50 Jahre nach dem Zugunglück

Musikschuldozenten führen die Komposition auf

Komposition aus Finnland zur Trauerfeier: Cornelia Krebs, Bert Fastenrath und Iris Kausemann (v. l.) zeigen die Noten des finnischen Komponisten Urho Sipponen. Foto: Jürgen Moll
+
Komposition aus Finnland zur Trauerfeier: Cornelia Krebs, Bert Fastenrath und Iris Kausemann (v. l.) zeigen die Noten des finnischen Komponisten Urho Sipponen.

50 Jahre nach dem Zugunglück ist ein in Finnland für die Opfer geschriebenes Musikstück aufgetaucht.

Von Flora Treiber

Ein finnischer Komponist hat seine Trauer über das tragische Zugunglück in Radevormwald in Musiknoten ausgedrückt. Vor 50 Jahren verfiel Urho Sipponen in Trauer, als ihn die Nachricht erreichte, dass 46 Menschen bei einem Zugunglück in der Ortschaft Dahlerau ums Leben gekommen sind. Der Musiker und Leiter des Konservatoriums in der finnischen Stadt Turku komponierte ein Stück mit dem Titel „Die überraschende Trauer“. Die Komposition wurde noch nie live in Radevormwald gespielt und ist in Vergessenheit geraten – bis die Noten in diesem Jahr im Stadtarchiv gefunden wurden. „Ich habe wichtige Dokumente über das Zugunglück zusammengestellt. Dabei habe ich die Noten entdeckt“, sagt Stadtarchivarin Iris Kausemann.

Aus alten Akten geht hervor, dass die Komposition auf der Trauerfeier ein Jahr nach der Tragödie von einem Tonband zu hören war, aufgezeichnet vom Gürzenich-Orchester. „Das Tonband ist nicht aufzufinden“, sagt Iris Kausemann, die nicht nur das Archiv in Radevormwald überprüft hat, sondern auch das des Gürzenich-Orchesters.

„Die Komposition ist sehr persönlich.“

Cornelia Krebs, Dozentin an der Rader Musikschule

Live wurde das Werk von Urho Sipponen noch nie in Radevormwald gespielt. Bert Fastenrath, Leiter der Radevormwalder Musikschule, hat sich für die Wiederentdeckung des Stücks eingesetzt. „Als ich die Nachricht bekam, dass ein Musikstück gefunden wurde und dass Musiker gesucht werden, um es zu spielen, habe ich sofort zugesagt. Nicht nur für die Musikschule, sondern auch als Privatperson“, sagt er. „Ich bin ein Jahrgang mit den 41 Schülern, die bei dem Unglück gestorben sind. Mit vielen von ihnen bin ich zur Grundschule gegangen, mit anderen habe ich Fußball gespielt.“ Der 50. Todestag der Opfer wühlt Bert Fastenrath auf und lässt Erinnerungen wachwerden, die bei ihm, in der Geschichte der Kleinstadt und ihren Bewohnern tiefe Wunden hinterlassen haben.

Cornelia Krebs ist Dozentin an der Rader Musikschule und hat sich den alten Noten angenommen. „Ich habe sie zunächst mit einem Notensatzprogramm digitalisiert. Auch um eine Klangvorstellung von dem Stück zu bekommen. Komponiert ist es für ein Streichquintett“, sagt die Violinistin. Sie hat sich deswegen dafür entschieden „Die überraschende Trauer“ in der ursprünglichen Form aufzuführen. Mit ihren Kollegen Judith Oppel (Violine), Zsuzsanna Pénzes-Büdenbender (Viola), Michael Lewirt (Violoncello) und Stefan Rey (Kontrabass) hat sie das Streichquintett für die Trauerfeier am Donnerstag, 27. Mai, gegründet.

„Die Komposition ist sehr persönlich. Sie hat den Schockmoment des Unglücks vertont, auch die Geräusche eines Zugs sind zu erkennen und die Stille, die nach einer solchen Tragödie eintritt. Die Stille ist mit Dissonanzen gefüllt“, sagt Cornelia Krebs. Deutlich zu hören ist auch, dass der 1991 verstorbene Urho Sipponen ein Schüler des weltbekannten Komponisten Jean Sibelius war. „Das Stück klingt nach Finnland. Urho Sipponen hat den Opfern aus Radevormwald ein Tombeau, ein musikalisches Grabmal gewidmet. Das hat Tradition“, sagt Bert Fastenrath.

Warum der finnische Komponist diese tiefe Anteilnahme für die Opfer des Zugunglücks gezeigt und einen persönlichen Bezug zu Radevormwald hat, erklärt ein Schreiben vom 30. Mai 1971. Urho Sipponen hat einen Brief an den damaligen Innenminister Willi Weyer geschrieben. „Ich kenne diesen Ort zwischen Bremen und Wuppertal. Ich habe gute Freunde dort“, schrieb er. In dem Brief drückt er nicht nur seine Trauer, sondern auch die seiner mehr als 1000 Schüler aus. Der „unbekannte finnische Freund“, wie Urho Sipponen das Schreiben beendet, das direkt aus Turku versendet wurde, widmet den Jugendlichen seinen Klang.

Die Trauerfeier in der kommenden Woche wird mit einer Kranzniederlegung auf dem Radevormwalder Kommunalfriedhof begangen. Dort, wo die Opfer des Unglücks beerdigt sind, wird das Streichquintett „Die überraschende Trauer“ spielen. Die Gedenkstunde startet um 14 Uhr und wird zeitgleich in fünf Kirchen mit insgesamt 200 Plätzen übertragen.

Gedenkfeier

Unglück: Am Donnerstag, 27. Mai, ist das Zugunglück 50 Jahre her. Damals starben 46 Menschen in der Ortschaft Dahlerau, darunter waren 41 Schüler.

Gedenken: Die Trauerfeier auf dem Kommunalfriedhof wird live in fünf Kirchen in Radevormwald übertragen. Für diejenigen, die keine Kirche besuchen können, wird die Gedenkfeier ab dem späten Nachmittag auf die Homepage der Stadt als Video hochgeladen.

www.radevormwald.de

Plätze: Die Anmeldungen für die Trauerfeier werden von den Gemeinden entgegengenommen. In der Kirche der Lutherischen Kirchengemeinde an der Burgstraße gibt es 35 Plätze, in der Kirche St. Marien 60 Plätze, in der reformierten Kirche am Markt 40 Plätze, in der Kirche der Martini-Gemeinde 30 Plätze und in der Kirche der Gemeinde Remlingrade-Dahlerau am Siedlungsweg 35 Plätze.

Glockengeläut: Die Kirchengemeinden werden die Gedenkveranstaltung kurz vor 14 Uhr mit einem Glockengeläut eröffnen. Auch gegen 21 Uhr erinnern die Glocken an das Unglück vor 50 Jahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Rader Traditionsgeschäft macht dicht
Rader Traditionsgeschäft macht dicht
Rader Traditionsgeschäft macht dicht
Ensemble „Buccinate Deo“ begeisterte Besucher in der Pauluskirche
Ensemble „Buccinate Deo“ begeisterte Besucher in der Pauluskirche
Ensemble „Buccinate Deo“ begeisterte Besucher in der Pauluskirche
Initiative will jedes Alter ansprechen
Initiative will jedes Alter ansprechen
Initiative will jedes Alter ansprechen

Kommentare