Interview

„Dieses Pflänzchen soll man nicht zertreten“

Blick auf den Altar der Pfarrkirche St. Marien in Radevormwald: Bald soll die katholische Gemeinde Teil einer Pastoralen Einheit werden, die fünf Pfarreien im nördlichen Kreis umfasst.
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Blick auf den Altar der Pfarrkirche St. Marien in Radevormwald: Bald soll die katholische Gemeinde Teil einer Pastoralen Einheit werden, die fünf Pfarreien im nördlichen Kreis umfasst.

Der Diakon der Seelsorgegemeinschaft Radevormwald-Hückeswagen äußert sich zum Zusammenschluss von fünf Gemeinden

Von Stefan Gilsbach

Herr Wittwer, die katholischen Gremien in der Region haben sich entschieden, dass fünf Gemeinden im Nordkreis eine neue pastorale Einheit bilden sollen. Wird damit das kirchliche Leben nicht ausgedünnt?

Burkhard Wittwer: Das ist ein Prozess, der ja seit längerem im Gang ist. Ich bin Jahrgang 1960. Vergleiche ich die aktuelle Situation mit dem Gemeindeleben, wie ich es in meiner Jugend erlebt habe, dann merke ich den großen Unterschied. Ein Grund ist natürlich, dass es heute gerade für junge Menschen viel mehr Angebote im Freizeitbereich gibt.

Liegt das nicht auch an der starren Haltung, welche die katholische Amtskirche bei Themen wie dem Zölibat oder dem Priesteramt der Frau vertritt?

Wittwer: Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es in der katholischen Kirche hausgemachte Probleme gibt und einen echten Problemstau, und ich würde mir wünschen, dass sich die Dinge ändern. Da rennen Sie bei mir offene Türen ein. Aber es ist kein rein katholisches Problem. Wenn sie die Lage der protestantischen Kirchen betrachten, dann sehen Sie auch dort große Austrittszahlen. Die Individualisierung und Säkularisierung der modernen Gesellschaft bei sinkender Bevölkerungszahl ist ein entscheidender Grund.

Wie kann angesichts des Priestermangels ein echtes Gemeindeleben gesichert werden, wo sich die Pfarrer schon jetzt um mehrere Pfarreien kümmern müssen?

Wittwer: Eine lebendige Kirche trägt sich nicht allein durch die Priester. Das II. Vatikanische Konzil hat das Wort vom „Priestertum der Gläubigen“ geprägt. Entscheidend für die Zukunft der Kirche ist das Engagement jedes und jeder Getauften.

Aber die heilige Handlung der Eucharistie ist weiterhin nur dem geweihten Priester vorbehalten.

Wittwer: Richtig, aber dies ist auch die einzige Ausnahme. Ansonsten können beispielsweise wir Diakone alle pastoralen Aufgaben erfüllen. In diesem Punkt war das Erzbistum Köln übrigens Vorreiter: Vor mehr als 50 Jahren wurden hier weltweit die ersten katholischen ständigen Diakone geweiht.

Wenn ich Sie richtig verstehe, wird in den neuen Pfarrstrukturen die Verantwortung der Pfarrer abnehmen, die der anderen hauptamtlichen Seelsorger und der Laien dagegen zunehmen?

Wittwer: So ist es gedacht. Wir sagen den Gläubigen: Konzentriert euch auf das, was vor Ort möglich ist. Das, was vielen nur als weniger vorkommt, birgt enorme Chancen. Ich zitiere den Theologen Hans Joachim Sander: „Weniger Zölibat ist mehr Priester! Weniger Pfarrei ist mehr Communio! Weniger Moralisieren ist mehr Spiritualität! Weniger Angst ist mehr Glauben! Weniger Macht ist mehr Gott!“

Ist es nicht nachvollziehbar, dass viele Katholiken mit dieser Vorstellung Probleme haben?

Wittwer: Durchaus, ich bin ja selbst in den alten Strukturen religiös sozialisiert worden. Aber Kirche bedeutet mehr. Jeder Getaufte ist Kirche. Wenn das nicht mehr im Bewusstsein der Gläubigen verankert ist, dann hat die Kirche tatsächlich keine Zukunft.

Die Laien sollen mehr Verantwortung übernehmen, das letzte Wort hat jedoch weiterhin die kirchliche Hierarchie. Wie passt das zusammen?

Burkhard Wittwer ist Diakon für Radevormwald und Hückeswagen.

Wittwer: Wir sehen zurzeit in Deutschland echte Fortschritte, etwa bei dem synodalen Weg. Da wächst ein Pflänzchen. Die meisten Bischöfe möchten diesen Prozess mittragen. Ich mache mir Sorgen, dass diese Ansätze durch vorschnelle Ablehnung zerstört werden. Natürlich ist es vorstellbar, dass von Rom ein Teil dieser Ansätze nicht akzeptiert wird. Trotzdem ist das Ganze wertvoll und zukunftsweisend. Auch die Entscheidung über die künftigen Pastoralen Einheiten ist nicht von oben aufgezwungen worden, sondern durch die Mitbestimmung vor Ort.

Wie ist dieser Prozess verlaufen?

Wittwer: Es gab ja unterschiedliche Ansätze, wie die zukünftigen Zuschnitte der Pfarreien aussehen könnten. Bei uns haben die Menschen aus den Gemeinden und Gremien sich dafür entschieden, dass Radevormwald und Hückeswagen mit den Gemeinden in Wipperfürth, Lindlar und Marienheide eine neue Einheit bilden sollten. Der Erzbischof hatte im Vorfeld versichert, dass er diese Entscheidungen der Gemeinden vor Ort akzeptieren wird. Wir haben im Diözesanpastoralrat schwer um diese Möglichkeit der Partizipation gerungen. Aber es ist nun tatsächlich die Entscheidung der Gemeinden gewesen. Und das meine ich mit dem Pflänzchen, das wächst, und dass man nicht zertreten soll.

Sie haben geäußert, dass eine Hand voll engagierter Christen viel bewegen könnte. Ist das nicht der Abschied von der Volkskirche?

Wittwer: Wir müssen uns, glaube ich, von der Vorstellung einer allumfassenden Volkskirche verabschieden. Diese Gleichsetzung von Kirche und Volk – oder vielmehr Kirche und Staat – hat in der Vergangenheit viel Schlimmes angerichtet. Das entscheidende Kriterium sollte die Gemeinschaft von Menschen sein, die wirklich ihren Glauben leben – den Glauben an die (und davon bin ich überzeugt) beste Botschaft der Welt.

Hintergrund

Die neue Pastorale Einheit, für die der Name „Oberberg-Nord“ angedacht ist, soll die bisherigen Seelsorgebereiche Radevormwald-Hückeswagen, Wipperfürth, Lindlar und Marienheide umfassen. Mit etwa 34.000 Katholiken wäre diese pastorale Einheit die größte in der oberbergischen Region.

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