2068 Tests pro Tag

21 Kitas spüren mit Lolli-Tests das Virus auf

Die Kinder der Kita Honsberg zeigen, wie es geht: einfach am Stäbchen lutschen. Saskia Schmidt, Leiterin der „Sonnenkäfer“, hat ein Auge darauf. Foto: Doro Siewert
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Die Kinder der Kita Honsberg zeigen, wie es geht: einfach am Stäbchen lutschen. Saskia Schmidt, Leiterin der „Sonnenkäfer“, hat ein Auge darauf.

Pilotprojekt mit der Uni Köln ist gestartet – Auslastung in den Einrichtungen beträgt 55 Prozent – Verdi übt Kritik

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Mit dem Lutschen an einem Stäbchen will die Stadt dem Infektionsgeschehen einmal mehr auf den Grund gehen: Seit vergangener Woche werden in 21 Kindertagesstätten, darunter 11 städtische, die sogenannten Lolli-Tests eingesetzt. Dieser hat seinen Namen von der Süßigkeit – er kann wie ein Lolli im Mund gelutscht werden. Unangenehm tiefe Abstriche sind nicht mehr notwendig. Pro Tag werden so laut Fachdienstleiter Egbert Willecke 2068 Personen in der Stadt getestet – 1628 Kinder und 440 Mitarbeiter.

Mit der neuen Methode will die Stadt mögliche Infektionen früh erkennen und eindämmen. Auch wenn Kitas derzeit keine Hotspots sind, treten dennoch Infektionen auf. Vor allem die britische Mutation verbreitet sich schneller.

Test soll infizierte Kinder ohne Symptome finden und so Ketten durchbrechen

„Kinder zeigen dabei häufig keine Symptome. Trotzdem kann es sein, dass sie eine Viruslast haben. Genau dem wollen wir auf die Spur kommen – und die Ketten frühzeitig unterbrechen“, sagt Peter Nowack, Abteilungsleiter für Kindergartenangelegenheiten bei der Stadt. Denn so soll zudem vermieden werden, dass Mitarbeiter erkrankten. Zur Kontaktnachverfolgung und Kontrolle der Corona-Regeln schafft die Stadt gerade neue, befristete Stellen.

Aktuell sind nur wenige Kinder betroffen - andere Altersgruppe ist stärker vertreten

Auch in den vergangenen Tagen waren wieder einige Kita-Gruppen in Quarantäne geschickt worden, weil Infektionsfälle aufgetreten waren (die stets aktuelle Übersicht liefert unser Blog zur Corona-Pandemie). Dennoch sind laut Sozialdezernent Thomas Neuhaus Kinder aktuell nicht so stark von Sars-CoV-2 betroffen wie beispielsweise die Gruppe der jungen Erwachsenen bis 40. Der Anteil der Kinder bis fünf Jahre am Infektionsgeschehen betrug zuletzt nur 0,5 Prozent.

Bei dem Lolli-Test-Projekt handelt sich um eine Studie mit der Uni Köln und dem Kölner Labor Quade. Das Labor gibt dabei die Tests in den teilnehmenden Kitas ab und sammelt sie später wieder ein. Jede Gruppe plus Erzieher wird so zweimal die Woche getestet.

So funktioniert der Lolli-Test in der Praxis

Kinder lutschen dabei erst an Teststäbchen 1 wie an einem Lutscher. Alle Stäbchen kommen gemeinsam in einen Behälter. Dann lutschen die Kinder an „Lolli 2“. Diese werden einzeln verpackt und mit Namen versehen. Das Labor prüft dann zunächst nur den Becher – „Pool-Test“ nennt sich dies. Sollte der Befund positiv ausfallen, werden die Einzelstäbchen geprüft. Die Laboranten können somit sofort herausfinden, welches Kind infiziert ist. Und das tagesaktuell. Die Teilnahme ist freiwillig. Für Kinder ist eine Einverständniserklärung der Eltern notwendig.

Damit werden nicht nur die Beschäftigten, sondern auch Kinder gefährdet.

Lothar Reitzer, Gewerkschaft Verdi, über Kita-Öffnungen trotz hoher Inzidenz

Jeder Pool-Test kostet 40 Euro. Die Kosten dafür trägt die Stadt. Werden Einzeltests notwendig, so entstehen hierfür zwar weitere Kosten, diese sind aber erstattungsfähig, weil sie dann aus konkretem Anlass erfolgen. Damit können sie von den Labors über den Gesundheitsfonds abgerechnet werden.

Die Nachbarstadt Solingen, die die Lolli-Tests bereits seit März einsetzt, hat gute Erfahrungen mit der Methode gesammelt. Sie hat die Tests nun sogar auf Grundschulen ausgeweitet.

Hilferuf des Oberbürgermeisters bringt kaum etwas

Die Kitas in Remscheid blieben in der vergangenen Woche trotz des hohen Inzidenzwertes geöffnet. Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) hatte einen Notbetrieb gefordert – was jedoch keine Zustimmung beim NRW-Familienministerium fand.

Daher schickte der Stadtchef einen dringenden Appell an die Eltern, ihre Kinder möglichst zu Hause betreuen. Der Erfolg war überschaubar: „Danach war ein Rückgang der Auslastung von fünf Prozent in den Einrichtungen zu spüren“, sagt Egbert Willecke. Um Eltern zu entlasten, verzichtet die Stadt Remscheid für einige Monate auf ihren Teil der Kita-Gebühren.

Auch die Gewerkschaft Verdi hatte das harsch kritisiert: „Damit werden nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Kinder in unverantwortlicher Weise gefährdet“, sagt Gewerkschaftssekretär Lothar Reitzer.

Inzwischen hat die Bundesregierung das Problem gelöst. Durch das neue Bundesinfektionsschutzgesetz gilt in den Remscheider Kitas ab heute „ein Betreuungsverbot mit bedarfsorientierter Notbetreuung“, wie die Stadt mitteilt. Dazu gehören weiterhin Maskenpflicht, Gruppentrennung und eine Reduzierung um zehn Stunden, vor allem aber werden Kinder nur betreut, wenn die Eltern eine Betreuung anders nicht sicherstellen können, die Betreuung aus Gründen des Kinderschutzes erforderlich ist, sowie Kinder im letzten Kindergartenjahr und Härtefälle sind. Alle Regeln zur Notbetreuung finden Sie auch in unserer Übersicht zu den Corona-Regeln in Remscheid.

Das fordert Verdi

  • konsequente Schließung von Gruppen und Kitas – auch dann, wenn der Betreuungsschlüssel nicht gewährleistet ist
  • keine Vertretung durch Erzieher aus anderen Gruppen
  • klare Aufforderung an Eltern, Kinder zu Hause zu lassen oder vorab zu testen

Kommentar: Ein fatales Signal

sven.schlickowey@rga.de

Von Sven Schlickowey

Die „bedarfsorientierte Notbetreuung“, die seit heute in den Remscheider Kitas gilt, ist schlichtweg ein Witz. Ausnahmen für das an sich geltende Betretungsverbot gibt es nämlich nicht nur, wenn sonst das Kindeswohl gefährdet wäre, sondern auch für alle Kinder im letzten Kindergartenjahr und wenn die Eltern erklären, dass sie die lieben Kleinen anders nicht versorgt kriegen – ohne dass das überprüft würde. Einige Erzieherinnen und Erzieher rechnen bereits damit, dass es heute in den Kindergärten voller wird, als es noch letzte Woche war.

Ausgerechnet die Mitarbeiter im pädagogischen Betreuungsbetrieb, die am wenigsten Abstand zu ihren Schützlingen halten können, werden von der Landesregierung am schlechtesten geschützt, daran ändert auch das inzwischen gemachte Impfangebot wenig.

Das soll, diese Vermutung liegt nahe, vor allem dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen weiter arbeiten gehen können. Welch fatales Signal an die Kita-Mitarbeiter: Sie riskieren ihre Gesundheit, damit die Wirtschaft weniger Einschränkungen hinnehmen muss.

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