Beyenburger Bahnhof

Wupperschiene: Jetzt könnten tatsächlich wieder Züge fahren

Ulrich Grotstollen, Vorsitzender „Bergische Bahnen/Wupperschiene“, auf dem Gelände des Beyenburger Bahnhofs.
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Ulrich Grotstollen, Vorsitzender „Bergische Bahnen/Wupperschiene“, auf dem Gelände des Beyenburger Bahnhofs.

Seit 1994 haben hartnäckige Eisenbahnfreunde die Strecke der Wuppertalbahn neu hergerichtet. Die Museumsbahn könnte bald fahren. Rade und Wuppertal prüfen sogar, ob der ÖPNV auf der Strecke reaktiviert werden könnte.

Von Stefan Gilsbach

Radevormwald. „Seien Sie vorsichtig“, warnt Ulrich Grotstollen und deutet auf die Holzschwellen der Gleise. „Die sind sehr rutschig.“ Es ist ein grauer, nasser Vormittag, doch der Charme des bergischen Örtchens Beyenburg ist trotzdem zu spüren. Alte Häuser mit Schieferverkleidung und die bewaldeten Hänge hinab zur Wupper wirken sogar an trüben Tagen reizvoll. Auch das ehemalige Bahnhofsgebäude erfreut mit seiner Urgroßväter-Architektur die Augen, und selbst die kleine Bahnmeisterei wirkt mit ihrer Fachwerk-Optik, als stamme sie aus dem Sortiment von Faller oder Piko.

„Ich habe mich schon früh für Modelleisenbahnen interessiert“, erzählt der 68-Jährige, während er den Bahnsteig entlang eilt. Doch während andere Bahn-Enthusiasten sich damit begnügen, im Keller an ihrer Anlage herumzubasteln, wollen die Mitglieder des Vereins „Bergische Bahnen/Wupperschiene“ wieder eine echte Lok mit Waggons auf die Strecke der Wuppertalbahn bringen. Der Verein besteht seit 1989, Grotstollen stieß ein Jahr später hinzu. „Ich hatte gehört, dass hier ein interessantes Bahnprojekt ins Leben gerufen wurde.“ Inzwischen ist er der Vorsitzende.

Das Ziel der Vereinsmitglieder: Auf den 1980 außer Betrieb gestellten Schienen zwischen Wuppertal-Beyenburg und Radevormwald-Dahlhausen soll regelmäßig ein Museumszug fahren. Der Zug ist in Teilen schon vorhanden, der Verein verfügt über eine 60 Jahre alte Diesellok und einige Waggons, die auf ihre große Stunde warten, in der sie wieder die klassische Strecke befahren dürfen. Dann wird er vorbeirattern an den Orten im Tal, die Eisenbahnkenner der Region runterbeten können: Wilhelmstal – Dahlhausen – Dahlerau – Remlingrade – Beyenburg – Laaken – Rauenthal – Oberbarmen. Es ist die Strecke, auf der 1971 das Zugunglück geschah, bei dem 46 Schüler und Erwachsene starben.

Wenn die einst stillgelegte Strecke nun tatsächlich reaktiviert ist, ist eines sicher: Für die künftigen Fahrgäste gibt es viel zu bestaunen. Das Tal zwischen Radevormwald und Wuppertal verbindet historische Industriearchitektur und herbe Landschaft in einer Weise, wie man es sonst höchstens von den britischen Inseln kennt.

Und jeder kleine Ort im Tal der Wupper hatte einst seinen eigenen Bahnhof. Keine gesichtslosen Haltepunkte wie heute, wo Bahnreisende im kalten Wind frösteln, sondern anheimelnde Gebäude, in denen man gern verweilte. Zum Glück sind im Tal der Wupper mehrere erhalten geblieben, auch wenn dort lange kein Zug mehr gestoppt hat. Manche dienen heute anderen Zwecken. Das Bahnhofsgebäude in Beyenburg etwa ist Domizil der „Stiftung Trias“.

Auf dem Bahnsteig direkt gegenüber, den der Verein in den vergangenen Monaten erneuert hat, ist an diesem Vormittag Vereinsmitglied Thorsten Kaja mit dem Radlader dabei, letzte Arbeiten durchzuführen, bevor das Wetter sich ändert. „Es soll in den nächsten Tagen Frost kommen, dann ist der Boden zu hart zum Arbeiten“, sagt Kaja, einer von etwa 65 Vereinsmitgliedern.

Ulrich Grotstollen und die anderen Bahnbegeisterten der „Wupperschiene“ sind es gewohnt, dass manche ihre Pläne für Donquichotterie hält. Tatsächlich sind die Herausforderungen enorm gewesen. Zunächst wurde 1994 die 14 Kilometer lange Strecke erworben. Betreiben darf der Verein diese allerdings nicht in Eigenregie, dazu gibt es eine Kooperation mit der Rhein-Sieg-Eisenbahn GmbH in Bonn-Beuel.

Über Jahrzehnte hinweg haben die Vereinsmitglieder zäh ein Hindernis nach dem anderen zur Seite geräumt. Meter für Meter, Brücke für Brücke, wurde die Strecke ausgebessert. Auf der Internetseite des Vereins lässt sich verfolgen, was zuletzt getan wurde – und man erhält eine Vorstellung davon, was die Mitglieder über Jahrzehnte hinweg geleistet haben.

Blick auf das ehemalige Bahnhofsgebäude in Beyenburg – heute im Besitz einer Stiftung.

Beyenburger Bahnhof: Bahnsteig erneuert - das war „Urwald“

In den vergangenen Wochen wurde der Bahnsteig des Beyenburger Bahnhofs erneuert. Zunächst wurde die historische Bahnsteigkante saniert, das Mauerwerk neu verputzt, die kaputte Betonabdeckung erneuert, Hohlräume auf dem alten Bahnsteig verfüllt, Wurzeln und Bewuchs entfernt – O-Ton Grotstollen: „Das war der reinste Urwald hier“ – und alte, verrottete Leitungen, die seit Jahrzehnten außer Betrieb waren, entfernt. Der Bahnsteig wurde mit einer wassergebundenen Decke ausgebaut und im hinteren Bereich verfüllt.

Im Bereich des ehemaligen Gleises 2 wurde Schotter aufgebracht, „so dass jetzt eine befahrbare und begehbare höhengleiche Zuwegung zur Kurvenstraße besteht“. Die Zuwegung zum Bahnübergang der Straße Am Kriegermal ist neu erbaut. Und, ach ja: Im Böschungsbereich des Bahnsteiges wurden noch Bienenhäuser aufgestellt.

Vereinsmitglied Thorsten Kaja bei Arbeiten mit dem Radlader am Bahnsteig in Beyenburg.

Ein großer Teil der Arbeiten wird in Eigenregie ausgeführt. Doch ohne Unterstützung sind die Bahnfreunde nicht. „Mitarbeiter, die übers Jobcenter vermittelt werden, führen ebenfalls Arbeiten auf der Strecke aus“, berichtet Grotstollen.

Auch an diesem Vormittag sind einige von ihnen vor Ort, wärmen sich gerade in einem Container gegenüber dem Bahnhof auf. Grotstollen begrüßt herzlich den Herrn von der Gesellschaft für berufliche Aus- und Weiterbildung. Der gelernte Maurermeister leitet hier die Ausbildung.

Der lange Atem scheint sich nun auszuzahlen

Finanziell kann der Verein auf verschiedene Quellen zurückgreifen. Ein Teil der Strecke, achteinhalb Kilometer, werden an den Verein „Wuppertrail“ vermietet, der hier seit Jahren einen beliebten Draisinen-Touren-Verkehr betreibt. Außerdem fließen für die Arbeiten an der Strecke Fördermittel. Um das alles zu beantragen und zu dokumentieren, braucht es allerdings die Geduld, die man zum Bohren der vielzitierten dicken Bretter benötigt.

Wie schafft man es, ein solches Projekt so lange zu wälzen, das Ziel im Blick zu behalten, obwohl es nur Stück für Stück vorangeht? „Die Hoffnung wächst mit jenen Projekten, die bereits gelungen sind“, antwortet darauf Ulrich Grotstollen. Trotz der vielen Bürokratie, trotz des großen Arbeitsaufwandes bekomme man so das Gefühl, dass es sich lohne, weiterzumachen.

Antrag bei der Deutschen Bahn: Anbindung ans offizielle Schienennetz

Der Vorsitzende räumt ein, dass manchmal die Hoffnung nicht ausreicht. „Einige Mitglieder sind abgesprungen“, sagt er. „Es dauerte einfach zu lange.“ Doch das Ziel rückt näher. Der Fahrbetrieb mit dem Museumszug, er könnte tatsächlich in absehbarer Zeit beginnen. „Wir haben jetzt bei der Deutschen Bahn den Antrag auf Anbindung ans offizielle Schienennetz gestellt“, sagt Grotstollen.

Der lange Atem hat sich ausgezahlt, die Zeiten sich geändert. Klimafreundlicher Verkehr ist die Devise der Stunde. Es sind nicht mehr nur Eisenbahn-Nostalgiker, die es für einen schweren Fehler halten, dass so viele Bahnstrecken Ende des vergangenen Jahrhunderts außer Betrieb genommen oder stillgelegt wurden.

Rade und Wuppertal wollen ÖPNV auf der Wuppertalbahn reaktivieren

Aktuell überlegen sogar die Stadtverwaltungen in Radevormwald und Wuppertal, den öffentlichen Personennahverkehr auf der Strecke der Wuppertalbahn wieder einzuführen – eine Pointe, mit der im Jahr 1989 niemand rechnen konnte. Im nächsten Jahr soll eine Machbarkeitsstudie vorgestellt werden, an der neben den beiden Städten der Oberbergische Kreis, der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und der Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR) beteiligt sind.

Nach langen Jahren hat der Vorstand des Vereins „Bergische Bahnen/Wupperschiene“ übrigens jetzt beschlossen, im neuen Jahr die Mitgliederbeiträge etwas höher zu setzen, von 45 auf 50 Euro pro Jahr. Denn von der Hoffnung allein kann auch die Wupperschiene nicht leben.

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