Kritisch

Ex-Schulleiter schreibt Roman über Schule

Claus-Peter Wirth zu Beginn seiner Tätigkeit als Leiter der Realschule Radevormwald.
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Claus-Peter Wirth zu Beginn seiner Tätigkeit als Leiter der Realschule Radevormwald.

Mit dem Buch „Reproduktionsfehler“ wirft der ehemalige Rektor der Realschule einen kritischen Blick aufs deutsche Bildungssystem.

Von Stefan Gilsbach

Herr Wirth, wie ist das Buch „Reproduktionsfehler“ entstanden?

Claus Peter Wirth: Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, einen Roman zu schreiben. Nach dem Ende meiner Tätigkeit als Schulleiter habe ich das Projekt in Angriff genommen.

Sie schreiben über das Schulwesen im fiktiven Ort Wermelsburg, der unschwer als bergische Kleinstadt zu erkennen ist. Müssen Eltern, Schüler oder Kollegen aus Radevormwald etwa befürchten, in dem Buch aufzutauchen?

Wirth: Nein, kein Grund zur Sorge. Ich habe niemanden eins zu eins als Vorbild für eine Figur genommen oder gar eine bestimmte Person karikiert. Aber natürlich sind Erfahrungen aus meiner Tätigkeit ins Buch eingeflossen.

Hatten Sie beim Schreiben Mühe oder ging es Ihnen leicht von der Hand?

Wirth: Ich habe den Roman eigentlich in einem Zug geschrieben, ohne vorher große Szenarien zu entwerfen, wie man es von anderen Schriftstellern oft hört.

Sie haben das Buch im Eigenverlag publiziert, ohne Lektorat. Wer hat den Roman zuerst gelesen?

Wirth: Meine Lebensgefährtin, ihr ist das Buch auch gewidmet. Eine ehemalige Kollegin, eine Germanistin, hat noch einmal drübergeschaut.

Worum geht es?

Wirth: Im Mittelpunkt steht eine Mutter, die drei Kinder hat. Das jüngste geht noch in die Kita, das mittlere steht vor dem Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule. Der Älteste besucht das Gymnasium. Ich schildere die Erfahrungen, die diese Mutter dabei macht, für ihre Kinder die bestmögliche Bildung zu organisieren.

Ist das Buch ernst oder eher heiter?

Wirth: Humor spielt eine Rolle, der Leser soll auch schmunzeln, aber das Thema ist durchaus ernst. Es geht um unser Bildungssystem und das, was aus meiner Sicht darin schief läuft.

Was ist das Hauptübel?

Wirth: Ein großes Problem ist, dass das, was politisch gewollt ist, in der Realität der Schulen kaum umsetzbar ist. Es prasseln zu viele Ansprüche, zu viele Forderungen von oben auf die Schulen ein.

Kommen die hohen Ansprüche nicht zum großen Teil von den Eltern?

Wirth: Viele Eltern betrachten die Schulen heute als Dienstleister. Die Lehrer sollen den Bildungs- und Erziehungsauftrag erfüllen, nach dem Motto „Nun mach du mal“. Und wenn nicht geliefert wird, dann gibt es Beschwerden. Wir sind in den vergangenen Jahrzehnten mit dieser Dienstleistungsmentalität im Bildungswesen einfach zu weit gegangen.

Nun gibt es doch auch jene Eltern, die sich sehr stark in die Schullaufbahn ihrer Kinder einmischen.

Wirth: Das ist gewissermaßen das andere Extrem. Nicht umsonst ist der Ehemann der Protagonistin meines Buches ein Anwalt. Mit denen haben Schulleiter heutzutage regelmäßig zu tun, allerdings erleben das die Kollegen auf den Gymnasien noch häufiger.

Das klingt fast, als haderten sie mit dem Lehrerberuf.

Wirth: Man braucht schon eine starke Motivation. Ich selber bin als Quereinsteiger zum Lehrerberuf gekommen. Es ist viel Idealismus nötig, um ein guter Lehrer zu sein. Und es ist wahrhaftig nicht so, wie viele glauben, dass der Pädagoge mittags nach Hause geht und dann mit dem Thema Schule durch ist.

Sie gehen in dem Buch unter anderem auf die Schulreformen ein, damals war Bildungsministerin Silvia Löhrmann.

Wirth: In dieser Zeit wurde an das dreigliedrige Schulsystem in NRW die Axt gelegt. Frau Löhrmann schickte damals in alle Kommunen so genannte Schulentwicklungsberater, die diesen Prozess untermauern sollten. Und die meisten Kommunen sprangen darauf an.

Das klingt, als trauerten sie der Dreiheit Hauptschule, Realschule und Gymnasium nach.

Wirth: Der Ruf der Hauptschule ist immer negativer geworden, die Eltern wollten ihre Kinder unbedingt auf Schulen mit höherem Abschluss unterbringen – in gewisser Weise verständlich. Aber das spiegelt die Realität der Gesellschaft nicht wider. Das Land braucht nicht nur Akademiker, es braucht auch Handwerker, Facharbeiter und so fort.

Also weg vom Ideal, dass möglichst jeder Abitur machen soll?

Wirth: Seit die Empfehlung der Grundschule nicht mehr bindend ist, melden die Eltern ihre Kinder mit Vorliebe auf dem Gymnasium an, auch wenn diese Schulform nicht passt. Die Folgen tragen dann die Kinder.

In ihrem Buch wird auch ein prominenter Schulpsychologe erwähnt. Dahinter steckt der inzwischen negativ in die Schlagzeilen geratene Michael Winterhoff, der in heutigen Kindern kleine Tyrannen sieht.

Wirth: Manche seiner Erkenntnisse sind nachdenkenswert, aber so wie ich es sehe, kann man nicht alles in diese Schublade des kindlichen Narzissmus schieben. Wir müssen in der Schule eine Balance finden, einerseits müssen Lehrer auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingehen, andererseits geht es nicht ohne Forderungen. Natürlich darf es keinen Rückfall in die „schwarze Pädagogik“ mit Drohungen und Strafen geben.

Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck, dass es im Bildungssystem nicht zuletzt darum geht, die Eltern für die Wirtschaft zur Verfügung zu halten.

Wirth: Ja, das erscheint mir aus politischer Sicht durchaus gewollt. Nach wie vor basiert unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf dem Wachstumsmythos. Kaum jemand kann sich dem entziehen, obwohl es doch gerade Eltern klar sein müsste, dass wir damit unseren Kindern und Enkeln die Lebensbasis entziehen. Um dieses Wachstum zu erzielen, müssen wir alle in Vollzeit arbeiten, und Kinder, die dabei im Weg sind, werden bereits mit einem Jahr in Kitas abgeschoben. Das ist für mich ein Unding.

Hintergrund

Biografisches: Claus Peter Wirth, der unter dem Autorennamen CePe Wirth veröffentlicht, hat Wirtschafts- und Fotoingenieurwesen studiert. Als Quereinsteiger wurde er Lehrer und arbeitete 20 Jahre im öffentlichen Schuldienst, zuletzt als Rektor der Städtischen Realschule in Radevormwald. Heute ist der 61-Jährige, der in Halver lebt, als freier Autor und Webdesigner tätig.

Buch: Erhältlich ist sein erster Roman „Reproduktionsfehler“ unter anderem in der Bergischen Buchhandlung am Schlossmacherplatz. Die Taschenbuchausgabe kostet 13,99 Euro, gebunden 23,99 Euro.

Internet: Claus Peter Wirth hat eine eigene Webpräsenz unter kleinaberfein-design.de

Auch zum Buch selbst gibt es eine eigene Webseite reproduktionsfehler.de

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