Kultur

Anti-Diva überragt mit Gesang und Ironie

Anna Mateur mit „The Beuy“ Kim Efert, Detmolder Saitenartist, traten in der Klosterkirche vor 16 Zuschauern auf. Foto: Roland Keusch
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Anna Mateur mit „The Beuy“ Kim Efert, Detmolder Saitenartist, traten in der Klosterkirche vor 16 Zuschauern auf.

Anna Mateur und „The Beuy“ Kim Efert traten vor 16 Zuschauern in der Klosterkirche auf.

Von Peter Klohs

Lennep. Die Kultur leidet deutlich. Nicht nur die Kulturschaffenden – Musiker, Kabarettisten, Vortragende – wissen nicht, wie sich ihr Leben und ihr Schaffen in den nächsten Monaten darstellen wird, auch das Publikum steht ein ums andere Mal vor leeren Sälen, weil Konzerte abgesagt wurden.

Umso dankbarer muss man sein, wenn kulturelle Veranstaltungen stattfinden können. Und besonders dann, wenn eine bekannte und mit Preisen überhäufte Künstlerin wie Anna Mateur in der Remscheider Klosterkirche vor 16 Gästen auftritt. So geschehen am Mittwochabend.

Anna Mateur, die als Anna Maria Vogt 1977 in Dresden geboren wurde, reist zu ihren Konzerten normalerweise mit zwei Musikern an; diesmal muss aus bekannten Gründen ein Gitarrist reichen: Kim Efert, Detmolder Saitenartist, unterstützt die Frontfrau bei ihrem Programm „Kaoshüter“.

Ihre Stimme ist wandelbar wie die von Nina Hagen

Viel braucht das Duo nicht, um über 85 Minuten lang das Publikum auf hohem Niveau zu unterhalten: Zwei Mikrofone, zwei Monitorboxen, ein Klavierhocker, zwei Notenständer, spärliche Technik. Und ab geht’s in die kulturelle Herausforderung, die sich einer genauen Kategorisierung entzieht.

Sicher ist, dass Anna Mateur singen kann – und wie! Ihre Stimme ist wandelbar wie die von Nina Hagen zu besten Zeiten, klingt zuweilen wie ein quengeliges Kind und zwei Sekunden später wie Louis Armstrong nach dem zehnten Whisky. Die Künstlerin belässt es nicht beim Singen, erzählt und improvisiert viel von ihrem Leben und ihren Träumen, in denen so schräge Dinge wie Chihuahuas, die als Busreifen dienen, vorkommen („So etwas kann man nur erzählen, wenn man eine blaue Strumpfhose anhat und unten drunter eine Bühne ist.“), und erfindet quasi en passant eine neue Geheimsprache, die der von Charlie Chaplin in „Der große Diktator“ ähnelt, live jedoch einen sehr eigenständigen Sog entwickelt.

Anna Mateur singt, als Catwoman verkleidet, über Dorfscheunen, die in Europas größten Swingerclub umgebaut werden sollen, über in Dresden hängende Plakate, die „Keinen Cent für politisch motivierte Kunst“ fordern, verzerrt ihre Stimme, als sie von Pflegerobotern in Seniorenheimen berichtet und bietet ein schmerzvoll-sentimentales „You’re innocent when you dream“ an, ein Lied aus dem Hörspiel „Träume“ von Günter Eich aus dem Jahr 1953.

Alles das begleitet Kim Efert kenntnisreich und sensibel. Efert selbst glänzt in einem dynamischen Solo, in der er die sogenannte Multitracking-Technik einsetzt und mit sich selbst im Quintett spielt.

In ihrer blauen Strumpfhose bietet sie ein tragikomisches Bild

Beim Beatles-Stück „I’m the walrus“ beweist Anna Mateur, dass sie das Flötenspiel beherrscht, etwas später präsentiert sie sich von Hula-Hoop-Reifen umzingelt und bietet mit den quietschblauen Strumpfhosen ein tragikomisches Bild. Nach 80 Minuten endet der offizielle Teil des Programms mit der Erkenntnis: „Manchmal habe ich Sehnsucht, dass alles so bleibt.“

Aber das Publikum hat noch nicht genug und fordert eine Zugabe. Diese beginnt mit „My Way“ mit einem improvisierten Text, in dem die Künstlerin allen Gesundheit wünscht, bewegt sich über Celine Dion und Tina Turner hin zu Queen („We are the champions“ mit exquisiter Gitarrenbegleitung) und endet mit Abba. Anna Mateur ist eine Anti-Diva mit überragenden stimmlichen Fähigkeiten und einem großen Fundus an Geschichten und Selbstironie.

Sängerin, Schauspielerin, Zeichnerin

Die 1977 in Dresden geborene Anna Maria Vogt tourt seit 2003 mit ihren Bühnenprogrammen durch den deutschsprachigen Raum. Unter anderem erhielt sie 2008 den Deutschen Kleinkunstpreis, 2009 den Salzburger Stier sowie 2018 den Deutschen Kabarettpreis. Die studierte Jazz-Sängerin ist auch als Schauspielerin, Zeichnerin und Radiokolumnistin tätig. Sie veröffentlichte 2015 ihr erstes selbst gezeichnetes Buch (Wehwehchen-Atlas). Außerdem beherrscht sie das Klavierspiel sowie Block- und Querflöte.

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