Remscheid als neue Heimat

Flüchtlinge: Jobcenter kümmert sich um alle Antragssteller

Die Gastronomie ist ein Bereich, in dem nach der Pandemie Arbeitskräfte händeringend gesucht werden. Aber auch die Industrie oder die Stadtwerke (Busfahrer) wollen freie Stellen besetzen. Ob ukrainische Flüchtlinge in Frage kommen, prüft das Jobcenter.  
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Die Gastronomie ist ein Bereich, in dem nach der Pandemie Arbeitskräfte händeringend gesucht werden. Aber auch die Industrie oder die Stadtwerke (Busfahrer) wollen freie Stellen besetzen. Ob ukrainische Flüchtlinge in Frage kommen, prüft das Jobcenter.  

Jobcenter prüft, welche Arbeiten die ukrainischen Flüchtlinge annehmen können.

Von Sven Schlickowey

Remscheid.. Rund acht Prozent Kundenzuwachs an einem Tag - seit Mittwoch steht das Remscheider Jobcenter, wie nahezu alle Einrichtungen dieser Art in Deutschland, vor enormen Herausforderungen. Zum 1. Juni wechselte ein Großteil der ukrainischen Flüchtlinge aus dem Geltungsbereich des Asylbewerberleistungsgesetz in den des Sozialgesetzbuches. Und damit in die Zuständigkeit des Jobcenters, das ihnen nun nicht nur Leistungen bewilligt, sondern auch für ihre Vermittlung in den Arbeitsmarkt verantwortlich ist. „Das ist ein großer Vorteil für diese Menschen“, sagt Sven Heidkamp, stellvertretender Geschäftsführer des Jobcenter Remscheid. „Denn das ist unser Tagesgeschäft.“

Während Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages gerade im Ruhrgebiets vor Chaos in den Centern warnt, ist Heidkamp für Remscheid optimistischer: Natürlich sei das viel und natürlich müsse man improvisieren, sagt er: „Aber wir kriegen das hin.“ Auch dank der guten Zusammenarbeit mit der Stadt. Und dank des Engagements der Mitarbeiter.

Aktuell gehe er davon aus, dass in Remscheid rund 750 Geflüchtete vom Jobcenter betreut würden, sagt Sven Heidkamp. So viele Menschen aus der Ukraine seien derzeit gemeldet. „Vielleicht kommen aber weitere dazu, die zurzeit keine Leistungen beziehen.“ Zum Beispiel, weil sie bisher bei Bekannten oder Verwandten untergekommen sind.

Bis zum Start waren deutlich mehr als 500 Anträge beim Jobcenter eingegangen

Alle bei der Stadtverwaltung registrierten Geflüchteten aus der Ukraine habe man frühzeitig angeschrieben, so Heidkamp. Das erleichtere die Organisation. Denn die Ukrainer müssen wie alle anderen Jobcenter-Kunden Anträge stellen. „Da gibt es keine Sonderrechte“, betont Heidkamp. „Beim Jobcenter ist es egal, woher jemand kommt, wir behandeln alle gleich.“

Bis zum Start waren deutlich mehr als 500 Anträge eingegangen. Alle Antragsteller unter 60 und über 14 Jahren werden zu einem Erstgespräch geladen, um eine Arbeitsvermittlung zu prüfen. „Bei jungen Menschen hat natürlich die Schule Vorrang“, erklärt Heidkamp. Bei allen anderen gehe es darum, Grundfähigkeiten, Sprachniveau und andere Faktoren zu ermitteln. Mehr als 330 solcher Erstgespräche seien terminiert.

Im Vordergrund stehe nun wohl der Spracherwerb, vermutet der stellvertretende Geschäftsführer. „Viele sind sehr motiviert und haben sich selber für Integrationskurse angemeldet.“ Zudem müssten aber Punkte wie Kinderbetreuung und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse geklärt werden. Grundsätzlich stehe der Integration der Ukrainer in den Arbeitsmarkt nichts im Wege: „Wenn jemand arbeiten will, kriegen wir wir den auch sehr gut in Arbeit.“

In Remscheid gibt es genügend Jobs für Geflüchtete

Die notwendigen Jobs scheinen vorhanden, auch vor Ort. Die Remscheider Industrie sucht Mitarbeiter für die Produktion, die Stadtwerke Busfahrer. Und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erinnert daran, dass die Gastronomie händeringend sucht - und „schon immer Menschen unterschiedlichster Herkunft“ eine berufliche Heimat bietet. Voraussetzung sei, dass die Rahmenbedingungen stimmen, mahnt Zayde Torun, NGG-Geschäftsführerin in der Region Düsseldorf-Wuppertal: „Denn wer vor dem Krieg flieht und bei uns Schutz sucht, darf nicht ausgenutzt werden.“

Natürlich sei auch Kreativität gefragt, betont Sven Heidkamp. Unter den Geflüchteten gebe es zum Beispiel Erzieherinnen. Gleichzeitig könnten andere Geflüchtete nur arbeiten oder Kurse besuchen, wenn die Kinderbetreuung geklärt ist. „Es ist also denkbar, dass man Erzieherinnen auch ohne Deutschkenntnisse zur Betreuung ukrainischer Kinder einsetzt“, sagt Heidkamp. „Dazu laufen Gespräche mit der Stadt.“

837 Flüchtlinge in Remscheid

Mit Stand vom 31. Mai sind bei der Ausländerbehörde in Remscheid 837 ukrainische Geflüchtete registriert. Darunter sind allerdings auch 28, die wieder verzogen sind und weitere 12, deren Zuzug erwartet wird. 549 sind weibliche Kriegsflüchtlinge, davon sind 401 erwachsen. Kinder bis 13 Jahre gibt es 227, weitere 70 sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. In städtischen Unterkünften sind 462 Ukrainer untergebracht. Viele sind privat untergekommen.

Standpunkt von Andreas Weber: Mit offenen Armen

andreas.weber@rga.de

Ivan Zakharchenko kennt viele der Neuankömmlinge. Für die Ukrainer ist der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ein stets präsenter Ansprechpartner und Helfer in der Fremde. Ein Wunsch, der von Beginn an von fast allen in Remscheid an ihn herangetragen wurde, ist: „Wir würden sofort morgen arbeiten gehen.“ Auch in Remscheid sind viele ausgebildete Fachkräfte angekommen, die sich lieber heute als morgen einbringen würden. Die Voraussetzungen dafür stehen eigentlich gut. Denn eines der großen Probleme Deutschlands ist, dass es an qualifiziertem wie ungelerntem Personal fehlt. Von Ärzten über Pfleger, Erziehern, Lehrern bis zu Unterstützung im Gastgewerbe mangelt es. Die Geflüchteten werden aufgrund der ständigen Nachrichten von neuem Leid aus ihrer Heimat nicht jeden Tag gleich arbeitsfähig sein, aber sie sind motiviert. Wirtschaft und Handel werden sie trotz Sprachschwierigkeiten mit offenen Armen aufnehmen und ihre Integration über den Beruf vorantreiben.

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