Blackout

72 Stunden Blackout in Remscheid: Katastrophen-Szenario zeigt die Auswirkungen

Schon ihren Tag der offenen Tür hatte die Feuerwehr unter das Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ gestellt.
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Schon ihren Tag der offenen Tür hatte die Feuerwehr unter das Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ gestellt.
  • Axel Richter
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Die Stadt bereitet sich auf einen möglichen Stromausfall vor. Das Szenario zeigt, wie gefährlich ein dreitägiger Blackout wäre.

Von Axel Richter

Zehn Minuten bis 60 Minuten nach dem Stromausfall: Bei der Feuerwehr gehen die ersten Hilferufe ein. Am Henkelshof stecken Bewohner im Aufzug fest. Sie haben Glück. Die Handynetze funktionieren noch. Keine Stunde später brechen sie wegen Überlastung zusammen. Zugleich wird die Lage auf den Straßen chaotisch. Die Ampeln sind ausgefallen, es kommt zu Unfällen. Und später auch zu Bränden, weil die Menschen unsachgemäß mit Feuer hantieren.

Was klingt wie das Drehbuch für ganz großes Kino, ist für den Energie-Krisenstab der Stadt ein realistisches Szenario. „Wir müssen uns darauf vorbereiten“, sagt Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD): „Immer in der Hoffnung, dass es nicht eintritt.“

Der vom Stadtoberhaupt geleitete Krisenstab trifft Vorkehrungen für einen großflächigen Stromausfall von zunächst bis zu 72 Stunden. „Das wären drei lange Tage und drei lange Nächte“, sagt Guido Eul-Jordan, Chef der rund 150 hauptamtlichen und 250 freiwilligen Kräfte der Feuerwehr Remscheid.

So bereitet sich die Feuerwehr auf einen möglichen Stromausfall vor

Sie alle würden im Einsatz sein und bald an ihre Grenzen stoßen, weshalb der Krisenstab die Bürgerinnen und Bürger darum bittet, Vorräte anzulegen. Denn Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente werden im Blackout bald nicht mehr zu haben sein.

Ein bis zwei Stunden nach dem Stromausfall: Die Feuerwehr erreichen erste Hilfeersuchen aus den Altenheimen. Beatmungsplätze und Dialysegeräte fallen aus. Das Sana-Klinikum funktioniert autark. Es verfügt über eine eigene Notstromversorgung.

Zwei bis acht Stunden nach dem Stromausfall: Es fließt kein Wasser mehr aus dem Hahn. Die Remscheider bekommen ihr Trinkwasser aus der Großen Dhünntalsperre. Doch die liegt niedriger als die Stadt, erklärt Michael Zirngiebl, Chef der Technischen Betriebe. Und alle Pumpen sind ausgefallen. Auch der Feuerwehr droht das Löschwasser auszugehen. Hydranten sprudeln nicht mehr, weil in den Leitungen der Druck fehlt. Die Feuerwehr ist darauf vorbereitet: „Wir bringen das Löschwasser mit.“

Acht bis 72 Stunden nach Blackout-Beginn: Es droht der Ausfall der „zivilen, privaten Kraftstoffversorgung“. An den Tankstellen gibt es keinen Sprit mehr, auch die Zapfsäulen brauchen Strom. Feuerwehr und Hilfsdienste haben Sprit gebunkert.

Die Polizei auch, denn mehr als 72 Stunden nach dem Stromausfall kommt es nach den Prognosen zu „massiven Versorgungsengpässen bei allen Gütern des täglichen Bedarfs“. Und zwar nach Voraussagen der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren auch in Haushalten, die vorgesorgt haben. Einkaufen lässt sich vorläufig nichts mehr. Die Türen der Geschäfte sind geschlossen. Und selbst wenn, könnte keiner bezahlen. Nicht mit Karte und nicht in bar, denn die Automaten spucken kein Bargeld aus.

Wenn nichts mehr geht, leuchten 13 Katastrophen-Leuchttürme in Remscheid. Wie berichtet, will die Feuerwehr Gerätehäuser sowie Schulen und Sporthallen zu Anlaufstellen machen. Sascha Ploch, für den Schutz der Bevölkerung zuständig, richtet sie ein. Mit mobilen Heizungen, Notstromaggregaten und Lichtmasten. An den „Leuchttürmen“ sollen die Menschen Notrufe absetzen können.

Dort wäre auch eine medizinische Erstversorgung möglich. Ob und wo zusätzlich Wärmestuben eingerichtet werden können, ist derzeit Thema im Krisenstab. Dort sollen sich die Menschen aufhalten können, wenn es daheim zu kalt wird.

Wie wahrscheinlich ein solches Szenario ist – darüber mag im Krisenstab der Stadt niemand spekulieren. Im Auftrag des Wirtschaftsministers haben die vier großen Netzbetreiber in einem Stresstest die Sicherheit des Stromnetzes unter verschärften Bedingungen untersucht. Das Ergebnis: Ein Blackout ist „sehr unwahrscheinlich“, wird aber nicht ausgeschlossen. Schon gar nicht im Fall von Sabotage. OB Burkhard Mast-Weisz erinnert an das Münsterländer Schneechaos von 2005. Nachdem einige Strommasten unter der der Last zusammengebrochen waren, blieben rund 250 000 Menschen bis zu vier Tage ohne Strom.

Vorratshaltung

Für zehn Tage sollten Lebensmittel im Haus sein. Und zwar für jede Person rund 2200 Kilokalorien und mindestens zwei Liter Getränke pro Tag. Konserven sind von Vorteil: Sie können warm wie kalt verzehrt werden. Nudeln und Reis sind zwar ebenfalls lange haltbar, für die Zubereitung braucht es aber einen Gaskocher. Generell gilt: Die Lebensmittel sollten regelmäßig erneuert werden. Eine Checkliste, was in die Vorratskammer gehört, finden Sie hier.

Standpunkt von Axel Richter: Wir können Krise

axel.richter@rga.de

Es ist ein schmaler Grat, den der Energie-Krisenstab beschreitet. Auf der einen Seite wollen die Mitglieder den Menschen keine Angst machen. Auf der anderen Seite gilt es, die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger auf den Notfall vorzubereiten. Wer das mit klaren Worten tut, setzt sich leicht dem Vorwurf der Panikmache aus. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Tatsächlich müssen wir den Gedanken, in unserer Existenz bedroht zu sein, erst einmal wieder zulassen – ohne zugleich in Panik oder Apathie zu verfallen. Viele ältere Menschen machen es uns vor. Nach dem verlorenen Weltkrieg gab es für sie keine Entlastungs-, sondern bestenfalls Carepakete. Schon Corona begegneten sie deshalb robuster als andere.

Eine solche Haltung fällt uns Jüngeren nicht leicht, doch sind wir sehr wohl dazu fähig. Wir können Krise lernen, sagt zum Beispiel Prof. Dr. Eugen Davids. Ein Interview mit dem Ärztlichen Direktor der Stiftung Tannenhof lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, am Montag im RGA.

Lesen Sie auch: Galvano Fischer: Verseuchte Erde wird entfernt

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