Ritter-von-Halt-Straße

Alles beginnt mit einem Missverständnis

Hans Golombek recherchierte auf Anregung einer Schulklasse der Armin-Maiwald-Schule nach. Er setzt sich jetzt dafür ein, dass die Ritter-von-Halt-Straße umbenannt werden soll. Foto: Claudia Radzwill
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Hans Golombek recherchierte auf Anregung einer Schulklasse der Armin-Maiwald-Schule nach. Er setzt sich jetzt dafür ein, dass die Ritter-von-Halt-Straße umbenannt werden soll.

Schüler stoßen Diskussion über Namensgebung der Ritter-von-Halt-Straße an

Von Claudia Radzwill

Radevormwald. Viele Straßen sind nach Persönlichkeiten benannt – auch in Radevormwald. Doch die ein oder andere Namensgebung ruft – wie berichtet – eine öffentliche Diskussion hervor. Etwa die Ritter-von-Halt-Straße. Denn der Namensgeber hatte eine NS-Vergangenheit. Das ist Schülern und Schülerinnen der Armin-Mailwald-Schule eher zufällig aufgefallen. Sie nahmen daraufhin 2019 Kontakt mit Hans Golombek auf. Der Vorsitzende des Bergischen Geschichtsvereins in Radevormwald und Mitglied der SPD-Fraktion nimmt sich seither des Themas an.

Lange Zeit führte die Ritter-von-Halt-Straße in der Nordstadt ein Schattendasein. Nicht weiter beachtet. Bis der Geschichtskurs von Lehrerin Annika Weber durch Zufall auf den umstrittenen Namen stieß. „Eigentlich hatten wir das Mittelalter behandelt,“ blickt die Lehrerin im Gespräch mit dem RGA zurück. Dazu studierte der Kurs eine Stadtkarte von Radevormwald, auf der noch gut der mittelalterliche Stadtbau zu sehen ist. „Die Aufgabe lautete dann: Findet Straßennamen, die auch heute noch Bezug auf die damalige Zeit nehmen“, erzählt Annika Weber.

Schüler konnten Benennung der Straße nach Sportfunktionär im NS-Staat nicht nachvollziehen

Die Klasse stieß auf die Grabenstraße, die Burgstraße. Und auf die Ritter-von-Halt-Straße. Wegen der Bezeichnung „Ritter“. Doch schnell wurde klar, dass die Person, die der Straße den Namen gab, kein edler Ritter war. Karl Ritter von Halt war vielmehr ein Sportfunktionär im NS-Staat. Und er war SA-Mitglied. „Für die Schüler und Schülerinnen war es nicht nachvollziehbar, warum eine Straße nach ihm benannt wurde“, sagt Annika Weber.

Neugierig geworden, sprach man damals den Bergischen Geschichtsverein an. Einiges hat sich seit dieser Zeit getan. Hans Golombek nahm sich der Sache an. „Ich wurde selbst neugierig, warum Ende der 1960er Jahre im damaligen Neubaugebiet eine Ritter-von-Halt-Straße entstand“, erzählt Golombek. Er kam zunächst mit seinem 2019 verstorbenen Ratskollegen Ludwig Witasek ins Gespräch. Der berichtete ihm, wie damals im Rat auf Zuruf die Namen gesammelt wurden. „Es sollten verdiente Sportlernamen sein, da sich in der Nordstadt Sportstätten befanden“, weiß Golombek.

Damals gab es noch kein Fachgremium, der Rat entschied hemdsärmelig. Trotz nicht abbrechender Kritik wegen seiner Haltung zum NS-Regime war Karl Ritter von Halt auch Zehnkampf-Sportler gewesen und in den 1950er Jahren Präsident des Westdeutschen Olympischen Komitees. Man habe in ihm nur den Sportler gesehen – sein Engagement im NS-Staat ging unter, sagt Golombek.

Geschichtsverein setzt sich nun dafür ein, dass aus der Ritter-von-Halt-Straße eine Gretel-Bergmann-Straße wird

Doch dieses Engagement sei schwerwiegend gewesen, Karl Ritter von Halt war ein glühender Verfechter der NS-Ideologie. „1936, als in Berlin die Olympischen Spiele anstanden, drohten die USA mit einem Boykott der Spiele, wenn jüdische Athleten vom Wettbewerb ausgeschlossen würden. Ritter von Halt hat damals die bereits aus Deutschland ausgewanderte Hochsprung-Leichtathletin Gretel Bergmann zu den Olympischen Spielen ganz hinterhältig in die deutsche Olympiaauswahl zurückgeholt“, berichtet Golombek. Am Tag, als die Amerikaner in Berlin eintrafen, wurde Gretel Bergmann von der Teilnahme an den Spielen wieder ausgeladen – von Karl Ritter von Halt.

Golombek setzt sich nun mit seinen SPD-Fraktionskollegen dafür ein, dass aus der Ritter-von-Halt-Straße eine Gretel-Bergmann-Straße wird. „Diese deutsch-jüdische Ausnahmesportlerin hat es verdient, dass in Radevormwald nach ihr eine Straße benannt wird“, ist Golombek überzeugt.

Dieser Tage bekam Bürgermeister Johannes Mans daher einen Brief ins Rathaus. Golombek schlägt darin die Umbenennung der Straße vor – und spricht sich dafür aus, dass den Anwohnern im Falle einer Umbenennung keine Gebühren für Adressänderungen anfallen. „Städte wie Münster sind dafür ein Vorbild“, sagt der SPD-Ratsherr. Ein Vorbild sind auch die Schüler von Annika Weber, die diese Diskussion angestoßen haben.

Straßennamen

Umbenennung: Seit einigen Jahren reagiert man in Deutschland sensibler auf Straßennamen von Personen, die mit dem NS-Regime in Verbindung standen. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde schon die Horst-Wessel-Straße in Dahlerau in Kirchstraße umbenannt.

Zusatzschild: Für die nach Carl Diem, Rudolf Harbig und Bernd Rosemeyer benannten Straßen möchte Hans Golombek keine Diskussionen beginnen. „Diese Männer wurden in erster Linie als Sportler geehrt.“ Er schlägt einen Zusatz zum Straßennamen vor, der kurz erklärt, wer die Person war.

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