Nach der Tragödie bleibt die Sprachlosigkeit

Einige Menschen haben in den vergangenen Tagen vor dem Haus der Familie Kerzen und Blumen zum Gedenken abgelegt. Foto: Tim Oelbermann
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Einige Menschen haben in den vergangenen Tagen vor dem Haus der Familie Kerzen und Blumen zum Gedenken abgelegt.

Das Familiendrama in Herbeck hat vor allem den Einsatzkräften vor Ort zugesetzt – Viele nehmen psychologische Hilfe in Anspruch

Von Anja Carolina Siebel

Dietmar Hasenburg hat als Wehrführer der Feuerwehr Rade schon einiges erlebt. „Aber das“, sagt der Stadtbrandinspektor, „übersteigt fast alles, was wir bisher durchgemacht haben.“ Der erfahrene Feuerwehrmann spricht von dem Familiendrama, das sich am vergangenen Freitag an der Elberfelder Straße in Herbeck ereignete. Und er spricht dabei ebenso für die insgesamt 45 Feuerwehrleute, die an dem Einsatz beteiligt waren.

Kurz nach 17 Uhr seien sie ausgerückt, um zu helfen. Um einen Brand zu löschen und möglicherweise Menschen aus dem verrauchten Gebäude zu holen. „Komisch kam uns beim Eintreffen schon vor, dass niemand vor dem Haus wartete und alles verschlossen war. Denn das Gebäude ist eingeschossig, da hätte man als Bewohner schnell rauskommen können“, erinnert sich Dietmar Hasenburg. Nachbarn hätten gesagt, dass die Familie aber zu Hause sein müsse, die Hunde seien im Zwinger – und sie würden ohne ihre Hunde eigentlich nicht weggehen.

Einsatzkräfte können psychologische Hilfe nutzen

Das entsetzliche Bild, das sich den Einsatzkräften dann im Innern des weißen Hauses bot, werden sie wohl niemals vergessen. Wie berichtet, soll der Familienvater seine 37-jährige Ehefrau, die beiden vier- und einjährigen Töchter sowie seine 77-jährige Schwiegermutter mit einem Messer niedergestochen, dann das Haus angezündet und sich schließlich selbst erstochen haben. So schreibt es die Staatsanwaltschaft in ihrem Obduktionsbericht.

„Einige Kameraden haben Kinder im selben Alter, manche kannten auch die Familie“, sagt Hasenburg. Dankbar sei er wegen der hohen psychischen Belastung „seiner Leute“ für die Hilfe der Psychosozialen Unterstützung (PSU) der Unfallkasse der Feuerwehr. „Die waren sofort vor Ort, bieten aber ihre Hilfe für die Einsatzkräfte auch langfristig an“, erklärt Dietmar Hasenburg. Einige seiner Kameraden hätten bereits von schlaflosen Nächten und bedrückter Stimmung seit dem belastenden Einsatz gesprochen. Hasenburg: „Es steht ihnen frei, sich an die Psychologen zu wenden. Das ist für alle freiwillig.“

Stilles Entsetzen herrsche gerade vor bei der Radevormwalder Feuerwehr. „Weil es so unbegreiflich ist, was da geschehen ist“, sagt der Stadtbrandinspektor, auch stellvertretend für seine Kameraden. Was ihn auch bedrücke: „Dass der Täter damit, dass er nach der Tat noch einen Brand gelegt hat, Feuerwehrleute als völlig Unbeteiligte zusätzlich hineingezogen hat.“

Dass auch andere Unbeteiligte damit zu kämpfen haben, die grausame Tat zu verarbeiten, berichtet Philipp Müller. Er ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde und Sprecher der Radevormwalder Geistlichen. „Vielfach besteht der Wunsch nach Gedenken oder Abschiednehmen von der Familie“, berichtet Müller. Pfarrer Dieter Jeschke hatte deshalb am Sonntag bereits die reformierte Kirche am Markt geöffnet – natürlich unter Einhaltung der Corona-Abstandsregeln. „Viele Radevormwalder haben dieses Angebot genutzt, haben Kerzen angezündet und einen kurzen Moment verweilt“, berichtet Philipp Müller. Er schätzt, dass binnen zwei Stunden der Öffnung etwa 100 Menschen die Kirche betreten haben. „Weil viele uns angesprochen haben, möchten wir das wiederholen“, kündigt Müller an. „Allerdings möchten wir aus Rücksicht auf die Angehörigen zunächst die Bestattungen abwarten.“ Einen genauen Termin für die Öffnung der Kirche am Markt wolle die Gemeinde noch bekanntgeben.

Rades Bürgermeister Johannes Mans möchte bei allem verbliebenen Entsetzen am Montag nach der Bluttat den großen Zusammenhalt der Radevormwalder Bürger würdigen. „Es meldeten sich Menschen bei uns, die sich um die Hunde der Familie kümmern wollten, wir hatten Anrufe von Psychologen, die ihre Telefonnummern für Betroffene hinterlassen hatten“, berichtet das Stadtoberhaupt. Und auch viele Nachbarn hätten Hilfe angeboten. „Die Radevormwalder praktizieren Menschenliebe und Zusammenhalt. Das muss man bei aller Grausamkeit, die wir jetzt zu verarbeiten haben, wirklich betonen. Das beruhigt mich auch und macht mich etwas stolz“, erklärt Bürgermeister Mans.

PSU

Die „psychosoziale Unterstützung“ für die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren in NRW hilft den Einsatzkräften dabei, belastende Eindrücke der Einsatzorte zu verarbeiten. Die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen unterstützt die Aktiven bei dieser schwierigen Aufgabe sozusagen als „Akteur der zweiten Stunde“, bietet also langfristige psychologische Hilfe an, weil die Einsatzkräfte teilweise noch Jahre später unter den Eindrücken leiden.

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