Interview

„Was wir nicht wollen, ist eine Ghettoisierung“

Bürgermeister Johannes Mans blickt im Gespräch mit unserer Redaktion auf 2022 zurück – und wagt gleichzeitig auch schon mal einen kleinen Ausblick auf 2023.
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Bürgermeister Johannes Mans blickt im Gespräch mit unserer Redaktion auf 2022 zurück – und wagt gleichzeitig auch schon mal einen kleinen Ausblick auf 2023.

Bürgermeister Johannes Mans spricht über die Folgen der Krisen und über die wichtigen Vorhaben 2023

Von Stefan Gilsbach

Herr Mans, die Jahre 2020 und 2021 standen im Zeichen der Corona-Krise, 2022 trat die Pandemie allmählich in den Hintergrund, dafür beherrscht nun der Ukraine-Krieg die Schlagzeilen. Wie hat sich das auf Radevormwald ausgewirkt?

Johannes Mans: Zum einen sind Flüchtlinge aus der Ukraine auch in unserer Stadt aufgenommen worden. Der überwiegende Teil kam auf private Initiative nach Radevormwald.

Hat die Stadt noch Kapazitäten, weitere Flüchtlinge unterzubringen?

Mans: Wir stoßen allmählich an unsere Grenzen, allerdings hat die Verwaltung jüngst erneut Gespräche über weiteren Wohnraum mit der Brookfield-Gruppe geführt, der die von Belvona verwalteten Gebäude im Stadtgebiet gehören. Wir hoffen, dass sich da in nächster Zeit etwas tut.

Die internationale Krise schlägt sich auch auf dem Energiesektor nieder, manche haben Angst vor einem Blackout.

Mans: Radevormwald ist für ein solches Szenario gut vorbereitet. Ich kann sagen, wir liegen unter den Kommunen im Kreis ganz vorne bei der Versorgung mit Notstromaggregaten. Die Abläufe einer Notsituation sind im Detail festgelegt, die Pläne liegen in den Schubladen.

Ein weiteres Thema, das viele Menschen 2022 umtreibt, sind die hohen Preise. Die Zinsen steigen ebenfalls, was Sparer freut, aber Bauherren höhere Kosten beschert. Gibt es beim Baugebiet Karthausen Rückzüge von Interessenten, die fürchten, die Kosten nicht stemmen zu können?

Mans: Es sind tatsächlich einige Bewerber abgesprungen, aber das Interesse an dem Gebiet ist so groß, dass wir sämtliche Grundstücke vermarkten können. Angesichts der neuen Situation muss man natürlich schauen, was das für die Pläne eines zweiten und dritten Bauabschnittes bedeuten könnte.

In den vergangenen Jahren wurde aus den Reihen der Politik, etwa der SPD, immer wieder die Frage nach dem sozialen Wohnungsbau in Radevormwald gestellt. Karthausen ist eher für eine gut betuchte Klientel gedacht.

Mans: Das stimmt, aber das Thema Preiswertes Wohnen ist nicht vom Tisch. Wir überlegen, inwiefern dies bei der geplanten Wohnbebauung auf der Fläche „Am Kreuz“ zum Tragen kommen könnte. Was wir aber auf keinen Fall möchten, ist eine Art „Ghettoisierung“.

Welche Fortschritte gab es im vergangenen Jahr beim geplanten „Wohnzimmer“ an der Nordstraße?

Mans: Die Ausschreibung für die Planung des Gebäudes wurde auf den Weg gebracht, aktuell ist eine Arbeitsgruppe dabei, die Pläne auszuarbeiten. Wichtig ist, dass wir das Zeitfenster der Förderung durch die Bezirksregierung einhalten. Die Fristverlängerung ist beantragt worden.

Mit dem Ende des Jahres läuft ein weiteres wichtiges Förderprojekt aus, das Quartiermanagement für die Wupperorte.

Mans: In den beiden Wupperkonferenzen der vergangenen Monate wurde ja darüber gesprochen, wie es weitergehen soll. Ehrenamtliche „Kümmerer“ sollen für die Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung stehen. Und wir als Verwaltung wollen vor Ort im Bürgerzentrum am Siedlungsweg Sprechstunden anbieten, in einem rotierenden Verfahren, bei dem in einem regelmäßigen Rhythmus Ansprechpartner der Ämter, etwa des Sozial- und Jugendamtes, und der Renten- und Pflegeberatung für die Bürgerinnen und Bürger bereitstehen.

Als Sie das im jüngsten Hauptausschuss vorbrachten, gab es Kritik von manchen Fraktionen. CDU und Grüne bemängelten, dass diese Pläne nicht rechtzeitig kommuniziert wurden.

Mans: Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Dass im Bürgerzentrum ein Büro der Verwaltung eingerichtet wird, das war doch längst bekannt. Außerdem wurde es bei der ersten Wupperkonferenz ausdrücklich erwähnt.

Was die Organisation der Stadtverwaltung angeht, haben Sie seit ihrem Amtsantritt eine Reihe von Umstrukturierungen durchgeführt. Auch 2022 wurde dies fortgesetzt, die Bauaufsicht ist jetzt Teil des Stadtplanungs- und Bauaufsichtsamtes unter der Leitung von Burkhard Klein, unter der Leitung von Jörn Ferner steht seit Oktober das Amt für Jugend, Schulen, Kultur und Sport.

Mans: Es macht Sinn, diese Bereiche organisatorisch zu verknüpfen. Das ist ein amtsübergreifender Denkansatz, den es nicht in allen kommunalen Verwaltungen gibt.

Wird es weitere Umstrukturierungen geben?

Mans: Das kann ich mir gut vorstellen.

Eine große Investition der Stadt in den kommenden Jahren ist der Bau zweier Grundschulen. Eine davon soll im Bildungshaus auf der Fläche „Am Kreuz“ entstehen, dort soll auch eine Kita eingerichtet werden.

Mans: Bei den Kitas werden wir bereits in nächster Zeit tätig werden müssen, damit ausreichend Plätze zur Verfügung stehen. Es würde zu lange dauern, bis die neue Einrichtung im Bildungshaus realisiert ist. Wir setzen dabei auch auf freie Träger. Die Erfahrung zeigt, dass freie Träger starke Partner in der Entwicklung und Gründung von Kitas sind.

Zur wichtigen Infrastruktur der Stadt gehört die medizinische Versorgung.

Mans: Als Bürgermeister führe ich regelmäßige Gespräche mit der niedergelassenen Ärzteschaft und Vertretern der Sana Krankenhauses. Durch vertrauensvolle Gespräche wird die Zusammenarbeit optimiert.

Sehen Sie in den nun angekündigten Plänen einer Krankenhausreform durch den Bundesgesundheitsminister positive Signale für ein Kleinstadtkrankenhaus wie in Radevormwald?

Mans: Ja, davon gehe ich aus. Das Wichtigste bleibt die Grundversorgung der Einwohner durch das örtliche Krankenhaus. Eine Klinik, die sich auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert, wäre nicht angemessen.

Ein immer wichtiger werdender Teil der Infrastruktur ist das schnelle Internet. Welche Perspektiven gibt es für den Breitbandausbau in 2023?

Mans: Wir haben den Förderantrag für den Ausbau des Netzes in den „grauen Flecken“ gestellt. Der Förderrahmen ist ein entscheidender Punkt, danach richtet sich der Ausbau, selbst wenn, wie im Fall der Ortschaft Braake, eine Leitung in unmittelbarer Nachbarschaft verlegt wird. Die Förderung dieser Maßnahme betrifft nur den Ennepe-Ruhr-Kreis.

Jüngst wurde der Politik das neue Nahmobilitätskonzept vorgestellt. Darin geht es auch um den öffentlichen Personennahverkehr. Wie sieht die Perspektive für eine Wiederbelegung der Wuppertalbahn aus?

Mans: Die Machbarkeitsstudie für die Wuppertalbahn läuft seit diesem Jahr und wird 2023 beendet. Außerdem gibt es im Frühjahr eine erste Probefahrt. Wenn dieses Vorhaben umgesetzt wird, dann würden sich für die Wupperorte bislang ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Wenn Sie von dort innerhalb einer Stunde zur Arbeit nach Düsseldorf fahren können, dann bieten sich die Wupperorte für Pendler als attraktiver Wohnort an.

Wenn Sie jetzt auf das zu Ende gehende Jahr 2022 zurückschauen – wie sieht Ihr Fazit aus?

Mans: Trotz aller Herausforderungen, etwa durch die Energiekrise, schaue ich auf das Jahr mit einem Gefühl der Zufriedenheit zurück. Es gibt eine ganze Reihe positiver Entwicklungen. So wurde beispielsweise der Jugendbeirat auf den Weg gebracht. Und wir konnten nach der Corona-Pandemie die beliebten Großveranstaltungen wiederbeleben, die Menschen in Radevormwald feiern wieder gemeinsam.

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