Wenig Euphorie

Gebremste Freude vor der WM in Katar

Dieses Bild entstand beim Radevormwalder Autokorso nach dem WM-Finale im Jahr 2014 – begeisterte Fans mit Deutschland-Flaggen.
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Dieses Bild entstand beim Radevormwalder Autokorso nach dem WM-Finale im Jahr 2014 – begeisterte Fans mit Deutschland-Flaggen.

Unsere Redaktion fragte bei Sportvereinen nach, wie die Gefühlslage vor dem großen Fußball-Ereignis ist.

Von Stefan Gilsbach

Radevormwald. Es ist eine Fußball-WM unter ungewöhnlichen Vorzeichen. Wenn am 20. November die Weltmeisterschaft in Katar beginnt, werden viele Fans auch in der bergischen Region innerlich gespalten sein. Darf man mitjubeln oder soll man diesmal das Turnier boykottieren? Schon jetzt kündigen manche europäischen Städte an, kein „Public Viewing“ der Spiele zu veranstalten, als erste Metropole hatte Paris dies verkündet.

Die Euphorie, die sonst vor Turnieren herrscht, ist komplett gebremst.

Guido Musial, Tuspo Dahlhausen

Über die Gründe wurde bereits vielfach berichtet. Es steht der Vorwurf im Raum, die WM in dem Wüstenstaat sei gekauft worden. Der Zeitpunkt im November und Dezember ist aus europäischer Sicht skurril, mangelnde ökologische Rücksicht bei den Vorbereitungen wird beklagt. Kritik gab es auch an der Dreistigkeit, mit welcher der Gastgeber in die Planung der Spiele eingriff. So wurde der Start des Turniers einen Tag vorverlegt, mit der Begegnung Katar und Ecuador als Eröffnungsspiel. Und dann, ohne Zweifel der schwerste Vorwurf: Beim Bau der Stadien sollen durch die grausamen Arbeitsbedingungen zahllose Arbeiter ums Leben gekommen sein.

Unsere Redaktion fragte bei den Sportvereinen in Radevormwald nach, wie man dort auf die WM schaut – mit Vorfreude oder doch eher mit Bauchschmerzen?

Guido Musial ist Vorsitzender des Tuspo Dahlhausen.

Guido Musial, Vorsitzender der Tuspo Dahlhausen, kann verstehen, dass die WM-Vorfreude dieses Mal vergleichsweise gering ist. „Die Freude am Fußball ist natürlich bei uns Sportlern immer da“, sagt er. „Ich werde mir sicher auch Spiele ansehen. Aber die Rahmenbedingungen könnten wahrhaftig besser sein.“

Schon die ungewohnten Übertragungszeiten seien ein Dämpfer für viele Fußball-Fans. Und Musial erwähnt auch die fragwürdigen finanziellen Hintergründe, die offenbar zur Vergabe an Katar geführt haben, und die Berichte über zahlreiche Todesopfer unter den Arbeitern. Darf man da unbefangen Sport genießen?

„Die Euphorie, die sonst vor den Turnieren herrscht, ist komplett gebremst“, so lautet der Eindruck des Tuspo-Vorsitzenden. Während sonst im Vorfeld schon WM-Partys und gemeinsames Spielegucken vereinbart würden, sei davon derzeit noch nichts zu hören.

Roger Feldermann, Vorsitzender des TV Herbeck, zu dem ebenfalls eine Fußball-Abteilung gehört, ist überzeugt, dass die Freude an der Weltmeisterschaft sich noch entwickeln wird. „Ich bin Fußball-Fan und werde mir die Spiele auf jeden Fall anschauen“, sagt er. Dass die Euphorie im Moment noch etwas ausbaufähig sei, habe er im Gespräch mit Vereinskollegen durchaus bemerkt. „Aber wenn es los geht und die deutsche Mannschaft ins Viertelfinale kommt, dann wird sich sicher Begeisterung entwickeln“, meint Feldermann.

Dass die Vergabe an Katar recht dubios verlaufen sei und dass es Menschenrechtsverletzungen in dem Land gebe, sei natürlich übel. „Aber ich erinnere mich noch an die Olympiade im Jahr 1980 in Moskau, als der Westen die Spiele boykottiert hatte. Ich war damals ein Kind und weiß noch, wie traurig ich es fand, dass die ganzen Sportler umsonst trainiert hatten.“

Reiner Klausing, stellvertretender Vorsitzender des SC 08.

Reiner Klausing, stellvertretender Vorsitzender des SC 08 Radevormwald, erwartet von seinen Mitsportlern wenig Begeisterung für das kommende Turnier. „Von Vorfreude kann kaum die Rede sein, viele werden sich fragen, ob sie die Spiele überhaupt schauen sollen oder nur jene der deutschen Mannschaft.“ Ohnehin seien die Übertragungszeiten für Events wie Public Viewing kaum geeignet. Wenn man die ganzen Umstände bedenke, von Umweltschädlichkeit bis zu den Menschenrechtsverletzungen, bleibe eigentlich nur das Fazit: „Das passt einfach nicht in die Zeit.“

Eigentlich bedeuten große Turniere für Fußballvereine wie den SC 08 einen Schub, denn die Begeisterung animiert viele, selber in einem Verein mitzuspielen. „Ich erwartete aber nicht, dass wir diesmal viel Zulauf bekommen werden“, schätzt Klausing.

Hintergrund

Auch manche Gastronomen haben mit der WM in Katar ein Problem. So hat unter dem Motto „Kein Katar in meiner Kneipe“ die Düsseldorfer Altstadtkneipe Retematäng eine Boykott-Bewegung initiiert. Sie wollen die Spiele der Fußball-WM in Katar nicht übertragen. Inzwischen haben sich auch andere Inhaber von Gaststätten, die sonst Fußball übertragen, angeschlossen.

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