Pflege

Corona-Prämie sorgt für Wut und Frust

Zu tun gibt es viel: Aber die Corona-Prämie sorgt für Unmut. Das drückt auf die Stimmung, der Zusammenhalt unter den Pflegekräften ist trotzdem bestens (v.l.): Nadja Musial, Monique Meckelmann, Cornelia Gorr, Milena Grubanovic und auf dem Krankenbett Mitarbeiter Ismail Cakir.
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Zu tun gibt es viel: Aber die Corona-Prämie sorgt für Unmut. Das drückt auf die Stimmung, der Zusammenhalt unter den Pflegekräften ist trotzdem bestens (v.l.): Nadja Musial, Monique Meckelmann, Cornelia Gorr, Milena Grubanovic und auf dem Krankenbett Mitarbeiter Ismail Cakir.

Sana-Pflegedirektor Dirk Windgassen berichtet, dass er täglich Kollegen im Büro sitzen hat, die ihren Job hinschmeißen wollen.

Von Joachim Rüttgen

Radevormwald. Es war sicher gut gemeint, was sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit der Corona-Prämie fürs Pflegepersonal ausgedacht hatte. Doch die Umsetzung endet derzeit in einer Katastrophe – mit Wut, Frust und Enttäuschung bei vielen in der Pflege Tätigen. Auch im Radevormwalder Sana Krankenhaus. Pflegedirektor Dirk Windgassen berichtet, dass er fast täglich Kollegen in seinem Büro sitzen hat, die ihren Job hinschmeißen und die Pflege verlassen wollen.

Der Betriebsrat hat sich bereits dem Schreiben der Kollegen aus Remscheid angeschlossen, die einen Protestbrief an Lauterbach geschickt haben. Anlass ist der Pflegebonus, der an Pflegekräfte ausgezahlt werden soll – als Anerkennung für die in der Corona-Pandemie geleistete Arbeit. Angeblich. Denn nicht alle Pflegekräfte profitieren. Im Gegenteil. Nur wenige erhalten Geld, denn unter anderem müssen die Kräfte seit drei Jahren examiniert sein und 2021 mindestens 185 Tage am Patientenbett eines Corona-Kranken gearbeitet haben. Ambulanzen, Anästhesie und andere Stationen gehen damit leer aus. Das gilt laut Gudrun Hedler vom Sana-Betriebsrat Remscheid auch für Krankenpflegehelfer, die mit der examinierten Kraft auf der gleichen Station und am gleichen Bett arbeitet.

Windgassen spricht von einer „großen Ungerechtigkeit“, von Frust und Demotivation. Und das ist das Gegenteil, was mit dem Bonus erreicht werden sollte. Der Schuss ist nach hinten los gegangen. „Das wirft uns um Monate zurück, was das Zusammengehörigkeitsgefühl, die gute Atmosphäre und das Arbeitsklima hier im Haus betrifft“, bestätigt Geschäftsführerin Ines P. Grunewald, die auch für die Fabricius-Klinik in Remscheid zuständig ist. Dort hätte sogar niemand einen Bonus erhalten.

Die Wut bei den Betroffenen ist groß. „Welchen Bezug hat unser Minister eigentlich zu unserem Job?“, fragt sich Milena Grubanovic von der Notfallambulanz. Er solle doch einfach mal schauen, was geleistet werde. Windgassen und Grunewald finden, dass zunächst die Mitarbeiter in der Notaufnahme von einer Prämie profitieren müssten, denn die seien es schließlich, die den Erstkontakt zu möglicherweise corona-infizierten Patienten hätten. „Dann muss man doch einfach nur den Weg eines Patienten durchs Krankenhaus verfolgen: Notaufnahme, OP-Bereich, Intensivstation, Station“, sagt Windgassen. Auch der Rettungsdienst gehe komplett leer aus.

„Dabei stehen wir an erster Front“, sagt Milena Grubanovic. Die Unruhe bei den Mitarbeitern ist groß, „die Spaltung vorhanden“, meinen Windgassen und Grunewald, die komplett machtlos sind. „Mir schwillt da schon der Kamm“, gibt Windgassen zu. Geschäftsführung und Verwaltung der Klinik seien natürlich erste Ansprechpartner für die Mitarbeiter und würden den Frust abbekommen. „Die Politik hetzt und spaltet, das gibt es sonst nirgendwo“, sagen die Pflegekräfte. Und das in einer Zeit, „in der wir alle zusammenhalten müssen“, sagt Grunewald. „Was sind das für Entscheider?, fragt sie. Gemeinsam habe das Team die enorme Herausforderung der Pandemie gemeistert. Und dann das.

Cornelia Gorr leitet die Ambulanz. Sie wollte von ihrer Prämie den Kollegen schon was abgeben. „Alle Firmen zahlten Corona-Prämien an ihre Mitarbeiter, nur im Krankenhaus wird unterteilt“, kritisiert sie. So werde das Miteinander zerstört. Das Klatschen am Fenster der Menschen zur Ermutigung der Pflegekräfte in der Pandemie-Hoch-Zeit habe nichts gebracht. „Für die Pflege ist jedenfalls nicht viel gemacht worden“, sagt Milena Grubanovic frustriert.

Aber warum gehen die Pflegekräfte dann noch alle ihrem Job bei Sana nach? „Weil wir unseren Job lieben“, sagt Monique Meckelmann, Leiterin des OP-Bereichs. „Was ist wichtiger als der Mensch?“, fragt Milena Grubanovic. Cornelia Gorr zieht Kraft aus der Reaktion der meisten Patienten: „Wir bekommen schon viel Dankbarkeit zurück, wir sind einfach ein gutes Team.“ Die Pflegekräfte sähen ihre Arbeit als Herzensangelegenheit, ergänzt Meckelmann. Und was kann die Sana-Geschäftsführerin jetzt tun? „Wir haben die Politik angeschrieben in Bund, Land und Stadt, haben die Situation geschildert“, berichtet Grunewald. Das obere Sana-Management habe sogar die höchste Interessenvertretung der Krankenhäuser eingeschaltet.

Grunewald und Windgassen hoffen jetzt auf eine irgendeine Form des Ausgleichs. „Ein Budget wäre schön, dass wir hier vor Ort genau überlegen, wer welchen Anteil bekommt und wie eine gerechte Verteilung klappen könnte“, sagt Grunewald. Die Abläufe im Krankenhaus zeigten deutlich, dass nicht nur die Examinierten viel Arbeit leisteten – das müsse honoriert werden.

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