Prozess

Tragische Umstände führen vors Gericht

Cannabis-Pflanzen in einem Blüteraum.
+
Cannabis-Pflanzen in einem Blüteraum.

Weil die Polizei Cannabis im Rucksack fand, musste sich ein 31-Jähriger verantworten.

Von Brigitte Neuschäfer

Radevormwald. Cannabis soll legalisiert werden: So steht es im Koalitionsvertrag der Ampel. Aber bis aus der Absichtserklärung ein Gesetz wird, bleibt der Besitz der Droge strafbar – und das ohne Rücksicht auf die persönlichen Lebensumstände desjenigen, der sich strafbar gemacht hat. Im Fall eines 31-Jährigen aus Radevormwald, der sich vor dem Amtsgericht in Wipperfürth zu verantworten hatte, sind diese Lebensumstände tragisch, wie sich in der Hauptverhandlung herausstellte.

In einer Nacht im August war der Mann vor seiner Haustür in den Wupperorten von der Polizei durchsucht worden. Die Beamten fanden knapp 20 Gramm Marihuana in seinem Rucksack. Es war kein einmaliger Ausrutscher: Gegen den 31-Jährigen läuft ein weiteres Strafverfahren, das Anfang 2023 vor dem Schöffengericht verhandelt wird. Darin geht es um 100 Gramm Cannabis, die an einem anderen Tag bei ihm entdeckt worden waren. In diesem Fall droht eine Freiheitsstrafe, weil wegen der Menge der Droge und des darin enthaltenen Wirkstoffs ein Verbrechen angeklagt ist.

Deutlich wurde im Prozess jetzt, dass der Radevormwalder das Cannabis ausschließlich für den Eigenbedarf gekauft hatte und nicht, um damit Handel zu betreiben. Hintergrund ist, dass der 31-Jährige körperlich und psychisch seit der Kindheit schwer krank ist. Das belegte ein Attest, das er dem Gericht vorlegte. Beigefügt war die Bescheinigung eines Arztes, dass der aufgrund seiner unterschiedlichen Erkrankungen von chronischen Schmerzen geplagte Mann gesundheitlich von einer Cannabis-Therapie profitieren würde.

Auf der Straße kostet die Droge viel weniger als in der Apotheke

Aber: Voraussetzung wäre die ärztliche Behandlung als Privatpatient – und die kann sich der wegen seiner 100-prozentigen Schwerbehinderung von der Grundsicherung lebende Rader finanziell so wenig leisten wie das medizinische Cannabis aus der Apotheke. Im illegalen Handel auf der Straße koste die Droge nur einen Bruchteil dessen.

„Ich weiß, dass der Besitz von Cannabis strafbar ist. Aber was soll ich denn machen, wenn ich von den schweren Schmerzmedikamenten, die ich verschrieben bekomme, immer noch kränker werde und die Privatbehandlung mit Cannabis einfach zu teuer ist für mich? Ich fühle mich völlig hilflos“: Die Schilderung und das offensichtliche Leid des schwerkranken Mannes ließen auch den Richter und die Vertreterin der Anklage nicht unberührt.

Im Einvernehmen mit der Staatsanwältin stellte der Richter das Strafverfahren ein – mit Blick auf die noch anstehende Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht wegen der größeren Menge an Cannabis. Dann wird allerdings ein Schuldspruch sicher zu erwarten sein, weil bis dahin die Legalisierung der Droge noch nicht in ein Gesetz gegossen sein wird.

Der Richter legte dem Angeklagten dringend ans Herz, bis zur Verhandlung vor dem Schöffengericht für sich eine Legalisierung zu erreichen: „Versuchen Sie noch einmal alles, auch im Gespräch mit Ihrer Krankenkasse, um über einen Arzt legal an Cannabis zu kommen.“ Das will der 31-Jährige tun, sagte er.

Aber in seinem Schlusswort klang Resignation durch: „Ich weiß ja, dass ich nach dem Gesetz etwas falsch gemacht habe. Aber ich weiß eben auch, dass ich kaum eine andere Möglichkeit habe, wenn mich doch die legalen Medikamente umbringen und ich mir die ärztliche Cannabis-Therapie einfach nicht leisten kann.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Ein Stadtmarketing für Rade? Harsche Töne im Hauptausschuss
Ein Stadtmarketing für Rade? Harsche Töne im Hauptausschuss
Ein Stadtmarketing für Rade? Harsche Töne im Hauptausschuss
Tragische Umstände führen vors Gericht
Tragische Umstände führen vors Gericht
Tragische Umstände führen vors Gericht
Weihnachtsbäume kommen nur aus Rade
Weihnachtsbäume kommen nur aus Rade
Weihnachtsbäume kommen nur aus Rade

Kommentare