Heiligabend auf den 1. Weihnachtsfeiertag 2011 lässt sich auf den Gleisen in Remscheid-Vieringhausen eine junge Frau vom Müngstener überrollen. Bis heute weiß die Polizei nicht, um wen es sich handelte. Die Frau, die Rechtsmediziner schätzen sie zwischen 20 und 35 Jahre alt, wird von niemandem vermisst. Nicht von ihrer Familie, nicht von Freunden. Letzte Hoffnungen setzten die Ermittler in die Tätowierer-Szene. Am Bauch trug die Tote eine eintätowierte Rose. Doch niemand meldet sich.

Danach beerdigt die Stadt Remscheid die Namenlose, die Polizei schließt ihre Akte. Dass ihr Grab doch noch einen Namen erhält, gilt als unwahrscheinlich.

Doch auch für die echten Cold Cases, die Fälle von Mord und Totschlag, die sich die 23 Pensionäre in NRW neu vornehmen, gilt: Die entscheidenden Schritte nimmt eine Todesermittlung immer in den ersten Stunden nach dem Auffinden der Leiche. Je mehr Zeit hingegen vergeht, desto mehr schwinden die Chancen auf Aufklärung.

Mord und Totschlag 2020

Im vergangenen Jahr kam es laut Polizei in Remscheid, Solingen und Wuppertal zu 13 Straftaten gegen das Leben. Darunter summiert die Kriminalpolizei alle Fälle von Mord, Totschlag, fahrlässiger Tötung, Tötung auf Verlangen und auch Abbruch der Schwangerschaft. Ihr Anteil an der Gesamtkriminalität im bergischen Großstädtedreieck betrug 0,03 Prozent. Von den 13 Fällen konnten 11 aufgeklärt werden. Die Aufklärungsquote lag damit bei 84,6 Prozent.

Kriminalitätsstatistik 2020 - Remscheid ist eine der sichersten Großstädte

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