Teil der Unterkunft bleibt bestehen

Abrissbagger rücken zur Pension Dreßen

Abriss an der Neuenkamper Straße: Ein Teil der Pension Dreßen verschwindet. In direkter Nachbarschaft bleibt ein Gebäude der Unterkunft für Wohnungslose erhalten. Foto: Roland Keusch
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Abriss an der Neuenkamper Straße: Ein Teil der Pension Dreßen verschwindet. In direkter Nachbarschaft bleibt ein Gebäude der Unterkunft für Wohnungslose erhalten.

Für Sozialdezernent Thomas Neuhaus füllt sie eine Marktlücke.

Von Frank Michalczak und Axel Richter

Remscheid. Es muss in Remscheid niemand auf der Straße leben, der das nicht will. Das liegt auch an der Pension Dreßen. Seit vielen Jahren gibt Philipp Dreßen an der Neuenkamper Straße denen ein Dach über dem Kopf, die anderswo nicht ohne Weiteres eine Wohnung finden. Jetzt lässt er eines der Häuser abreißen. Bagger schlagen ihre Schaufelzähne ins Gebälk. „Die machen die Hütte platt“, sagt Dreßen. „Danach kommt da erst mal eine Freifläche hin und dann wird weiterdisponiert.“

Bei der Stadt nahm man die Nachricht des RGA zunächst mit Unwohlsein entgegen. Lange hatte sie selbst in dem Beherbergungsbetrieb an der Neuenkamper Straße zwei Appartements gemietet. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahres kündigten die Behörden das Mietverhältnis. In Zusammenarbeit mit der Gewag hält die Stadt Wohnungen vor, um wohnungslose Menschen nicht zu Obdachlosen werden zu lassen.

Die Sorge um die Pension Dreßen war am Donnerstag dennoch groß. Dass Philipp Dreßen die Abrissbagger anrücken ließ, war dort nicht bekannt. Doch der beruhigt: Die Menschen, die in dem Gebäude wohnten, brachte er nebenan unter. Nach einem Brand im September 2016 hatte er das Haus mit der Nummer 56 wieder instandsetzen lassen.

„Hier leben Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance haben.“

Sozialdezernent Thomas Neuhaus

Für Sozialdezernent Thomas Neuhaus dient die Einrichtung dazu, eine „Marktlücke zu füllen“. „Hier leben Menschen miteinander, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance haben – sicher auch, weil sie Probleme haben, sich in eine Hausgemeinschaft einzufügen“, erklärt Neuhaus. Für jene, die in Gemeinschaft ihre Alkoholsucht ausleben wollen, gebe es keine alternativen Unterkünfte in Remscheid. „Auch die Wohlfahrtsverbände bieten eine derartige Einrichtung nicht an“, bedauert der Dezernent, der sich noch gut an die Nacht nach dem Brand in der Pension Dreßen erinnern kann. „Wir hatten Bewohner in unserer Notschlafstelle aufgenommen. Bis auf einen Rollstuhlfahrer waren sie alle innerhalb von ein paar Stunden verschwunden. Sie durften hier nicht trinken und auch nicht rauchen.“ Unterschlupf hätten sie dann doch lieber bei Freunden und Bekannten gesucht.

So leistet die Einrichtung mit den gewährten Freiheiten einen Beitrag dazu, Obdachlosigkeit zu verhindern. „In Remscheid ist es fast schon selbstverständlich, keinen Wohnungslosen im öffentlichen Raum anzutreffen. Das ist in wenigen Großstädten der Fall“, erklärt Thomas Neuhaus, der dies auch auf das engmaschige Beratungsnetz zurückführt.

Zum einen führt er die Zentrale Fachstelle für Wohnungsnotfallhilfen der Stadt Remscheid an. Sie bietet Rat und Tat an – etwa bei Kündigung des Mietvertrags, bei Zwangsräumung oder nach einer Haftentlassung. Zum anderen verweist er auf Beratungsangebote der Caritas, die an der Schüttendelle auch ein Tagescafé für Betroffene bietet – mit diversen Freizeitangeboten. Für Gespräche steht ein Team aus Sozialarbeitern bereit.

Grundsätzlich sollen Menschen, die aufgrund unterschiedlicher Problemlagen kein Dach mehr über den Kopf haben, wieder in die Gesellschaft geführt werden, sagt Thomas Neuhaus: „Die Stadt Remscheid hat für diese Fälle 30 Wohnungen bei der Gewag angemietet“, verweist er auf die Zusammenarbeit mit dem kommunalen Wohnungsunternehmen, die er als wertvoll bezeichnet. Auch dadurch werde Obdachlosigkeit in Remscheid verhindert.

Doch nicht jeder will sich in einer eigenen Wohnung eingliedern lassen, so dass die Pension Dreßen ihre Existenzberechtigung habe. „Aber auch dort halten wir unterschiedliche Hilfsangebote vor“, unterstreicht Thomas Neuhaus.

Notfallhilfe

Die Wohnungsnotfallhilfe der Stadt Remscheid ist in der Außenstelle der Stadtverwaltung, Haddenbacher Straße 38 bis 42, untergebracht. Ihre Aufgabe ist es, Ratsuchenden zu helfen – mit dem Ziel, Obdachlosigkeit zu beheben oder zu verhindern. Persönliche Vorsprachen sind wegen der Corona-Schutzmaßnahmen in der Anlaufstelle zwar momentan nicht möglich, dafür aber jederzeit eine Kontaktaufnahme per E-Mail – an die Adresse: ZFWohnungshilfen@remscheid.de

Standpunkt: Gebot der Solidarität

Von Frank Michalczak

frank.michalczak@rga.de

Die Ursachen für Obdachlosigkeit sind breit gefächert. Sie beschränken sich längst nicht nur auf Alkohol- oder Drogensucht. Oftmals haben die Betroffenen durch Schicksalsschläge, durch die plötzliche Kündigung des Arbeitsverhältnisses oder durch eine psychische Erkrankung den Boden unter den Füßen verloren. In vielen Fällen stehen sie wegen Schulden, die sich schon in wenigen Monaten auftürmen können, vor dem Nichts. So vielschichtig die Problemlagen sind, so flexibel muss die Hilfe für die Betroffenen sein, die unter Perspektivlosigkeit leiden.

Von daher war es ein richtiger Schritt der Stadt Remscheid 30 Wohnungen von der Gewag zu mieten, in denen Menschen in akuter Wohnungsnot ein Zuhause finden. Denn die eigene Wohnung ist die Voraussetzung dafür, überhaupt wieder ins Leben zurückkehren zu können. Betroffene zu unterstützen, die ohne Bleibe sind, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und ein Gebot der Solidarität. In diesem Fall wird Geld der öffentlichen Hand sinnvoll investiert.

Wohnungsleerstände und Obdachlosigkeit beseitigen, dem rapide sinkenden Bestand an Sozialwohnungen begegnen. Der Fachdienst Soziales und Wohnen schafft für diese große Aufgabe intern neue Strukturen. 

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