Fernab der Heimat

Das Weihnachtsfest soll nicht ausfallen

Auch diese drei Ukrainerinnen feiern erstmals Weihnachten in Radevormwald (v.l.): Natalia Nikiforova, Vitaliia Sidorkova und Alla Belorus.
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Auch diese drei Ukrainerinnen feiern erstmals Weihnachten in Radevormwald (v.l.): Natalia Nikiforova, Vitaliia Sidorkova und Alla Belorus.

Zum ersten Mal werden ukrainische Flüchtlinge in Radevormwald die Feiertage fernab ihrer Heimat verbringen.

Von Cristina Segovia-Buendía

Weihnachten ist auch in der Ukraine eine besondere Zeit: Die Wohnungen werden, wie hier, lange im Vorfeld dekoriert und festlich geschmückt, berichtet Natalia Nikiforova. Im Frühjahr floh sie mit ihren Kindern aus Kiew und lebt seitdem in Radevormwald, wie auch Alla Belorus und Vitaliia Sidorkova. Für die drei Ukrainerinnen ist es ihr erstes Weihnachtsfest fernab der Heimat. Weihnachten werden sie dennoch feiern, im Kleinen und anders. Aus verschiedenen Gründen.

In jeder großen Stadt steht für gewöhnlich auf einem zentralen Platz ein großer Tannenbaum. „Den gibt es auch in diesem Jahr in Kiew“, sagt Nikiforova und zückt ihr Handy. Ein Foto einer groß gewachsenen Tanne kommt zum Vorschein, farblich zweigeteilt in den Nationalfarben – blau und gelb. Weiße Friedenstauben aus Papier sind zu erkennen. Ein sicherlich zwei Meter hoher Schutzengel hängt im Baum, das Wappen der Ukraine, der goldene Dreizack, thront oben an der Baumspitze. „Der Baum wurde in diesem Jahr von Unternehmern in Kiew gespendet und aufgestellt“, berichtet Nikiforova. Weil in der Ukraine häufiger der Strom ausfällt, haben die Ukrainer Fahrräder um den Baum aufgestellt: Wer ihn zum Leuchten bringen will, muss in die Pedale treten.

Trotz der anhaltenden Gefechte in und um die ukrainische Hauptstadt, sagen die Frauen, die regen Kontakt zu Verwandten in der Heimat pflegen, sei es den Menschen wichtig, das Fest nicht ausfallen zu lassen. Und auch sie werden in Rade Weihnachten feiern, wenn auch etwas anders als sonst. Für gewöhnlich feiern die orthodoxen Christen in der Ukraine Heiligabend nicht nach dem gregorianischen Kalender am 24. Dezember, sondern nach dem julianischen Kalender am 6. Januar. „Aber da verändert sich gerade viel“, erzählen die Frauen. Um sich noch deutlicher von der russischen Tradition zu lösen, gehen viele Ukrainer mittlerweile dazu über, die Feierlichkeiten, wie sonst in Europa üblich, nach dem gregorianischen Kalender zu feiern. „Sicherlich werden wir in den nächsten Jahren alle in der Ukraine am 24. Dezember Weihnachten feiern“, ist Nikiforova überzeugt.

Die Weihnachtsfeiertage sind in der Ukraine Tage, die sie mit Familien und Freunden verbringen, an denen sie gemeinsam kochen, essen, singen und lachen. „Zwölf Gerichte werden gekocht, so viele, wie es Apostel gibt“, erzählt Sidorkova. Darunter befindet sich „Kutja“, ein Brei aus gekeimten Weizen mit Rosinen, Nüssen und Mohn. Das beispielsweise werden die geflüchteten Ukrainerinnen in diesem Jahr auch in Rade zubereiten. „Dafür haben wir uns extra Weizen aus der Ukraine bringen lassen“, berichtet Belorus. Für gewöhnlich ziehen die Familien an Heiligabend (6. Januar) von Haus zu Haus und singen. „In der Nacht zum 7. Januar lassen wir über Mitternacht die Fenster für eine Stunde auf, damit der Heilige Geist ins Haus kommt und es segnet“, erzählt Sidorkova.

Dann werden Geschenke verteilt. Es ist aber nicht das Christkind, das den Kindern die Geschenke bringt, sondern der heilige Nikolaus. Deswegen beschenkte Belorus ihre Kinder in diesem Jahr beispielsweise schon am 6. Dezember, dem Nikolaustag in Deutschland. Sidorkova und Nikiforova werden es unterschiedlich handhaben, bis sich nach dem Krieg eine einheitliche Regelung findet. Die deutschen Traditionen zur Weihnachtszeit gefallen Sidorkova sehr gut. Besonders die Weihnachtsmärkte und -lieder haben es der Ukrainerin angetan sowie die Christstollen, erzählt sie munter. „Für uns ist alles sehr neu und sehr interessant. Es gibt viel für uns zu lernen und in unsere Kultur mitzunehmen.“

2022 werden die ukrainischen Familien, überwiegend Frauen mit ihren Kindern, in Rade am 24. Dezember für sich zu Hause feiern. „Wir hätten uns vielleicht alle gemeinsam treffen können“, sagt Nikiforova. Doch hätten sie keinen geeigneten Raum gefunden. Sie schließen allerdings nicht aus, am 6. Januar, singend von Haus zu Haus zu ziehen. „Allerdings nur zu anderen ukrainischen Familien, die diese Tradition auch kennen“, sagt Belorus und schmunzelt.

Das Lächeln tröstet sie nur kurz über die Trauer, Ängste und Sorgen hinweg, die sie dieser Tage wieder besonders spüren, fernab der Familie und Heimat zu sein. Eine Familie in ständiger Angst vor Angriffen in einer noch immer vom Krieg bedrohten Heimat.

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