Gedenken

Zugunglück in Radevormwald: „Wir waren Kinder – bis der 27. Mai 1971 kam“

Radevormwald gedachte am Donnerstag der Opfer des Zugunglücks nahe des Dahlerauer Bahnhofs vor 50 Jahren. 
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Radevormwald gedachte am Donnerstag der Opfer des Zugunglücks nahe des Dahlerauer Bahnhofs vor 50 Jahren. 

Radevormwald gedachte der Opfer des Zugunglücks vor 50 Jahren – Eine Überlebende schilderte ihre schrecklichen Erinnerungen.

Von Claudia Radzwill

Punkt zwei Uhr fingen alle Radevormwalder Kirchenglocken an zu läuten. Radevormwald gedachte am Donnerstag der Opfer des Zugunglücks nahe des Dahlerauer Bahnhofs vor 50 Jahren. Auf dem Kommunalfriedhof fand die zentrale Gedenkfeier statt, die auch in vier Kirchen live übertragen wurde.

An der zentralen Gedenkstelle auf dem Kommunalfriedhof nahmen Vertreter der Stadt, vom Land wie auch der Deutschen Bahn teil. Vor dem großen Gedenkkreuz auf dem Friedhof waren Kränze niederlegt. Das Streichquintett der Radevormwalder Musikschule spielte zum Auftakt „Die überraschende Trauer“ des finnischen Komponisten Urho Sipponen. Er hatte das Stück 1971 als Beileidsbeurkundung den Opfern des Radevomwalder Zugunglücks gewidmet.

Bürgermeister Johannes Mans blickte zurück auf das Zugunglück im Jahr 1971.

Am 27. Mai 1971 starben 46 Menschen, als ein Güterzug frontal mit einen Schienenbus zusammenstieß, darunter waren 41 Schüler und Schülerinnen der Abschlussklasse der Geschwister-Scholl-Hauptschule, die von einer Schulfahrt aus Bremen zurückkamen.

„Am Tag des Unglücks blieb das Leben schlagartig stehen, ein Schleier der Trauer legte sich über die Stadt.“

Bürgermeister Johannes Mans

Auch Monika Zierden saß damals mit im Schienenbus. Sie sprach als Überlebende zum Gedenktag – packte ihre Emotionen in Worte, die berührten. „Wir waren Kinder – bis der 27. Mai 1971 kam“, sagte sie unter Tränen. „Ich überlebte, hatte mit einem Muskelriss und Prellungen nicht viele körperliche Schäden davongetragen.“ Doch die seelischen Verletzungen, das Trauma seien lange geblieben. Es habe damals keine psychologische Hilfe gegeben, um das Erlebte zu verarbeiten. Es habe gedauert, bis sie wieder normal leben konnte. Und: „Damals gab es in der Stadt einen spürbaren Riss in der Bürgerschaft. Die einen hatten ihre Kinder verloren, während in anderen Familien die Kinder überlebt hatten.“ Für manche war das schwer zu ertragen. Dennoch wurde in Folge des Unglücks darüber geschwiegen, es wurde verschwiegen. „Heute habe ich die Kraft darüber zu reden“ sagte Monika Zierden. „Doch lange bekam ich jedes Jahr am 27. Mai weiche Knie und musste zur Unglückszeit am Abend weinen.“

Innenminister Herbert Reul war zur Gedenkfeier nach Radevormwald gekommen.

Bürgermeister Johannes Mans erinnerte in seiner Ansprache daran, dass das Zugunglück das Leben in Radevormwald prägte. „Am Tag des Unglücks blieb das Leben schlagartig stehen, ein Schleier der Trauer legte sich über die Stadt.“ Er erinnerte aber auch besonders an die Lehrer und Lehrerinnen der betroffenen Hauptschule, die damals für die dortigen Schüler Helfer und Gesprächspartner waren und an all die Menschen, die mit „unserer Kleinstadt Solidarität und Mitmenschlichkeit zeigten“.

Innenminister Herbert Reul, der in Vertretung des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet an der Gedenkfeier teilnahm, blickte auf den 27. Mai zurück als einen Tag der Trauer und des Traumas. „Für die Stadt wie für ganz Nordrhein-Westfalen.“ Sich zu Erinnern zeige den Angehörigen: „Ihr seid nicht allein.“ Doch Trost helfe nicht über den Verlust des eigenen Kindes hinweg. „Die Jahre vergehen, die Trauer aber bleibt“, sagte Reul. Im Namen der Landesregierung erweise er an diesem Tag den Opfern und den Angehörigen Respekt. „Wir werden die Opfer nie vergessen.“

Antje Menn, Superintendentin des Kirchenkreises Lennep, und Dompropst Monsignore Guido Assmann verlasen während der Zeremonie aller Namen 46 Toten. Zuvor fanden beide – die in Radevormwald aufwuchsen – persönliche Worte. Domprobst Assmann erinnerte sich, wie er als Siebenjähriger am Tag nach dem Unglück in die Schule kam und viele Schüler weinten. Pfarrerin Menn kam 1974 mit ihrer Familie in die Bergstadt – und lernte Klassenkameraden kennen, die bei dem Unglück Geschwister verloren hatten.

Der Unfallhergang konnte nie genau geklärt werden. Aus damaligen Ermittlungen heißt es, dass es auf ein Missverständnis in Bezug auf ein Haltesignal zwischen dem Fahrdienstleiter am Bahnhof Dahlerau und dem Lokführer des Güterzuges zurückzuführen sei. 1971 gab es noch keinen Sprechfunk.

10.000 Menschen kamen am 2. Juni 1971 zur Trauerfeier. Coronabedingt war zur Trauerfeier anlässlich des 50. Jahrestages nur eine begrenzte Zahl an Teilnehmern vor Ort auf dem Kommunalfriedhof zugelassen.

Hintergrund

Zur Gedenkfeier waren unter anderem auch die stellvertretende Regierungspräsidentin der Bezirksregierung Köln, Monika Wißmann, gekommen ebenso wie Landrat Jochen Hagt, NRW-Justizminister Peter Biesenbach, Verkehrsminister Hendrik Wüst, der Bundestagsabgeordnete Dr. Carsten Brodesser, Wuppertals Oberbürgermeister Uwe Schneidewind und Werner Lübberink als Vertreter der Deutschen Bahn. Am Samstag findet in Erinnerung an das Zugunglück in der Kirche am Markt ein musikalisches Requiem statt. Beginn ist um 11 Uhr.

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