Hilfsbereitschaft

Nach der Flucht eine neue Perspektive

Nataliia Lichenko, Karina Lichenko und Irina Kobozieva (v.l.) freuen sich über ihre Arbeit im Krankenhaus.
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Nataliia Lichenko, Karina Lichenko und Irina Kobozieva (v.l.) freuen sich über ihre Arbeit im Krankenhaus.

Nataliia und Karina Ilchenko sowie Iryna Kobzieva sind vor dem Krieg geflohen, jetzt arbeiten sie im Sana Krankenhaus.

Von Theresa Demski

Nataliia Ilchenko tritt aus dem Dienstzimmer auf Station 1. Sie zieht ihren Mund-Nasen-Schutz fest und wirft einen Blick in den langen Flur. Gerade kommt eine Kollegin mit einem Patientenbett um die Ecke. Nataliia Ilchenko zögert nicht lange. Sie greift zum Fußteil des Bettes und dirigiert es durch die Tür. Die Handgriffe sind der 46-Jährigen vertraut. Mehr als 30 Jahre hat sie in Kiew als Krankenschwester in der Klinik gearbeitet. Dann kam der Krieg, die ersten russischen Raketen schlugen ein, und mit ihren Töchtern trat sie die Flucht an – um das Leben ihrer Kinder zu retten. Das war im März. Sie strandete mit Anna (18) und Karina (22) in Radevormwald.

Hier hatte die Leitung des Sana Krankenhauses zwei freie Appartements im Schwesternwohnheim zur Unterbringung von Geflüchteten an die Stadt gemeldet. Und so zog Nataliia Ilchenko Ende März mit ihren Töchtern keine 100 Meter entfernt von der Klinik in sichere vier Wände ein. „Endlich fühlen wir Sicherheit“, hatte die 46-Jährige damals leise gesagt und sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt.

Ihr Mann war an der polnischen Grenze umgekehrt, um zu kämpfen. Nataliia Ilchenko und ihre Töchter aßen nicht mehr und hatten jeden Lebensmut verloren. Ihr Blick galt vor allem den Nachrichten in der Ukraine. Inzwischen sind fünf Monate vergangen, und Nataliia Ilchenko und ihre Tochter Karina haben ihren Lebensmut zurückgewonnen. „Es tut gut, wieder zu arbeiten“, sagt die 46-Jährige. Pflegedirektor Dirk Windgassen hat für die examinierte Krankenpflegerin eine Stelle auf Station 1 gefunden. „Wir suchen händeringend nach helfenden Händen“, sagt er. In Zeiten des Fachkräftemangels sei jede Fachkraft Gold wert.

Noch hadert Nataliia Ilchenko ein bisschen mit der deutschen Sprache. Sie versteht fast alles, aber spricht noch wenig. Deswegen ist sie fürs erste als Pflegehelferin angestellt – mit der Aussicht, bald als Krankenschwester arbeiten zu können. „An ihren Handgriffen haben wir sofort gesehen, dass sie ihre Arbeit versteht“, sagt Stationsleiterin Nelli Gejnc. Die Ukrainerin sei eine große Bereicherung für das Team. Und wenn mal sprachliche Probleme auftauchen, gibt es Kolleginnen, die der russischen Sprache mächtig sind und helfen.

Sie sei froh, endlich etwas zurückgeben zu können, sagt Nataliia Ilchenko. Und nebenbei lerne sie auf Station die neue Sprache. Währenddessen hat Tochter Karina (22), die in Kiew gerade ihren Abschluss als Juristin gemacht hatte, eine Stelle in der Hausreinigung angenommen. „Ich arbeite wirklich gerne“, sagt sie auf Englisch. Noch würden ihre Sprachkenntnisse nicht reichen, um in ihrem gelernten Beruf arbeiten zu können. „Aber Hauptsache, ich habe etwas zu tun.“ Wie es weitergehe? Das wissen die Frauen noch nicht. „Im Moment gibt es keinen Ort, an den wir zurückkehren könnten“, sagen sie.

Im Sana Krankenhaus sind die beiden Iryna Kobozieva begegnet. Vor zwei Monaten ist sie aus Odessa geflohen. „Ich habe in der Schule damals Deutsch gelernt“, erzählt sie, „das hilft mir jetzt.“ Die gelernte Erzieherin ist als Pflegehelferin auf Station 3 im Einsatz. „Und wir sind begeistert“, sagt die stellvertretende Stationsleiterin Nicole Schenkendorf. „Iryna ist ein Naturtalent“. Anfangs sei das Team etwas zurückhaltend gewesen, weil man nicht habe einschätzen können, ob die sprachlichen Barrieren oder der Quereinstieg einer fruchtbaren Zusammenarbeit im Wege stehen könnten. „Aber wir sind positiv überrascht worden“, sagt Schenkendorf. Die Sprache sei kein Problem. Und Berührungsängste gegenüber den Patienten kenne Iryna Kobozieva nicht. „Ganz im Gegenteil“, sagt die stellvertretende Stationsleiterin, „sie ist uns eine riesige Hilfe.“

Iryna Kobozieva hört das gerne und lacht. Sie könne niemals einfach nur im Sessel sitzen, aus dem Fenster schauen, grübeln und Geld vom Staat kassieren. „Ich will arbeiten“, sagt sie, „und ich bin so froh, dass sich diese Möglichkeit ergeben hat.“

Die Freude ist auf beiden Seiten spürbar: „Die drei Frauen passen alle gut ins Team“, sagt Windgassen, „wir sind mit der Lösung richtig glücklich.“ Durch Weiterbildungsmöglichkeiten gebe es auch gute Perspektiven für die Frauen. Und er sei stolz auf die Mitarbeiter auf den Stationen, die tatkräftig bei der Integration der Ukrainerinnen helfen würden. „Viele engagieren sich auch in ihrer Freizeit und helfen beim Ausfüllen der Dokumente“, erzählt Windgassen. Auch die Klinikleitung spricht von einer Erfolgsgeschichte. „Da waren Menschen, die Hilfe brauchten“, sagt Geschäftsführerin Ines Grunewald, „deswegen haben wir geholfen.“ Inzwischen sind Nataliia und Karina Ilchenko genauso wie Iryna Kobzieva selbst zu einer großen Hilfe geworden.

Hintergrund

Personal: Neu sei die Situation für die Stationen nicht, auch Mitarbeiter im Team zu haben, die die deutsche Sprache noch lernen, sagt Nicole Schenkendorf vom Krankenhaus.

Sprache: Nataliia und Karina Ilchenko nehmen an Deutschkursen teil, würden sich häufigeren Sprachunterricht wünschen. Für die größten Fortschritte mit der neuen Sprache sorge aber ohnehin der Kontakt mit den Kollegen im Alltag.

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