Musiker in Zeiten der Pandemie

André Hilgers: Corona gehört vertrommelt

Passionierter Hardrock-Drummer: André Hilgers, der aus Remscheid stammt und seit 2019 bei Bonfire trommelt. Foto: Michael Mai
+
Passionierter Hardrock-Drummer: André Hilgers, der aus Remscheid stammt und seit 2019 bei Bonfire trommelt.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

Bonfire-Schlagzeuger konzentriert sich in der Krise auf seine Lehrtätigkeit – Kritik an den staatlichen Hilfen.

Von Andreas Weber

Remscheid. Alles war bei Bonfire gerichtet. Neue Veröffentlichung, große Tour. Es hätte ein ereignisreiches Jahr für André Hilgers werden können. Doch der Bonfire-Trommler, im März 2019 bei den Hardrockern eingestiegen, landete wie seine vier Bandkollegen in einem Wartestand mit ungewissem Ausgang. „Fistful of fire“ erschien zwar Anfang April als 17. Studioalbum der unverwüstlichen Metaller, die seit 36 Jahren in der ersten Liga Gas geben. „Doch der Effekt der neuen Scheibe ist längst verpufft“, berichtet Hilgers am Telefon.

Denn die 33 Gigs umfassende Tour in fünf Ländern vom Frühjahr bis in den September musste komplett gecancelt werden. Promotion war nicht möglich. Ohne den Live-Anschub mit Publikum bangen Rockbands um ihre Existenz. Auch André Hilgers musste in seiner ostwestfälischen Heimat Hövelhof bei Paderborn andere Einnahmequellen intensivieren, um zu überleben.

Groß geworden ist der Schlagzeuger in Remscheid. 33 Jahre hat André Hilgers hier gelebt, die AES als Schüler besucht, Energieanlagen-Elektroniker gelernt, bevor er 2000 den Job an den Nagel hängte und seine Leidenschaft Fulltime ausübt. Seit dem 10. Lebensjahr hockt André regelmäßig am Schlagzeug. Seither ließ ihn der Punch hinter dem Drumset nicht mehr los. Heute zählt der 46-Jährige zu den arriviertesten Hardrock-Trommlern in Deutschland.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir der Unterricht mal den Hintern rettet.“
Andre Hilgers, Schlagzeuger

Vanize, Ninja, Silent Force, Axxis, Lingua Mortis Orchestra, Sinner und Rage zählten zu seinen Stationen auf einem langen Weg, der ihn schließlich zu Bonfire führte. Genießen konnte er das Tourleben mit den Veteranen um Hans Ziller nur in 2019. „Jetzt lässt sich einfach nichts mehr planen“, bedauert Hilgers.

Zunächst wurde die Frühjahrs-Tour von Bonfire in den Herbst verschoben, dann von der Booking-Agentur in abgespeckter Form ins Frühjahr 2021 bugsiert. „Die März-Tour ist komplett ausverkauft, aber je nach Halle nur mit maximal 50 Besuchern. Aufwand und Kosten stehen eigentlich in keinem Verhältnis.“ Die Corona-Prognosen für Anfang des nächsten Jahres geben nur bedingt Anlass zur Hoffnung, dass Auftritte selbst im kleinen Rahmen möglich sein werden. „Die meisten Bands überspringen 2021, verlegen ihre Konzerte in 2022“, meint Hilgers.

Doch nach der quälend langen Durststrecke werden die Fragezeichen erst richtig aufploppen: Welcher Club überlebt Corona? Welche Crew-Mitglieder, die andere Jobs angenommen haben, stehen zur Verfügung? Und wie verteilen Veranstalter Termine, wenn alle touren und ihre Nachholtermine buchen möchten?

André Hilgers, der mit seiner dreijährigen Tochter und seiner Frau in Hövelhof bei Paderborn lebt, kann nicht viel Positives an den staatlichen Hilfen finden, die Künstler durch die Krise tragen sollten. „Es wurden viele falsche Versprechen gemacht.“ Die Soforthilfe Corona floss im Frühjahr. „Ich war einer der Ersten, die sie auf dem Konto hatte“, sagt Hilgers. Erst hieß es, er könne sie für private Ausgaben nutzen und nicht nur für die Betriebskosten. Mittlerweile sieht es so aus, dass er das Geld zurückzahlen muss.

Für die Soforthilfe II und die November-Hilfe kommt Hilgers nicht in Frage. Sein Steuerberater hat ihm dies klargemacht. „Die Hürden sind zu hoch. Ich kenne auch niemand aus meinem Business, der diese zwei Hilfen beantragen konnte“, stellt Hilgers ernüchtert fest. Anfangs, erinnert sich Hilgers, sei die häusliche Fessel in der großen Wohnung mit Dachterrasse ganz nett gewesen. „Aber irgendwann hast du zu Hause alles renoviert und wirst müde vom Rumsitzen.“

André Hilgers hatte das Glück, dass er breit aufgestellt ist. „Früher war es die Band, die meinen Kühlschrank vollgemacht hat, jetzt trägt mich der Unterricht durchs Leben. Ich hätte nie gedacht, dass der mir mal den Hintern rettet.“ Der Profi betreibt seit 2013 die Schlagzeugschule „Tight Drums“ in Paderborn, bei der bis vor kurzem noch unter peniblem Corona-Schutz Einzelunterricht möglich war. Den Online-Unterricht via Bildschirm hat er ausgebaut, bietet Lernvideos und Tutorials im Netz an. Auch sein Merchandising mit Drum-Sticks, T-Shirts, Hoodies (Aufdruck „Corona gehört vertrommelt“) und signierten Kaffeetassen läuft.

Auch Bonfire nutzen die Zwangspause kreativ, um die leere Bandkasse zu füllen. Nachdem sie ein paar Wohnzimmer- und Gartenkonzerte gespielt haben im handverlesenen Rahmen, wird im Februar 2021 „Roots“ veröffentlicht, ein Doppel-Akustikalbum mit 23 komplett neu aufgenommenen Bonfire-Tracks. Vorgestellt wird es am 25. Februar mit einem Live-Stream, in Kooperation mit Muxx.TV Köln. Im Laden wird „Roots“ tags darauf erhältlich sein.

Wenn Normalität einkehrt, würde sich Hilgers riesig über einen Einsatz in Remscheid freuen. Veranstalter Maximilian Süss hat Bonfire schon angefragt für das Löwen-Festival auf dem Rathausplatz. „Es wäre der Hammer, wenn ich mit den Jungs dort spielen könnte, wo ich früher geskatet bin.“

Der Ritterschlag

André Hilgers, geboren 30. August 1974, unternahm seine ersten Schritte in einer Band ab 1986, drei Jahre später stieg er bei „Ninja“ (Wuppertal) ein, mit denen er die CD „Liberty“ einspielte. Hilgers sah seine jetzige Band Bonfire mit seinem Vater im September 1986 erstmals in der Dortmunder Westfalenhalle im Vorprogramm von ZZ Top. Heute bei Bonfire zu spielen, empfindet André Hilgers als „Ritterschlag“.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Michael Wellershaus: „Täter sind skrupellos und professionell“
Michael Wellershaus: „Täter sind skrupellos und professionell“
Michael Wellershaus: „Täter sind skrupellos und professionell“
Morsbach: Anwohner suchen Gespräch mit dem Wupperverband
Morsbach: Anwohner suchen Gespräch mit dem Wupperverband
Morsbach: Anwohner suchen Gespräch mit dem Wupperverband
Pensionslasten für die Stadt werden weiter steigen
Pensionslasten für die Stadt werden weiter steigen
Pensionslasten für die Stadt werden weiter steigen
Alpaka-Spaziergang ist die beste Bescherung
Alpaka-Spaziergang ist die beste Bescherung
Alpaka-Spaziergang ist die beste Bescherung

Kommentare