Förster plädiert für den vielfältigen Wald

Revierförster Stefan Wende steht auf einer Kahlfläche in Neuenhof.
+
Revierförster Stefan Wende steht auf einer Kahlfläche in Neuenhof.

Lang anhaltender Landregen ist auch in Rade dringend nötig.

Von Joachim Rüttgen

Radevormwald. Die Situation ist dramatisch. Kahlschlag, braune Bäume, entlaubt, Dürre pur, kaum Leben mehr. Der Wald leidet. Es geht ihm schlecht. Ursachen gibt es viele: heftige Stürme, enorme Trockenheit, massiver Borkenkäferbefall. Das haut den stärksten Baum um. „Wir müssen was tun“, lautet die Botschaft von Förster Stefan Wende, der seit Januar hoheitlich für die Wälder in Radevormwald und Remscheid zuständig ist. Zunächst einmal muss es aber regnen, viel regnen. Kein Platzregen mit riesigen Mengen in kürzester Zeit, sondern ein lang anhaltender Dauerregen. Ein richtiger Landregen. Wenn Wende die Kahlstellen im Wald entdeckt, lautet sein Tipp an die Waldbesitzer, Pflanzungen nur noch im Herbst vorzunehmen, im Sommer sei die ständige Trockenheit zu extrem. „Ich stehe da auch gerne beratend zur Seite“, sagt er. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien in erster Linie Fichten gepflanzt worden, doch diese Monokulturen müssten künftig vermieden werden.

Wende plädiert für den vielfältigen Wald. Warum, zeigt er auf einer kahlen Sturmfläche in Privatbesitz an der B 483 in Neuenhof: „Hier wurden die Laubbäume durch die Fichten geschützt, sie waren es nicht gewöhnt, dem Sturm ausgesetzt zu sein.“ So wirkten die Fichten schützend im Bestand. Die Flachwurzler sind weg, Sonne, Sturm und Trockenheit taten ihr übriges. „Auf so einer großen Kahlfläche haben sie auch eine sehr hohe Verdunstung“, meint Wende.

Deshalb sei es auch so wichtig, dass es auf den Kahlflächen unordentlich aussieht, wie manche Kritiker monieren. „In den Ästen sammelt sich die Feuchtigkeit, in den kleinen Nischen findet eine enorm wichtige Verschattung statt“, erläutert der Fachmann. Dort fänden Pflanzen wieder Halt. Außerdem dienten Althölzer als Unterschlupf für Vögel und Insekten. „Wir bieten damit neuen Lebensraum“, sagt Wende. „Tue ich das nicht, wandern die Tiere ab oder sterben, und wenn sie weg sind, kommen sie so schnell nicht wieder zurück.“ Beim nächsten Schadensereignis gebe es weniger natürliche Barrieren gegen neue Schadenserreger. Durch Totholz ließe sich auch Vielfalt generieren. Je vielfältiger ein Wald sei, desto resistenter werde er.

Wende wirbt für die Mischung der Baumarten im Wald. Deshalb nennt er bewusst keine Sorten, die künftig gepflanzt werden sollten. Das sei grundsätzlich immer eine individuelle, standortliche Entscheidung und hänge von der Fläche ab. „Wir haben Bergkuppen, Täler und ebene Flächen, da muss es einen gesunden Mischwald geben.“ Die Gespräche mit den Waldbauern führe er weitestgehend konstruktiv.

Die Situation im Wald sei tragisch, aber zu viele Emotionen dürften nicht sein. „Wir müssen das Beste draus machen und aus der Katastrophe heraus die Chance sehen, den Wald zukunftsfähig zu machen“, sagt Wende. Verbunden mit einer klaren Botschaft an die Waldbesitzer, denn schon im Grundgesetz stehe geschrieben, dass Eigentum verpflichte. „Die Waldbesitzer müssen sich kümmern“, fordert Wende. Wer das nicht leisten könne oder wolle, müsse einen Kredit aufnehmen oder verkaufen.

Den Wald der Naturverjüngung zu überlassen, sei eine Möglichkeit, schließlich könnten Baumschulen gar nicht so viele Bäume liefern, wie benötigt würden, um die kahlen Flächen zu bepflanzen. „Naturverjüngung ist eine Option, aber was sie bringt, ist völlig unklar“, sagt Wende und zeigt auf die kahle Fläche an der B 483.

Hier entdeckt er eine Eiche, eine Buche, dazu Ilex – alles angefressen von Rehen. Naturverjüngung bringe nur etwas, wenn Waldbauern regulierend eingreifen. Dazu gehöre auch eine vernünftige Hege und Bestandsregulierung. „Die Population der Rehe muss eine Waldverjüngung auch ermöglichen“, meint Wende. Niemand wolle die Tiere ausrotten, aber es müsse ein Gleichgewicht hergestellt werden. „Das Rehwild entmischt den Wald“, sagt Wende. Und wenn man sich die alten Kyrill-Flächen anschaue, würden dort durch Naturverjüngung meist Birken und Fichten stehen. Und das seien Arten, die im Bergischen keine Zukunft hätten. W

Kahlgeschlagene Fichtenflächen: Diese Drohnen-Aufnahme von der Bergstraße aus aufgenommen, zeigt das enorme Ausmaß der Schäden im Wald in einem Bereich an der Uelfe-Wuppertal-Straße. Dort läuft auch der Eistringhauser Bach durch. Auch an der B 483 gibt es massive Schäden und Kahlflächen.

ende fordert für die Zukunft des Waldes Bäume, die in die Tiefe gehen, die die tiefen Bodenschichten erschließen. So ließe sich eine Artenvielfalt erhalten. „Aber ohne steuernde Hand des Försters, die regulierend eingreift, geht es nicht, um die dringend notwendige Mischung zu garantieren.“ Wälder still zu legen, so wie es einige Waldbauern propagieren, davon hält er wenig. „Weil das eben nicht zielführend ist. Wald hat Wald zu bleiben. Das sagt auch das Gesetz“, meint Wende.

Prinzipiell sehe es der Gesetzgeber vor, dass jeder Waldbesitzer nach einem Kahlschlag vier Jahre Zeit habe, den Wald wieder aufzuforsten. Das sei natürlich kostenintensiv, es gebe aber Fördermittel vom Land. Wende: „Wir stehen vor einer Zeitenwende, haben es aber auch in der Hand, wie der Wald künftig aussehen wird.“ Diese Chance sollten sich die Menschen nicht entgehen lassen. „Wir sitzen alle in einem Bott und dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken“, fordert der Förster.

Hintergrund

In NRW befinden sich nach Angaben von Förster Stefan Wende 64 Prozent des Waldes in Privatbesitz. In Rade gibt es keinen Staatswald, Waldbesitzer sind neben Privatleuten die Kommune und Kirchen. Vor den Stürmen und der Trockenheit gab es etwa 40 Prozent Fichtenbestand.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Künstlerin interpretiert Rokoko neu
Künstlerin interpretiert Rokoko neu
Künstlerin interpretiert Rokoko neu
Sieben Jugendliche konfirmiert
Sieben Jugendliche konfirmiert
Sieben Jugendliche konfirmiert
Önkfeld: Christina Dargel ist Erntekönigin
Önkfeld: Christina Dargel ist Erntekönigin
Önkfeld: Christina Dargel ist Erntekönigin

Kommentare