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„Trauern ist das Zeichen großer Liebe“

Wie wichtig sind Glaube, Liebe und Hoffnung im Angesicht des Todes? Darüber sprechen (v.l.) Eva Döllinger, Georg Kalkum und Marina Weidner.
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Wie wichtig sind Glaube, Liebe und Hoffnung im Angesicht des Todes? Darüber sprechen (v.l.) Eva Döllinger, Georg Kalkum und Marina Weidner.

Es geht bei ihrer Tätigkeit weniger um den Tod, als um das Leben, sagen die Mitarbeiter des Ambulanten Ökumenischen Hospizes.

Von Stefan Gilsbach

Philosoph Karl Jaspers hat den Begriff der Grenzsituation geprägt: Irgendwann gerät jeder Mensch in eine Lage, der er nicht ausweichen kann. Und das Unausweichliche schlechthin ist der Tod – der eigene Tod oder der eines nahen Menschen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ambulanten Ökumenischen Hospizes in Rade stehen Schwerkranken und den Menschen in ihrem Umfeld bei. Die meisten von ihnen tun dies ehrenamtlich. Der Verein hat mit Andrea Fürst und Marina Weidner zwei Koordinatorinnen.

Das Domizil des Hospizes befindet sich an der Kaiserstraße. Helle Räume erwarten den Besucher. Hier finden regelmäßige Angebote wie das Café für Trauernde statt. Die Begleitung sterbender Menschen führt die Mitarbeiter oft in Krankenhäuser, aber auch in die Privathaushalte. Der Tod daheim, in vertrauter Umgebung, ist ein häufiger Wunsch.

Glaube, Liebe, Hoffnung – diese Begriffe aus dem ersten Korintherbrief haben in der Hospizarbeit Bedeutung. Was den Glauben angeht, so ist Georg Kalkum, Vorsitzender des Hospizvereins, gewissermaßen in seinem Element. Der katholische Gemeindereferent macht jedoch klar, dass niemandem religiöser Trost aufgedrängt wird. Ob gläubig oder ungläubig, es gibt bei der Hospizarbeit keine Versuche, Menschen am Ende ihres Lebensweges zu missionieren. Wenn ein Betroffener, der sich mit den letzten Dingen des Daseins konfrontiert sieht, von sich aus das Gespräch über Religion, über Glauben und Transzendenz sucht, dann sind die Mitarbeiter des Hospizes natürlich dafür offen. „Oft sind sich die Angehörigen nicht im Klaren darüber, ob der Sterbende eigentlich religiös ist oder nicht“, berichtet Marina Weidner. „Manche Menschen bereuen im Rückblick, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind“, sagt Kalkum. Der Gedanke, keine Krankensalbung – was früher „Letzte Ölung“ hieß – erhalten zu können, liege ihnen auf der Seele. „Bei anderen Menschen wiederum merken wir, dass das Thema Religion nicht erwünscht ist.“ Danach richte sich unter Umständen auch, wer für die Sterbebegleitung gewählt werde.

Hoffnung – die gebe es auch im Angesicht des sicheren Endes, sagen die Hospizmitarbeiter. Es ist die Hoffnung auf einen guten Tod. Doch was ist ein guter Tod? „Geborgenheit ist für viele wichtig“, sagt Georg Kalkum. Zu wissen, dass auch in den letzten Stunden jemand da ist. Und auch: Mit dem Leben, das zu Ende geht, seinen Frieden gemacht zu haben. Das gelingt nicht immer. „Manche Menschen sterben unversöhnt“, sagt Marina Weidner. Aber es gebe auch jene, die trotz schwerer Schicksale sagten: Ich hatte ein schönes Leben. „Wenn man sein Leben annehmen kann, dann kann man auch sein Sterben annehmen“, fasst Georg Kalkum zusammen. Hoffnung soll auch den Hinterbliebenen vermittelt werden – die Hoffnung, dass der Schatten der Trauer sich eines Tages heben wird. „Es macht Hoffnung, wenn man erlebt, wie andere Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben, wieder zurück ins Leben finden“, berichtet Marina Weidner. Eva Döllinger verlor früh ihren ersten Mann. „Durch diese Erfahrung bin ich auch zur Hospizbewegung gekommen“, sagt die 2. Vorsitzende. Nach der Zeit intensiver Trauer fand sie den Weg zu einer neuen Partnerschaft. Doch es kann dauern, bis Menschen dazu bereit sind. Schuldgefühle spielen manchmal eine Rolle. Marina Weidner macht klar: „Eine neue Liebe und die Trauer schließen sich nicht aus.“ Das Ambulante Ökumenische Hospiz hat zwei regelmäßige Angebote für Hinterbliebene: das Café für Trauernde und den Abendtreff für Trauernde, der für Berufstätige zeitlich besser geeignet ist. Neu hinzu gekommen ist ein Angebot für trauernde Kinder und Jugendliche.

„Trauer ist der Beweis einer großen Liebe“, sagt Marina Weidner. Das gelte nicht nur für Paare, sondern auch für Eltern und Kinder. Ein Kind zu verlieren – das ist mit das Schlimmste, was Menschen sich vorstellen können. Schmerzlich ist der Gedanke an ein Leben, das so früh zu Ende gegangen ist. „Aber egal, wie lange die Lebensspanne ist, das Leben hat immer Bedeutung“, sagt Georg Kalkum.

Die Hospizbewegung ist in Deutschland noch jung. Etwa ab der Jahrtausendwende hat sich auch hierzulande viel auf diesem Gebiet getan. Der Tod ist wieder ein Stück weit Teil des Lebens geworden. Vor einigen Jahrzehnten war das Sterben ein hauptsächlich klinischer Vorgang. „Ich erinnere mich an meine ersten Jahre in der Seelsorge“, berichtet Georg Kalkum. „Damals war der Tod im Krankenhaus die Regel.“ Das ist dank der vielen engagierten Menschen in der Hospizbewegung nun nicht mehr so. „Wir mussten dicke Bretter bohren“, sagt Kalkum. Heute ist das Sterben daheim, im Kreis der Familie, wieder häufiger geworden.

Etwa 40 Schwerkranke im Jahr werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet, und natürlich deren Angehörige. Manche Menschen, die mit ihrer Krankheit kämpfen, werden über Jahre betreut. Ein wichtiger Teil der Hospizarbeit ist die Beratung bei Themen wie Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten. Außerdem werden Vorträge und Fortbildungen organisiert. Dank Künstlern wie dem Musiker Dr. Mojo finden regelmäßig Benefiz-Veranstaltungen statt.

Natürlich hören die Hospizmitarbeiter oft die Frage, ob die intensive Beschäftigung mit Tod und Trauer nicht belastend sei. „Es geht in unserer Arbeit im Grunde nicht um den Tod“, hält Georg Kalkum dagegen. „Es geht um das Leben.“ Dass das Leben auch an seinem Ende wert ist, gelebt zu werden, das ist einer der Leitgedanken der Hospizarbeit.

Hintergrund

Verein: Das Ambulante Ökumenische Hospiz existiert seit 1999. Es bietet kostenlose Hospizbegleitung und Palliativberatungen. Das Hospiz gehört zum Dachverband IGSL (Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand).
Zu dieser gehören mehr als 28 Regionalgruppen und Hospizinitiativen sowie 15 Kooperationspartner und Partnerschaftsvereine in Deutschland.

Spenden: Etwa ein Drittel der Finanzierung des Ambulanten Ökumenischen Hospizes wird durch Spenden gedeckt.

Kontakt: Ambulantes Ökumenisches Hospiz Radevormwald, Kaiserstraße 34, 42477 Radevormwald, Tel. (02195) 684936, Fax 02195 6882933, E-Mail: info@hospiz-rade.de

Internet: Ausführliche Informationen zum Verein und seinen Aktivitäten gibt es unter hospiz-rade.de

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