74-jähriger Radfahrer ums Leben gekommen

Video von Unfallgeschehen gemacht? Remscheidern droht Strafverfahren

Für Josef Köster von der Remscheider Feuerwehr gehören Schaulustige zum Einsatzgeschehen. Foto: Roland   Keusch  
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Für Josef Köster von der Remscheider Feuerwehr gehören Schaulustige zum Einsatzgeschehen.

Drei Remscheider müssen nach Rettungseinsatz mit juristischen Schritten rechnen.

Von Frank Michalczak

Remscheid. Drei Remscheider müssen mit einem juristischen Nachspiel rechnen, weil sie mit ihrem Handy ein Video von einem Unfallgeschehen an der Presover Straße gedreht haben sollen. Dort war am 17. Juli ein 74-jähriger Radfahrer ums Leben gekommen, nachdem er mit einem Kleintransporter kollidiert war. Wie Polizeisprecher Jan Battenberg berichtet, hätten seine Kollegen am Rande des Einsatzes eine Frau (26 Jahre) und zwei Männer (31 und 48 Jahre), alle aus Remscheid, mit ihren Mobiltelefonen auf der dortigen Fußgängerbrücke beobachtet. „Im Zuge der Beweissicherung wurden die Handys sichergestellt“, erklärt Battenberg. Die Staatsanwaltschaft werde die Angelegenheit weiter verfolgen.

Möglich macht dies die Erweiterung des Paragrafen 201 a im Strafgesetzbuch, die Anfang des Jahres in Kraft trat. Diese zielt auf eine Verbesserung des Persönlichkeitsschutzes für Unfallopfer ab. Das „unbefugte Herstellen sowie die Verbreitung einer Bildaufnahme, die in grob anstößiger Weise eine verstorbene Person zur Schau stellt“, sind nun Straftatbestand. „Dies kann eine Geld-, aber auch Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren nach sich ziehen,“ erläutert Jan Battenberg.

„Es ist unanständig, das Leid von Menschen zu nutzen, um sich zu profilieren.“

Josef Köster

Für Oberbrandrat Josef Köster, Leiter Technik bei der Remscheider Feuerwehr, gehören Schaulustige zum Einsatzgeschehen. „Neugier ist menschlich. Die Leute schauen hin, wenn sie die Feuerwehr sehen“, erklärt er. „Und wir sind ja auch für die Daseinsvorsorge da. Daher sollte unsere Arbeit transparent sein.“

Remscheid: Gaffern Erfolgserlebnisse nehmen

Seine Berufserfahrung reicht bis ins Jahr 1980 zurück und etwas Entscheidendes habe sich im Laufe der Jahre geändert: Durch Handys und das Internet sei eine neue Dimension hinzugekommen, die nur noch sehr bedingt mit bloßer Neugier zu erklären ist: das Filmen von Einsätzen, das Fotografieren von Opfern und die Verbreitung der Aufnahmen. „Wir bemühen uns zwar, möglichst schnell einen Sichtschutz herzustellen. Priorität haben in der Anfangsphase der Einsätze aber natürlich die Rettung und die Gefahrenabwehr“, berichtet Josef Köster, der die gesamte Gesellschaft gefordert sieht, den Gaffern Erfolgserlebnisse zu nehmen.

Handy-Aufnahmen an den Pranger stellen

Und das beginne schon damit, dass man im Internet nicht bei den Aufnahmen auf „Gefällt mir“ klickt, sondern unmissverständlich seinen Unmut darüber äußert. „Es ist unanständig, das Leid von Menschen zu nutzen, um sich zu profilieren“, hebt der Oberbrandrat hervor. Zuweilen geschehe dies aus Gedankenlosigkeit. „Die Frage lautet aber, ob man in einer Notsituation selber gefilmt werden möchte“, erklärt Josef Köster, der auf ein Aufklärungsvideo seiner Kollegen aus Osnabrück hinweist.

Dieses zeigt drei junge Menschen, die vor einer Unfallstelle anhalten müssen. Sie steigen aus, machen mit dem Handy Bilder und rücken den Einsatzkräften auf den Leib. Einer von ihnen macht Selfis mit dem Rettungsgeschehen im Hintergrund. „Am Schluss des Videos stellt sich heraus, dass es sich bei dem Unfallopfer um seine Mutter handelte“, erklärt Köster, der hinzufügt, „dass ein Unglück wirklich jeden treffen kann“.

Standpunkt: Strafbares Verhalten

Kommentar von Frank Michalczak

frank.michalczak @rga.de

Der Gesetzgeber hat den Persönlichkeitsschutz von Unfallopfern ausgebaut. Und das ist gut so. Denn die technischen Möglichkeiten von Handys erlauben es längst, dass binnen weniger Klicks Fotos und Videos von Menschen in Notsituationen auf die weltweite Reise durch das Internet geschickt werden können. Leider halten sich dabei längst nicht alle selbst ernannten Reporter an das Gebot von menschlichem Anstand, indem sie die nötige Distanz aufgeben. Das mag gedankenlos sein. Das mag mit Geltungsbedürfnis und mit fehlendem Einfühlungsvermögen zusammenhängen. Es ist aber unentschuldbar, Opfer, die sich nicht dagegen wehren können, vorzuführen. Mit allzu menschlicher Neugier und mit Anteilnahme hat dies nichts zu tun. Im Gegenteil: Hier geht es in vielen Fällen ausschließlich um das persönliche Interesse, Aufmerksamkeit für das eigene Video, die eigenen Fotos beim Publikum im Netz zu wecken. Und dies ist eben nicht nur verwerflich, dies ist strafbar. Denn wer möchte schon nach einem Unglück gefilmt werden? Sicherlich auch nicht die selbst ernannten Reporter.

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