Gedenken

93-Jähriger übergibt zwei Bücher aus der Häftlingsbücherei des KZ Buchenwald

Zeitzeuge Karl Braun (Mitte) übergab gestern in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall einem Vertreter der Gedenkstätte Buchenwald zwei Brockhaus-Bände, die er nach der Befreiung des KZ Buchenwalds erhalten hat. Foto: Roland Keusch
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Zeitzeuge Karl Braun (Mitte) übergab am Mittwoch in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall einem Vertreter der Gedenkstätte Buchenwald zwei Brockhaus-Bände, die er nach der Befreiung des KZ Buchenwalds erhalten hat.

Karl Braun war nach dem Krieg als Helfer im KZ Buchenwald im Einsatz.

Von Peter Klohs

Remscheid. Es gibt Momente, zumeist ausgelöst durch die Schilderung von betroffenen Menschen, in denen man ernsthaft darüber nachdenkt, ob das Überleben des Zweiten Weltkrieges in gewisser Weise nicht ausschließlich positiv zu bewerten ist. Die Berichte von Karl Braun lassen erahnen, dass es zuweilen auch eine Strafe sein kann.

Karl Braun, 93-jähriger Remscheider, erinnerte sich angesichts einer Gedenkstunde in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall am frühen Mittwochnachmittag an die unselige Zeit. Er selbst bekam, nachdem er als Helfer nach dem Krieg im Konzentrationslager Buchenwald gearbeitet hatte, zwei Bücher – Ausgaben des Brockhaus – von einem anderen Helfer geschenkt. Er übergab die Bücher nun an Holm Kirsten, dem Sammlungsleiter der Gedenkstätte Buchenwald. „Das soll ein Dokument aus den schweren Zeiten sein, in denen wir gelebt haben“, sagte Karl Braun dazu.

Die ehemalige Häftlingsbücherei in Buchenwald musste kriegsbedingt umziehen, erinnert sich Braun. Die Bücher wurden im Keller des ehemaligen Hauses von Charlotte von Stein, mutmaßliche Geliebte des Dichterfürsten Goethe, gelagert. Karl Braun kam am 8. August 1943 nach Weimar. Seine Mutter hatte ihn in Sicherheit bringen wollen. Sein Vater lebte 1943 nicht mehr. „Ich bin meinem Vater unendlich dankbar“, sagt Braun, „dass er mich vor der Hitlerjugend bewahrt hat.“

Er selbst habe in seiner Weimarer Zeit immer einen brennenden Schornstein in Richtung Buchenwald gesehen. Bereits 1943 hätten die Bewohner Weimars gewusst, dass in Buchenwald schreckliche Dinge geschahen. „Geh’ nicht in das Lager, hat man mir gesagt, die Wachen dort schießen ohne Warnung.“ Von einer Anhöhe konnte man das Lager und Tausende Menschen sehen. Später verlangten die Amerikaner, dass sich 2000 Bewohner Weimars das Konzentrationslager ansehen mussten. Die Gräueltaten Hitlers sollten öffentlich gemacht werden. Karl Braun war dabei.

Spätestens bei der Schilderung der Gegebenheiten, die der Remscheider dort gesehen hat, ist es mit seiner Gefasstheit vorbei. Er weint, noch immer betroffen von den Menschen, die zu Knochengerippen geworden waren. Noch immer schüttelt er voller Unverständnis und zutiefst traurig den Kopf über die Lagerinschrift „Jedem das Seine“.

„Ich hatte eine Ausbildung beim Roten Kreuz genossen“, erinnert sich Braun, „und wenn man da einmal war, dann bleibt man ein Helfer. Ich habe mich sofort bereiterklärt, diesen Menschen zu helfen.“ Doch wie hilft man Menschen, die am Rande des Todes sind? „Man füttert sie“, antwortet der alte Mann erschüttert. „Man füttert sie vorsichtig und langsam.“ Er erinnert sich an die verschiedenen Baracken im Lager, die mit ihren Aufschriften die Herkunft der Häftlinge angaben: Berlin, München, Rheinland. Er erinnert sich, dass die Amerikaner selbst das Lager nicht betraten.

Seine damals erhaltenen zwei dicken Brockhaus-Bände sollen jetzt wieder dahin zurückkehren, woher sie stammen. Holm Kirsten weiß, dass diese Bücher aus der ehemaligen Häftlingsbücherei in Buchenwald stammen. „Wir nehmen die beiden Bände genau unter die Lupe“, kündigt er an. „Und vielleicht erfahren wir so sogar, wem die Bücher ehemals gehört haben.“ Das Sammlungsdepot in Weimar umfasst bisher 122 Bände.

Hintergrund

„Es ist eine absolute Ausnahme, dass wir auf diese Art Zeugnisse aus jener Zeit erhalten“, sagt Holm Kirsten. Alle schriftlichen Unterlagen aus dem und über das KZ Buchenwald sind noch immer in amerikanischem Besitz.

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