Landwirtschaft

Aktionen zum Erntedankfest: Hier findet jeder eine offene Stalltür

Zum anstehenden Erntedankfest wollen die bergischen Landwirte mit den Verbrauchern ins Gespräch kommen. Martin Dahlmann (l.), Vorsitzender der Kreisbauernschaft, und der Remscheider Ortsbauer Andreas Kempe (r.) präsentieren oberhalb des Hofes von Joachim Fischer und seiner Mutter Monika eine der Strohballen-Figuren, die dabei helfen soll. Foto: wey
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Zum anstehenden Erntedankfest wollen die bergischen Landwirte mit den Verbrauchern ins Gespräch kommen. Martin Dahlmann (l.), Vorsitzender der Kreisbauernschaft, und der Remscheider Ortsbauer Andreas Kempe (r.) präsentieren oberhalb des Hofes von Joachim Fischer und seiner Mutter Monika eine der Strohballen-Figuren, die dabei helfen soll.

Zum anstehenden Erntedankfest wollen die bergischen Landwirte mit den Verbrauchern ins Gespräch kommen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Am Sonntag wird das Erntedankfest gefeiert. Für die Landwirte, nicht nur im Bergischen Land, traditionell ein wichtiger Tag. Auch wenn zahlreiche Feierlichkeiten dem Coronavirus zum Opfer fallen. Trotzdem oder gerade deswegen möchten die Remscheider Bauern den Anlass nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Äußeres Zeichen der Aktion sind große Figuren aus Strohballen.

„Wir schützen dein Essen“ steht zum Beispiel auf der Figur oberhalb des Hofes der Familie Fischer in Lüttringhausen. Nur einer von mehreren Slogans, die auf die Situation der Landwirte aufmerksam machen sollen – und die als Grundlage für ein Gespräch dienen können. „Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir hier im Städtedreieck Landwirtschaft wollen. Und wenn ja, welche“, sagt Martin Dahlmann, Vorsitzender der Kreisbauernschaft.

Die aktuelle Situation sei schwer für die Höfe, so Dahlmann. Die Lebensmittelpreise seien vielfach im Keller, vor allem der fürs Bergische so wichtige Milchpreis. „Als ich meinen Hof 1989 übernommen habe, lag das Milchgeld bei 82 Pfennig.“ Heute gebe es nur noch knapp über 30 Cent. Bürokratie und Flächenverbrauch kämen hinzu. Und natürlich der Klimawandel.

Nach dem dritten trockenen Sommer in Folge fehle vielen Bauern das Futter für ihre Tiere. Die einzigen Möglichkeiten seien, Futter zuzukaufen oder die Zahl der Tiere zu reduzieren. Beides bringe die Betriebe in Schieflage: „Die Landwirte werden reihenweise aufhören“, prophezeit der Vorsitzende der Kreisbauernschaft.

Laut dem Verband der Landwirtschaftskammern sind die Gewinne der Betriebe in Deutschland 2019 im Schnitt um etwa ein Viertel gesunken. Im Durchschnitt werfe ein Bauernhof in NRW derzeit rund 50 000 Euro Jahresüberschuss ab, sagt Martin Dahlmann. Nicht nur angesichts der investierten Arbeit ein überschaubares Einkommen für eine Familie. Entsprechend oft seien Kinder nicht mehr bereit, die Höfe zu übernehmen: „Ich kenne viele, die lassen das jetzt so auslaufen“, berichtet Dahlmann. Der vorhandenen Futtervorräte würden noch verbraucht. „Und dann sind die Tiere irgendwann weg.“

Remscheid: Verständnis der Verbraucher für die Arbeit der Bauern schaffen

Und je weniger Lebensmittel vor Ort produziert würden, umso mehr müsse importiert werden, betont Andreas Kempe, Vorsitzender der Ortsbauernschaft Remscheid: „Der Selbstversorgungsgrad ist heute schon nicht mehr so hoch, wie man vielleicht denkt.“ Laut dem zuständigen Bundesministerium kommt aktuell zum Beispiel neun Prozent des in Deutschland benötigten Getreides aus dem Ausland. Außerdem mehr als ein Viertel der Eier. Und fast 65 Prozent des hier verzehrten Gemüses.

„Wir haben weltweit die höchsten Standards“, sagt Dahlmann. Lege man als Verbraucher Wert darauf, dass Lebensmittel nach diesen Standards produziert werden, müsse man den Erzeugern die wirtschaftlichen Möglichkeiten dazu geben: „Wir müssen uns bewusst sein, dass es teurer wird.“ Laut Umfragen sind immer mehr Verbraucher bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen. Das tatsächliche Einkaufsverhalten sieht in den meisten Fällen aber anders aus.

Ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sicher nicht in Remscheid gelöst werden kann. Aber Verständnis beim Verbraucher schaffen für die eigene Arbeit, das können und wollen die Bauern hier vor Ort. Auf ihrem Hof finde zum Beispiel jeder Besucher eine offene Tür vor, sagt Monika Fischer: „Wir sind die Letzten, die die Leute nicht in den Stall gucken lassen würden.“ Vor allem zur Stallzeit sei jeder willkommen. „Und zwischen 17 und 18 Uhr gibt es bei uns auch frische Milch zu kaufen.“

Auch Martin Dahlmann sagt: „Ich kenne keinen Kollegen, der sich nicht die Zeit nehmen würde, ein paar Fragen zu beantworten.“ Denn die Landwirte hätten es lieber, wenn mit ihnen statt über sie gesprochen werde. „Viele fühlen sich auch missverstanden.“

Erntedank

Das Erntedankfest wird meist am ersten Sonntag im Oktober gefeiert. Verbindlich festgelegt ist das aber nicht, so ist das Fest zum Beispiel nicht Teil des katholischen Kirchenjahres, weswegen Erntedank je nach Region und Gemeinde teils auch Ende September begangen wird. Ähnliche Feste, bei denen für eine gute Ernte gedankt wird, gibt es überall auf der Welt. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich das US-amerikanische Thanksgiving am vierten Donnerstag im November, das als wichtigstes Familienfest in den USA gilt.

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