Keiner war mehr aufzuhalten

+

MAUERFALL Berlin, 9. November 1989. Die Grenzen sind offen. Ein Bericht von dieser unvergesslichen Nacht. 9. November 1989, später Nachmittag. In meiner Wohnung in Berlin-Schöneberg klingelt das Telefon. Am anderen Ende ist ein alter Bekannter: Ingolf, Arzt aus Potsdam (also aus der DDR) und gerade auf Dienstreise im Westen - das erste Mal.

"Nadja, ist irgendwas los?" fragt er. Er macht sich Sorgen um seine Frau, die in Potsdam geblieben ist. Ich verstehe zuerst gar nicht, was er meint. Gewiss, im Ostteil der Stadt brodelt es, demonstrieren die Menschen in den Kirchen und auf den Plätzen. Aber was soll passieren? "Meinst du, die Mauer fällt?", flachse ich und gucke aus dem Fenster. "Trabbis sehe ich noch nicht." Ingolfs Frau können wir nicht fragen, wie es auf der anderen Seite der Mauer aussieht: Telefone sind in der DDR Mangelware. Ich beruhige Ingolf: Alles sei in Ordnung. Ich mache meinen Fernseher an. Irgendwann höre ich plötzlich Worte wie "Die Grenzen sind offen". Ich kann es nicht glauben, rufe Freunde an. Kann das sein? Kann das wirklich sein?

Wir sind etwas Besonderes auf unserer Berliner Insel

Ich bin zum Studium nach Berlin gekommen. Wie so viele andere, die eigentlich aus Schwaben oder aus NRW stammen. Dazu sagen wir "Westdeutschland" und fühlen uns auf unserer Berliner Insel als etwas Besonderes - so wie es heute die Jugend der ganzen Welt, die es nach Berlin zieht, tut. Ich habe Freunde und Verwandte jenseits der Mauer, die ich regelmäßig besuche. Ich mag die Ostberliner Theater und den Fernsehturm. Abends, am "Tränenpalast", müssen die Freunde dann zurückbleiben, während ich in die Unterwelt zu den Grenzkontrollen hinabsteige, um zurückzukehren in die andere Hälfte der Stadt. Wie oft haben wir uns vorgestellt, wir gehen einfach zusammen an den Grenzern vorbei. Wie oft haben wir am Brandenburger Tor gestanden, erzählend, was es drüben - ganz nah und doch unerreichbar - gibt: Siegessäule, Philharmonie, Kudamm.

Am Abend des 9. November bin ich wieder am Brandenburger Tor. Die Grenzer stehen abseits, fassungslos, ratlos. Die Menschen sind nicht aufzuhalten. Wir lachen und weinen, können es nicht fassen. Ich umarme wildfremde Ostberliner. "Wahnsinn" - kein Wort fällt öfter in dieser unvergesslichen Nacht. Später fahre ich zur Glienicker Brücke, an der einst Spione ausgetauscht wurden. Dort rollen uns die ersten Potsdamer Trabbis entgegen: Jeder einzelne wird begrüßt.

Zu meinem Geburtstag Anfang Dezember ist meine kleine Studentenwohnung rappelvoll: Ich feiere mit allen meinen Freunden, aus Ost und aus West. Kein Geburtstag war schöner.

HINTERGRUND

ZUR PERSON Nadja Lehmann ist seit 2001 RGA-Redakteurin und studierte zur Zeit des Mauerfalls an der Technischen Universität Berlin.

TAG DES MAUERFALLS Am 9. November 1989 gegen 21 Uhr fordert die Menge am Grenzübergang Bornholmer Straße die Öffnung der Grenze. Die Situation spitzt sich zu. Alle rufen: "Tor auf! Tor auf". Es spielen sich tumultartige Szenen ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Fahrer rastet aus und schlägt zu
Fahrer rastet aus und schlägt zu
Fahrer rastet aus und schlägt zu
Stadtfest in Radevormwald
Stadtfest in Radevormwald
Stadtfest in Radevormwald

Kommentare