Experten sehen Sicherheitslücken

Auch Remscheid im Visier: Russische Propaganda im Bergischen

Redakteur Leon Hohmann am Newsdesk: Auch der Remscheider General-Anzeiger gerät immer wieder ins Visier von Trollen und Bots, die Meinungen im Sinne Russlands beeinflussen wollen.
+
Redakteur Leon Hohmann am Newsdesk: Auch der Remscheider General-Anzeiger gerät immer wieder ins Visier von Trollen und Bots, die Meinungen im Sinne Russlands beeinflussen wollen.
  • VonBjörn Boch
    schließen

Bots und Trolle verbreiten Unwahrheiten im Sinne des Kremls.

Von Björn Boch

Remscheid. Auch Remscheid und das Bergische Land werden von Russland virtuell ins Visier genommen. Das Ziel: Die Meinung zu Putins Krieg in der Ukraine soll zugunsten des Kremls beeinflusst werden. Auch lokale Medien wie der Remscheider General-Anzeiger müssen sich mit Bots und Trollen auseinandersetzen, die gezielt Desinformationen streuen – zum Angriffskrieg Russlands oder rund um Wahlen.

Während Bots Computerprogramme sind, die mittels künstlicher Intelligenz Texte automatisch verfassen, stecken hinter den Trollen echte Menschen. Besonders auf Facebook versuchen sie, Nutzer von Seiten ebenso wie Betreiber und Moderatoren in Diskussionen zu verstricken. „Facebook hat zwar Filter-Software im Einsatz, die aber längst nicht alles erkennt. Es ist eine permanente und anstrengende Aufgabe für das gesamte Team, Bots und Trolle zu erkennen, zu melden und konsequent zu blockieren“, sagt Kerstin Neuser, Leiterin der Online-Redaktion der B. Boll Mediengruppe. Bot-Programme könnten leider verhältnismäßig leicht heruntergeladen und für eigene Ziele angepasst werden.

Dementsprechend verbreitet sei das Problem, berichtet Tobias Erdmann vom Systemhaus Erdmann, das unter anderem unsere Mediengruppe berät. Gegen die automatischen Programme müsste es bessere Software geben, betont der Solinger IT-Experte. Bots seien für aufmerksame Leser noch verhältnismäßig leicht zu erkennen, da sie oft zusammenhanglos posten. „Aber die Troll-Fabriken, in denen Menschen aktiv sitzen und schreiben, haben leider die Qualität zu manipulieren, Angst zu machen, in die Irre zu führen und Propaganda zu verbreiten.“

Remscheid: Unternehmen sollten verdächtige Profile melden

Erschwerend hinzu komme, dass Algorithmen in den sozialen Netzwerken Trolle oft belohnten. „Was kontrovers und radikal ist und stark geteilt oder geliked wird, wird belohnt“, erklärt Erdmann. Zuletzt habe man bei Corona gesehen, wie das die Gesellschaft zerreißen könne. „Ich sorge mich, dass Trolle ihre Ziele zumindest teilweise erreichen.“ Dabei gäbe es Anhaltspunkte, Aktivitäten automatisch zu blockieren – etwa die kürzliche Erstellung der Profile, die Vernetzung mit Fake-Accounts oder die Kommentar-Häufigkeit.

„Fake News sind ein Riesenthema – und Medienkompetenz.“

Tobias Erdmann, IT-Experte

Unternehmen sollten verdächtige Profile melden, Facebook sei dann verpflichtet, sich das anzusehen. Auch Nutzer sozialer Medien seien nicht schutzlos: „Sie sollten Dinge immer hinterfragen. Kommen Artikel, auf die Bots und Trolle verlinken, aus seriösen Quellen oder sind es Verweise auf Pseudo-Quellen?“ Auf sorgfältig recherchierte Nachrichten werde oft mit vermeintlich gleichwertigen Gegenargumenten reagiert. Erdmann: „Fake News sind ein Riesenthema – und Medienkompetenz.“

Aus Sicht der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) sind neben Medienunternehmen vor allem jene Firmen von Stimmungsmache und Fake News betroffen, die sich eindeutig gegen Russland positionieren, etwa jüngst die Baumarkt-Kette Obi mit Sitz in Wermelskirchen. Sie hat angekündigt, ihre russischen Filialen zu schließen. „Das betrifft also meist größere Konzerne“, erklärt Ralph Oermann, Stabsbereichsleiter Industrie, Innovation und Energie bei der IHK. Er sieht die Aufgabe der Kammer vor allem darin, Firmen für IT-Sicherheit zu sensibilisieren. „Im Bereich der Trolle und Bots geht es um die Beeinflussung der Öffentlichkeit. IT-Sicherheit umfasst wesentlich mehr, ist anders zu betrachten – und kann schnell ein Thema für kleine und mittlere Unternehmen werden.“ Anfang Juni werde die IHK ein Online-Format zum Thema „IT-Sicherheit“ anbieten, Details folgen.

Das Remscheider Startup Wetog, vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in die „Allianz für Cybersicherheit“ berufen, hat zu russischen Cyberangriffen ein Papier veröffentlicht. Die zehn Punkte behandeln unter anderem Sicherheit bei Videokonferenzen und Datenversand, Verschlüsselungen, Cloud-Speichern und Backups: „Die Einflüsse auf die Datensicherheit sind die vier M: Mensch, Maschine, Methode und Material“, so das Unternehmen.

Das häufigste Einfallstor blieben aber Mitarbeiter, sagt Ralph Oermann. „Starke Passwörter suchen und vor allem: Nicht auf alles draufklicken. Das kann man nicht oft genug wiederholen.“

Der RGA stärkt die Medienkompetenz von Schülern gemeinsam mit Lehrkräften im Projekt „Zeitungstreff“: https://www.rga.de/lokales/zeitungsprojekte/zeitungstreff/

Netiquette

Die Netiquette (Kunstwort aus „net“ für Netz und „etiquette“ für Verhaltensregel) legt den Rahmen für elektronische Kommunikation fest. Um sachliche Diskussionen zu ermöglichen, gilt auch bei den digitalen Angeboten der B. Boll Mediengruppe eine Netiquette. Sie macht transparent, was aus welchen Gründen unzulässig ist. Verstöße werden gemeldet und Wiederholungstäter blockiert.

Unsere Netiquette im Netz: https://www.rga.de/ueber-uns/netiquette/

Standpunkt: Auffrischung benötigt

Von Björn Boch

bjoern.boch@rga.de

Putins Krieg gegen die Ukraine wird nicht nur mit Waffen geführt. Hacker nehmen längst kritische Infrastruktur ins Visier. Und weil nichts mehr ohne Computer funktioniert, ist nahezu alles über Datenleitungen angreifbar. Ganz egal, wo auf der Welt der Angreifer sitzt und wo sich das Ziel befindet. Dazu kommen Bots und Trolle, die vor allem eine Aufgabe haben: Menschen zu manipulieren. Seit Jahren schon sind sie aktiv und haben etwa die Wahl Donald Trumps beeinflusst. Auch rund um die Corona-Pandemie war und ist die russische Propaganda dabei: Jedes Thema, das Konfliktpotenzial birgt, wird ausgenutzt, um eine Spaltung zu erreichen oder zu vertiefen. Es ist keineswegs Zufall, dass sich in den Kreisen von Corona-Leugnern viele finden, die Putin verteidigen. Wer sich einmal in einer bestimmten Nachrichtenauswahl eingerichtet hat, kommt da nur schwer wieder raus. Was hilft? Quellen prüfen, sich vielseitig informieren – und immer fragen: Wem nutzt es? Die Grundlagen für Medienkompetenz müssen im Schulalter gelegt werden – aber auch so mancher Erwachsene könnte eine Auffrischung vertragen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Millionenhohe Investitionen: Mehrere Schulen müssen umziehen
Millionenhohe Investitionen: Mehrere Schulen müssen umziehen
Millionenhohe Investitionen: Mehrere Schulen müssen umziehen
Freibad Eschbachtal öffnet am Donnerstag mit Einschränkungen
Freibad Eschbachtal öffnet am Donnerstag mit Einschränkungen
Freibad Eschbachtal öffnet am Donnerstag mit Einschränkungen
Den Stadtwerken in Remscheid fehlen die Busfahrer
Den Stadtwerken in Remscheid fehlen die Busfahrer
Den Stadtwerken in Remscheid fehlen die Busfahrer
Galvanik-Betrieb: 640 Lkw-Ladungen verseuchte Erde
Galvanik-Betrieb: 640 Lkw-Ladungen verseuchte Erde
Galvanik-Betrieb: 640 Lkw-Ladungen verseuchte Erde

Kommentare