Tradition

„Fauler Thomas“ und Jux-Bürgermeister

Weihnachtssingen auf dem Radevormwalder Marktplatz - Kleidung und Frisuren verweisen auf die 1960er Jahre.
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Weihnachtssingen auf dem Radevormwalder Marktplatz - Kleidung und Frisuren verweisen auf die 1960er Jahre.

In Radevormwald wurden früher rund um Weihnachten humorvolle Bräuche gepflegt.

Von Stefan Gilsbach

Wissen Sie, was der „Ful Tommes“ ist? Das war in den Tagen vor Weihnachten in Radevormwald einst eine stehende Wendung. „Der 21. Dezember, der Thomastag, wurde früher hier im Bergischen immer auf besondere Art und Weise begangen“, berichtet Heimatkenner Lutz Aldermann. „Es war üblich, dass der, der als letzter und auch noch zu spät an seiner Arbeitsstelle eintraf, der ,Ful Tommes‘ war.“ Und das bedeutete, dass der „Faule Thomas“ seine Kollegen mit Schnaps versorgen musste, falls er nicht riskieren wollte, ständig mit dem Spottnamen angeredet zu werden.

Radevormwalds Heimatdichter Karl Höltken, so berichtet Aldermann, habe diesen Brauch auch in einer Geschichte in „Rüötsch Platt“ verewigt. Darin heißt es: „An enem Winterdag, utgeri‘ecknet am 21. Dezember, hadde seck dä Kaal bim Stroppen verwielt un kom dodürch te spät in dr Krim an. Wecker domols am „Ful Tommesdag“, so neumede me dän Thomasdag frögger, as letzder dä Dür rinnerkom, dä moche dann för genaug Kloren sorgen, domet dat Ful Tommes raupen ophorde. So gung et dann ohk kottdrop an Kaals Arbedsti‘e munter rund...“

Ein anderer Brauch, der zu Weihnachten in Rade in früheren Zeiten gepflegt wurde, war die Wahl des „zweiten Bürgermeisters“. Dazu hatte Hans Aldermann (1912-1994), Redakteur der Rheinischen Post, einen Artikel recherchiert. Diese nicht ganz ernst gemeinte Wahl fand in den Tagen um Weihnachten in einer Gaststube statt. Dabei wurde eine stadtbekannte Person aus Jux zum stellvertretenden Stadtoberhaupt befördert, natürlich ohne Pflichten oder Amtsgewalt. Meist hatte man dabei im Vorfeld schon jemanden ausgeguckt. Der auf diese Weise gewählte „Bürgermeister“ musste das Ganze mit Humor über sich ergehen lassen.

Seit mehr als 70 Jahren wird auf dem Markt gesungen

Aus reinem Ulk, das schreibt Hans Aldermann, war diese Wahl des zweiten Bürgermeisters wohl nicht entstanden: „Von freien Bürgermeisterwahlen in unserer Stadt zeugt schon ein Verzeichnis aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Und diese Wahl fand am dritten Christtag statt. Das ,Amt‘ war ein unbesoldeter Ehrenposten.“ Als das Bergische in der Ära Napoleons unter französische Herrschaft kam, wurde das Privileg der freien Bürgermeisterwahl aufgehoben. Die darauffolgenden Herren, die Preußen, beließen es dabei, erst 1856 wurde durch die Rheinische Städteordnung die Wahl des Bürgermeisters durch die Stadtverordneten wieder eingeführt. 

Manche Bräuche sind bis heute lebendig. So findet in dieser Christnacht wieder das Singen auf dem Marktplatz statt. Diese Tradition ist schon mehr als 70 Jahre alt. Laut den Unterlagen des Posaunenchors der Martini-Gemeinde hatten dessen Musiker bereits seit 1947 an drei Stellen der Stadt die Zuhörer an Heiligabend mit Weihnachtsklängen erfreut. In den 1960er Jahren stieß dann der Radevormwalder Männerchor dazu. Seit dessen Auflösung 2017 führt ein Projektchor diesen Brauch fort, auf den man nicht verzichten wollte.

Die Christvespern, die in Radevormwald meist am Nachmittag des 24. Dezember stattfinden, wurden laut Lutz Aldermann durch Kriegsflüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten ins Bergische gebracht. Dort fanden die Christmetten meist in der Frühe des ersten Weihnachtsfeiertages statt – und nicht in der Christnacht.

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