Experten klären über Transplantation auf

So werden am Sana-Klinikum in Remscheid Organe entnommen

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Sie sind die Experten für die Organentnahme am Sana-Klinikum in Remscheid: Prof. Dr. Ulrich Sliwka (l.) ist Chefarzt der Neurologischen Klinik, Dr. Torsten Bachus ist Leitender Oberarzt der Intensivmedizin und Transplantationsbeauftragter des Krankenhauses.

Im Januar gab es den letzten Fall. Ärzte bedauern, dass sich die Widerspruchslösung nicht durchgesetzt hat.

  • Experten für die Organentnahme am Sana-Klinikum in Remscheid informieren.
  • Vor wenigen Tagen kam es im Sana-Klinikum zu einer Organentnahme.
  • Viele haben Angst davor, gar nicht tot zu sein, wenn es zur Entnahme kommt.

Von Axel Richter

Remscheid. In Deutschland hoffen 10.000 Menschen auf ein neues Herz, eine Niere, eine Leber oder ein anderes Organe. Nur jeder Zehnte bekommt auch eins. Prof. Dr. Ulrich Sliwka, Chefarzt der Neurologischen Klinik, und Dr. Torsten Bachus, Chef der Intensivmedizin und Transplantationsbeauftragter am Sana-Klinikum Remscheid, hatten deshalb auf eine andere Entscheidung des Deutschen Bundestages gehofft. Doch nach dem Votum der Politiker wird nicht jeder Mensch automatisch zum Organspender. Für die beiden Mediziner, ihr OP-Team, die Pfleger und Schwestern bleibt die Organentnahme auch deshalb ein „zwar seltenes, aber zutiefst kräftezehrendes Ereignis mit einer intensiven menschlichen Dimension“.

Wie viele Organentnahmen werden in Remscheid vorgenommen?

Im Durchschnitt kommt es im Sana-Klinikum zu einer Organentnahme pro Jahr. Der jüngste Fall liegt allerdings erst ein paar Tage zurück. Im Januar wurden einem verstorbenen Patienten Nieren und Leber entnommen. Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation wurden im gleichen Jahr bundesweit 2995 Organe von 932 hirntoten Menschen für eine Transplantation entnommen.

Im Durchschnitt kommt es im Sana-Klinikum zu einer Organentnahme pro Jahr

Werden in Remscheid Organe auch transplantiert?

Nein. Das Sana-Klinikum ist ein Entnahmekrankenhaus. Das gilt unter anderem auch für die Solinger Kliniken sowie für die Krankenhäuser in Wermelskirchen und Radevormwald. Für die Entnahme reisen Transplantationsteams an. Die Ärzte nehmen die Organe danach mit, um sie in dafür spezialisierten Zentren an den Unikliniken den Empfängern einzupflanzen.

Was ist die Voraussetzung für eine Entnahme? 

Das entscheidende Kriterium für die Organentnahme ist die Diagnose Hirntod. Der Hirntod tritt als Folge einer Kopfverletzung ein, oder wenn das Gehirn längere Zeit nicht mit Sauerstoff versorgt worden ist – zum Beispiel in Folge eines Kreislaufversagens. Der Hirntod ist selten, konkret: Nur 0,5 Prozent aller Verstorbenen kommen überhaupt als Spender in Frage. Die meisten von ihnen sind 30 Jahre und älter. „Auch über 80-Jährige können noch über sehr gute Organe verfügen“, sagt Prof. Dr. Sliwka. Der junge Motorradfahrer, der auf der Straße verunglückt, ist wegen massiver Organschäden dagegen in aller Regel kein Organspender – selbst dann nicht, wenn er an einer Hirnverletzung gestorben sein sollte.

Nur 0,5 Prozent aller Verstorbenen kommen als Organspender in Frage

Wer entscheidet darüber, ob ein Mensch hirntot ist?

Zwei Intensivmediziner – einer davon ein Neurologe – müssen unabhängig voneinander den Ausfall des Groß- und Kleinhirns sowie des Hirnstamms feststellen. Das heißt, das Gehirn ist bis in die tiefsten Regionen unumkehrbar geschädigt. Der Mensch ist tot, doch sieht er nicht tot aus. Maschinen lassen sein Herz weiter schlagen und die Lungen arbeiten. Der Brustkorb hebt und senkt sich, die Haut ist rosig. Der Verstorbene sieht aus, als würde er nur schlafen. Das macht es Angehörigen oft schwer, eine Entscheidung zu treffen, wenn sie von den Ärzten auf die Möglichkeit einer Organspende angesprochen werden. 

Wie reagieren die Angehörigen auf die Ansprache? 

Höchst unterschiedlich. „Das ist eine extreme Situation“, sagt Dr. Torsten Bachus. Die allermeisten Menschen haben Zweifel, fragen sich, ob sie im Sinne des Angehörigen handeln. Die Ärzte erinnern sich an Angehörige, die noch ein Jahr später bei ihnen anriefen, um sich zu vergewissern, das sie damals richtig entschieden haben. „Wer zu Lebzeiten einen Organspendeausweis ausgefüllt hat, hat seinen Willen dagegen dokumentiert“, sagt Dr. Torsten Bachus: Entweder hat er darauf ein Ja zur Organentnahme angekreuzt. Oder eben ein Nein, denn auch das ist möglich.

80 Prozent der Deutschen sind für die Organspende, nur 20 Prozent tragen einen Spenderausweis bei sich. Warum ist das so? 

„Es ist die Angst davor, gar nicht tot zu sein, wenn es zur Entnahme kommt“, sagt Prof. Sliwka. Eine unbegründete Sorge, wie er findet. „Es handelt sich um ein sehr komplexes Procedere, bei dem nur echte Experten am Werk sind. Auf das Ergebnis kann sich jeder Mensch heute zu einhundert Prozent verlassen.“

Welche Organe kommen für eine Transplantation in Frage? 

Meist werden mehrere Organe entnommen. Das Herz, die Lunge, die Nieren, die Leber, die Bauchspeicheldrüse. Auch Gewebe wie die Hornhaut im Auge kann transplantiert werden. „Viele Menschen möchten sich nicht vorstellen, wie an ihrem Auge herumgeschnitten wird“, weiß Dr. Bachus. Im Organspendeausweis können deshalb auch bestimmte Körperteile von der Entnahme ausgeschlossen werden.

Bestimmte Körperteile können von der Entnahme ausgeschlossen werden

Wie läuft eine Organentnahme ab? 

Wie eine Operation. Das Sana-Klinikum stellt dazu den Operationssaal, das OP-Team und sein Equipment. Um die normalen Abläufe im Krankenhaus nicht zu beeinträchtigen, finden die Entnahmen vor allem in der Nacht statt. Das belastet die Teams zusätzlich. Die angereisten Transplantationsspezialisten spülen die Organe nach der Entnahme mit einer kalten Salzlösung und legen sie in eine Kühlbox zum Abtransport bereit. Der Verstorbene wird danach verschlossen und in den Abschiedsraum gebracht.

Erfahren die Angehörigen, was mit den Organen geschehen ist? 

Ja. Das Sana-Klinikum teilt ihnen Alter und Geschlecht der Person mit, dem ein Organ des Verstorbenen eingesetzt wurde. Sliwka und Bachus machen auch auf der Station einen entsprechenden Aushang. „Das ist eine positive Rückmeldung für alle.“

In vielen anderen Ländern ist jeder Mensch automatisch Organspender. Warum nicht auch in Deutschland?

Nach der von Gesundheitsminister Jens Spahn geforderten Widerspruchslösung hätte jeder Bürger nein sagen müssen, wenn seine Organe nach dem Hirntod nicht entnommen werden sollen. Anderenfalls wäre jeder Bürger zum potenziellen Organspender geworden. So ist es zum Beispiel in Spanien, das seinen Organbedarf allein decken kann. „Die deutsche Gesellschaft ist dafür noch nicht reif“, sagen Sliwka und Bachus nach der Entscheidung des Bundestages. Das gelte noch für geraume Zeit. „Das Thema ist für die nächsten 20 Jahr tot.“

ORGANSPENDE HEUTE

AUSWEIS Der Organspendeausweis wird freiwillig ausgefüllt und bei sich getragen. Darauf erklärt die ausstellende Person, ob sie mit der Organentnahme einverstanden ist oder nicht.

www.organspende-info.de

BEFRAGUNG Zukünftig sollen alle Bürger alle zehn Jahre beim Behördengang auf das Thema angesprochen werden. So hat es der Bundestag beschlossen. Wie das funktioniert, wenn der Bürger Nachfragen zur Organspende hat, ist noch ungeklärt.

Sana-Chefin Svenja Ehlers will die Kindermedizin zu einem besonderen Schwerpunkt des Krankenhauses machen. Wer am Krankenhaus einen Parkplatz sucht, braucht Zeit und Geduld. Viele Autofahrer weichen an die Burger Straße aus.

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