41 Schüler und fünf Erwachsene starben

50 Jahre danach - das Zugunglück bleibt ein Trauma

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800 Meter hinter dem Bahnhof Dahlerau bohrte sich der Güterzug in den zweiteiligen Schienenbus. 46 Menschen starben. Die Unglücksstelle liegt an einem steilen Hang.
Radevormwald Zugunglück 1971 Unglücksstelle
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Stille. Keine Hilferufe, kein Wimmern, nur Stille. Diese Erinnerung hat sich den Rettungskräften eingebrannt. Helfer aus Remscheid, Wuppertal, Solingen rückten an - viele von ihnen kamen völlig unvorbereitet auf das, was geschehen war, zur Unglücksstelle. Diese liegt tief im Tal der Wupper. Eine Funkverbindung war kaum möglich. Um die Kommunikation mit dem Krisenstab im Rathaus sicherzustellen, mussten Feuerwehrkräfte teilweise dorthin pendeln oder an höher gelegene Stellen fahren, um funken zu können.
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Rund 10.000 Menschen kamen zur Trauerfeier auf dem Kommunalfriedhof in Radevormwald, darunter Bundeskanzler Willy Brand (SPD). Die meisten der Opfer wurden hier in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Am Tag der Beisetzung war es sehr heiß in Radevormwald. Während der Gedenkfeier erlitt ein Trauergast einen Herzinfarkt und starb.
Zugunglück Radevormwald Unglücksstelle
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Ernst Halbach (83) war einer der Feuerwehrmänner vor Ort. Heute erinnert ein schlichtes Holzkreuz an das Geschehen, das in vielen Radevormwalder Familien bis heute nachhallt. Die Bahnstrecke wurde später stillgelegt. Heute verkehren hier noch Museumsbahnen und Draisinen.
Monika Zierden gehört zu den Überlebenden des Zugunglücks von 1971.
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Monika Zierden (64) saß auf der letzten Bank. Sie erinnert sich noch, wie ihr Kopf an der Schulter eines Mitschülers lehnte - als sie wieder aufwachte, fand sie sich in einem Durcheinander aus Leibern und Gepäckstücken wieder. Ihre Mutter wollte zur Unglücksstelle - als ihr ein Lkw mit Särgen entgegen kam, kehrte sie in Schockstarre um.
Harald Hebner, damals seit fünf Jahren bei der Feuerwehr Remscheid.
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Harald Hebner (76) war damals Feuerwehrmann in Remscheid. Er und seine Kameraden kamen völlig unvorbereitet an die Unglücksstelle. Aufgearbeitet wurde das Geschehen damals nicht.
  • Axel Richter
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Es war die schlimmste Eisenbahnkatastrophe der Bundesbahn: Am 27. Mai 1971 sterben in Radevormwald 46 Menschen. Die meisten Opfer waren Schüler auf dem Rückweg von einer Klassenfahrt. Helfer aus ganz Remscheid, Solingen, Wuppertal eilen zur Unglücksstelle. Eine Überlebende und Rettungskräfte blicken zurück.

Von Axel Richter

Radevormwald. Stille. Keine Hilferufe, kein Wimmern. Nur diese Stille, drohend und unheilvoll. Den Rettungskräften, die als erste an die Unglücksstelle gelangten, ist sie unvergesslich in Erinnerung geblieben. Stärker noch als das Chaos aus Stahl, vor dem sie am Abend des 27. Mai 1971 im Tal der Wupper zwischen den Bahnhöfen Dahlerau in Radevormwald und Beyenburg in Wuppertal standen. „Es war totenstill“, sagt Ernst Halbach, einer der Feuerwehrmänner von damals, mit Blick auf die Unfallstelle von heute. „Das geht mir noch jetzt durch Mark und Bein.“

Der 83-Jährige ist mit dem RGA zurückgekehrt an den Ort der Katastrophe. Auf die tief liegenden Gleise der einstigen Wupperbahn mit der L 414 auf der einen und der Wupper auf der anderen Seite. Dorthin, wo heute vor 50 Jahren ein schwerer Güterzug und ein überwiegend mit Schulkindern besetzter Schienenbus frontal aufeinanderprallten. 46 Menschen starben, darunter 41 Mädchen und Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren.

Radevormwald, die Kleinstadt im Bergischen Land, ist seither untrennbar mit einer der größten Zugkatastrophen Deutschlands verbunden. Das Unglück hat dort tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur auf den Gleisen, wo die Eisenbahnräder der aus den Schienen gesprungenen Diesellok tiefe Beulen in den Schwellen aus Stahl hinterlassen hat, die heute noch sichtbar sind. Sondern auch bei den Menschen. In einer Gedenkveranstaltung werden sie sich heute des Unglücks vor 50 Jahren erinnern. Um 13.30 Uhr werden alle Kirchenglocken in Radevormwald zum Gedenken läuten. Um 14 Uhr beginnt eine corona-konforme Gedenkveranstaltung, die in zahlreichen Kirchen übertragen wird.

Zugunglück Radevormwald: Die meisten Opfer waren Schüler auf dem Rückweg von einer Klassenfahrt

Rückblick: Am Tag der Katastrophe, ein verregneter Donnerstag, waren in aller Frühe 63 Schülerinnen und Schüler der Klassen 9b und 9c der Geschwister-Scholl-Hauptschule zu einer eintägigen Abschlussfahrt nach Bremen aufgebrochen. Auf dem Programm: Museumsbesuch, Stadtbummel, Hafenrundfahrt. Am Nachmittag ging es zurück nach Wuppertal. Dort stiegen sie nach 20.30 Uhr in den zweiteiligen Schienenbus „Samba“ um. Der verließ den Bahnhof mit einer halben Stunde Verspätung. In Radevormwald warteten bereits die Eltern auf die Heimkehr ihrer Kinder.

Unglücksursache: Güterzug hätte in Dahlerau am Bahnhof warten müssen

Zur gleichen Zeit näherte sich von der anderen Seite die Diesellok mit fünf Güterwaggons. Um den „Samba“ passieren zu lassen, hätte der Zugführer im Bahnhof Dahlerau warten müssen. Was genau geschah ließ sich nie genau klären. Doch zwischen dem Fahrdienstleiter, der mit einer Signalkelle am Bahnsteig stand, und dem Lokführer kam es mutmaßlich zu einem Missverständnis. Statt zu halten, beschleunigte der Güterzug. Nach eigenen Angaben lief der Fahrdienstleiter dem Zug noch nach, konnte aber nicht mehr aufspringen.

Noch während die Züge aufeinander zu fuhren, rief der Fahrdienstleiter den Rettungsdienst

Die Katastrophe war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr abzuwenden. Auf dem eingleisigen Teilstück zwischen Dahlerau und Beyenburg gab es keine Signale, die die Züge hätten stoppen können. Eine Funkverbindung ins Führerhaus gab es noch nicht. In der Hoffnung, der „Samba“ sei noch aufzuhalten, rief der Fahrdienstleiter in Beyenburg an. Doch der Schienenbus hatte den Bahnhof schon verlassen. Noch während die beiden Züge aufeinander zu fuhren, rief der Fahrdienstleiter den Rettungsdienst.

800 Meter hinter dem Bahnhof Dahlerau bohrte sich der Güterzug in den zweiteiligen Schienenbus. Die fünf Mal schwerere Lok stauchte den Motorwagen auf ein Drittel seiner Länge zusammen und schob den Personenzug einhundert Meter zurück. Die meisten Menschen, die in dem ersten Zugteil gesessen hatten, waren sofort tot. Mit den 41 Kindern starben zwei Lehrer, eine Mutter, der Zugführer und ein Schaffner.

Eine der Überlebenden ist Monika Zierden. Die damals 14-Jährige hatte im zweiten Waggon ganz hinten gesessen. „Ich hatte meinen Kopf an die Schulter eines Mitschülers gelehnt“, erzählt sie. Das ist alles, woran sie sich erinnert. Als sie wieder aufwachte, fand sie sich in einem Durcheinander aus Leibern und Gepäckstücken wieder. Ihren Lehrer hatte es auf den Schoß einer Schülerin geschleudert: „Monika, kannst du aufstehen?“, fragte er. Sie konnte. Mit einem Riss im Gesäßmuskel kletterte das Mädchen mit anderen Überlebenden den steilen Wupperhang hinauf. Von dort verfolgten sie wie gelähmt die anlaufenden Rettungsarbeiten. „Wir waren Kinder – bis der 27. Mai 1971 kam“, sagte Monika Zierden bei der Gedenkfeier, zu der zum 50. Jahrestag unter anderem NRW-Innenminister Herbert Reul nach Radevormwald gekommen war.

Ernst Halbach und seine Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr zählten zu den ersten Helfern vor Ort. Mit einem VW-Bus waren sie nach Dahlerau gefahren, zur schwer zugänglichen Unglücksstelle gelangten sie nur zu Fuß. Unterwegs stießen sie auf den ersten leblosen Körper. „Ich habe mich immer nur gefragt, wie das gehen soll“, erzählt Halbach. „Wir hatten in Rade damals doch nur einen Krankenwagen.“

Helfer der Feuerwehr aus Remscheid trefffen völlig unvorbereitet auf die Katastrophe

Feuerwehrmänner und Rettungsdienste aus Remscheid, Solingen und Wuppertal rückten nach Radevormwald aus. Einer von ihnen ist Harald Hebner. Der spätere Amtsleiter der Feuerwehr Remscheid war 25 Jahre alt, seit vier Jahren Feuerwehrmann und zählte zur Fünf-Mann-Besatzung einer so genannten Tankspritze. Mit 2500 Liter Wasser rückten die Remscheider nach Radevormwald aus. Die Männer waren völlig unvorbereitet und hatten keine Vorstellung von dem, was sie erwartete.

Die Bilder bin ich nie losgeworden.

Harald Hebner (76), ehemaliger Feuerwehrmann

Was er zu sehen bekam, läuft Harald Hebner bis heute nach. In der Hoffnung, noch jemanden aus den Trümmern zu retten, kletterte er in den zerstörten Triebwagen. „Die Bilder bin ich nie losgeworden“, sagt der heute 76-Jährige. Nicht die Bilder und nicht die „schreckliche Stille“, von der auch er berichtet.

Krisenstab sucht bis tief in die Nacht nach Särgen

Die Feuerwehrmänner bargen die Toten und legten sie entlang der Schienen. Bis tief in die Nacht suchte der Radevormwalder Krisenstab nach Särgen. Die Opfer wurden zur Identifikation später in die Turnhalle Bredderstraße gebracht. Dort und am Unglücksort kam es zu erschütternden Szenen. Die Eltern, die am Bahnhof gewartet haben, suchten nach ihren Kindern.

Auch Hannelore Dienstuhl hatte sich auf die Suche gemacht. Die heute 87-Jährige ist die Mutter von Monika Zierden, dem 14-jährigen Mädchen auf der letzten Sitzbank im zweiten Waggon. Bis zu einer Polizeiabsperrung fuhr die Mutter mit dem Auto, rannte die nächsten Kilometer zu Fuß. Bis ihr ein Lkw mit Särgen entgegenkam. In Schockstarre taumelte sie einem befreundeten Polizisten in die Arme, der sie beruhigen konnte. Er wusste sicher: „Monika lebt.“

Am 2. Juni 1971 fanden die meisten der 46 Opfer auf dem Kommunalfriedhof in einem Gemeinschaftsgrab ihre letzte Ruhestätte. Zur Beerdigung kamen nach Schätzungen 10 000 Menschen nach Radevormwald, darunter der damalige Bundeskanzler Willy Brandt. Monika Zierden lag in Remscheid im Krankenhaus und durfte nicht dabei sein. Stattdessen betrat am selben Tag ein gut gekleideter Herr ihr Krankenzimmer, sprach ein paar Worte und überreichte ein Buch mit Widmung. Es war der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber.

Nach dem Unglück begann das Schweigen

Danach begann eine lange Zeit des Schweigens. „Es wurde in Radevormwald nicht über das Unglück gesprochen“, sagt die heute 64-Jährige. „Begegnete man sich auf der Straße, gingen die Familien mit einem toten Kind auf der einen Seite und die mit einem lebenden Kind gingen auf der anderen Seite.“ Sprachlosigkeit und Scham verhinderte Verarbeitung. Spürbar ist das bis heute. Monika Zierden will, dass sich das ändert. Bei der heutigen Gedenkveranstaltung wird sie als Rednerin sprechen.

Mit dem, was wir hier erlebt haben, musste jeder allein fertig werden.

Ernst Halbach (83), ehemaliger Feuerwehrmann

Die Stille, die die Retter am Ort des Unglücks erlebten, wird bleiben. Weil sie ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. Notfallseelsorger, Psychologen, die sich ihrer annahmen, gab es damals nicht. Noch einmal blickt der 83-jährige Ernst Halbach auf die Schwellen mit den tiefen Einkerbungen der schweren Diesellok: „Mit dem, was wir hier erlebt haben, musste jeder allein fertig werden.“ 

Die Stille vertont hat der finnische Komponist Urho Sipponen; sein musikalisches Gedenken wird bei der heutigen Gedenkfeier gespielt. Abzurufen sein wird diese ab dem Nachmittag auch über Homepage der Stadt Radevormwald (www.radevormwald.de).

Rubriklistenbild: © Rudi Honsberg (Archiv)

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