Wirtschaft

Kunden zeigen sich eher zurückhaltend

Conny Werker gibt keine Prozente, dafür hofft sie auf das Weihnachtsgeschäft.
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Conny Werker gibt keine Prozente, dafür hofft sie auf das Weihnachtsgeschäft.

Die Sommerware muss weichen, um Platz für die neue Herbst- und Winterkollektion zu machen.

Von Cristina Segovia-Buendía

Sparfüchse kennen den Trick längst: Wer Geld sparen will, muss antizyklisch kaufen, also immer dann zuschlagen, wenn es eigentlich niemand mehr braucht: die Weihnachtsdeko im Hochsommer, die Badehose bei Minustemperaturen. Ähnlich funktioniert es mit dem Ausverkauf in vielen Geschäften. Um Platz für die neue Ware zu schaffen, gibt es derzeit nahezu überall reduzierte T-Shirts, Sommerkleider und Shorts, Sandalen und Flip-Flops, wobei diese bei den sommerlichen Temperaturen durchaus noch in dieser Saison zum Einsatz kommen können.

Doch in ordentlicher Kauflaune sehen Anke Hüllen und Roberta Mosciano vom Bekleidungsfachgeschäft Bahama-Moden auf der Kaiserstraße 108 ihre Kunden derzeit, trotz satten Rabatten von bis zu 40 Prozent, eher nicht. „Es ist das dritte Jahr, das ziemlich anstrengend für uns ist“, sagt Mosciano. „Einfacher ist es nicht geworden.“ Nach Corona seien ihre Kunden deutlich zurückhaltender. Der andauernde Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise und die Inflation, glaubt sie, führen dazu, dass die Menschen ihr hart erarbeitetes Geld eher versuchen, zusammenzuhalten.

Rainer Habermann lässt die Preise purzeln. Die Herbstkollektion holt er noch nicht aus dem Lager.

„Ich denke, die Leute kaufen rationaler ein“, sagt Geschäftsinhaberin Anke Hüllen, „und sparen dann eher an der Kleidung.“ Auch sie selbst sei vorsichtiger geworden, um nicht auf allzu viel Ware sitzen zu bleiben. Denn was sie in ihrem Geschäft nicht verkauft, kann sie nicht einfach zurückgeben. „Wir kaufen nichts auf Kommission. Die Ware, die wir hier haben, muss vorher schon bezahlt werden.“ Die Herbst- und Winterkollektion habe sie auch schon lange im Vorfeld bestellen müssen. Ein Teil davon hat sie bereits in ihrem Geschäft ausgestellt, der Rest wird dieser Tage geliefert. Die Nachfrage an Kleidung für den bevorstehenden Herbst sei gut. Doch: „Es gibt durchaus Veränderungen in der Branche. Die Textilindustrie produziert deutlich weniger“, berichtet Hüllen. Nachbestellungen seien schwieriger geworden. „Selbst wenn wir mehr Waren haben wollten, bekommen wir sie nicht.“

Mit Lieferengpässen hat auch Rainer Habermann vom Schuhgeschäft an der Kaiserstraße 48 in einigen Segmenten zu kämpfen. Dank der großen Nachfrage an Wanderschuhen zur Corona-Zeit, habe er sich in der Hochphase der Pandemie gut über Wasser halten können, ohne größere Einbußen zu verzeichnen. Glücklicherweise habe er im Vorfeld für dieses Jahr disponiert, „denn besonders bei den Wanderschuhen ist es derzeit so, dass wir vor nächstes Jahr keine Ware mehr bekommen.“

Roberta Mosciano und Anke Hüllen von Bahama-Moden brauchen Platz für die neue Kollektion.

Habermann hat frühzeitig vorgesorgt und längst sein Lager mit der Herbst- und Winterkollektion gefüllt. Doch die neusten Modelle bekommen die Kunden noch nicht zu sehen. „Ich zeige diese bewusst noch nicht, weil das Wetter dafür noch zu gut ist und ich erst die Sommerware verkaufen möchte.“ Und der inoffizielle Sommerschlussverkauf bei Habermann laufe sehr gut, wie er bestätigt. „Wenn die Schuhe zu 50 Prozent reduziert sind, nehmen Kunden gerne auch mal ein zweites Paar mit oder probieren gerne auch eher untypische Farben aus.“ Der ursprüngliche Sommerschlussverkauf, den es in Deutschland offiziell seit 18 Jahren nicht mehr gibt, den Händler aber dennoch gerne nutzen, beginne immer früher, sagt Habermann. „Früher war es die letzte Juliwoche. Mittlerweile reduzieren wir die Preise kurz vor den Sommerschulferien.“ Denn vor dem Familienurlaub seien die Menschen eher gewillt, in neues Schuhwerk zu investieren. Nach dem Urlaub sei die Familienkasse dagegen meist leergefegt und der Bedarf an neuen Schuhen gedeckt. Er selbst verzeichnet in diesem Jahr einen ähnlich guten Umsatz, wie noch vor der Corona-Pandemie. „Wir sind wieder auf dem Niveau von 2019.“

Davon können Conny und Armin Werker von Garten-Werker nur träumen. Mit Rabattaktionen und einer Art Sommerschlussverkauf locken sie ihre Kunden selten ins Geschäft. „Saß das Geld beim Weinfest im Mai noch locker, merkt man jetzt seit Anfang Juni stark, dass die Leute sehr zurückhaltend sind.“ Schuhe würden wie Kleidung immer gebraucht, doch an schöne Deko- und Geschenkartikel werde im Zweifelsfall immer zuerst gespart, wenn es finanziell eng wird, sagt Werker. „Wir hoffen daher jetzt ganz besonders auf das Weihnachtsgeschäft und hoffen, dass die Firmen auch dieses Jahr wieder Präsentkörbe verschenken.“

Hintergrund

Saisonschlussverkäufe waren nur für Beamte und Werksangehörige vorgesehen, bis 1950 das Bundeswirtschaftsministerium die „Verordnung über Sommer- und Winterschlussverkäufe“ einführte. Seitdem fand der Winterschlussverkauf Ende Januar statt, der Sommerschlussverkauf Ende Juli. 2004 wurden die Saisonschlussverkäufe abgeschafft. Seitdem dürfen Geschäfte ihre Schlussverkäufe nach Belieben durchführen.

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