Zu Besuch in den Staaten

Remscheider über US-Wahl: Wer Ohio gewinnt, zieht ins Weiße Haus

Mark Saxer mit Ehefrau Emily, deren Familie in zwei politische Lager gespalten ist. Fotos (4): Saxer
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Mark Saxer mit Ehefrau Emily, deren Familie in zwei politische Lager gespalten ist.

Der gebürtige Remscheider Mark Saxer berichtet über die US-Wahl – Zerreißprobe für Familien.

Von Mark Saxer

Remscheid/ Celina. Ein Zünglein an der Waage war Ohio schon immer. Mal wählten die Menschen in dem Swing State republikanisch, mal demokratisch, meistens mit hauchdünnen Ergebnissen. 2020 kommt es – neben Wisconsin, Michigan, Arizona und Pennsylvania – wohl noch mehr auf Ohio an.

Trump, Trump, Trump, Biden, Trump, Trump, Trump, Biden. In etwa diesem Rhythmus sind die Wahlkampfplakate in den Rasen der Vorgärten gerammt. In den Wohnzimmern auf dem platten Farmer-Land läuft Fox News rund um die Uhr. Nur ab und zu verfolgen Menschen in den umliegenden Kleinstädten die andere Wahrheit auf CNN.

Hier, im äußersten Westen des Bundesstaates Ohio, ist die politische Welt traditionell knallrot – die Farbe der Republikaner. Ginge es nach der (überwältigenden) Mehrheit der örtlichen Wähler, könnte man sich den ganzen Zirkus ebenso gut sparen. 2016 holte der amtierende US-Präsident sagenhafte 80 Prozent. Hillary Clinton war (und ist) hier etwa so beliebt wie eine Geschlechtskrankheit oder Wohnungsschimmel.

„In den zurückliegenden vier Jahren in Deutschland war es mir – schlimm genug – manchmal peinlich, Amerikanerin zu sein.

Briefwahl ist Emily Saxer zu unsicher, sie geht ins Wahlbüro.

Heute habe ich das Gefühl, dass es wirklich auf jede Stimme für Joe Biden ankommt, um dieses Land und die Demokratie zu retten“, sagt meine Frau Emily (55), kurz bevor sie mit Maske ins Wahllokal im Court House marschiert. Sie ist happy, in ihrer Heimstadt Celina zu sein. Weil sie - auch wegen Corona – nach einem Jahr Abstinenz ihre Eltern, Geschwister, Kinder und fünf Enkelkinder wiedersieht. Weil sie hier in persona beim Early Voting ihre Stimme abgeben kann.

Eine Briefwahl von Deutschland aus, wo wir seit März 2016 zunächst in Remscheid wohnten, kam nicht in Frage. „Zu unsicher, nachdem klar wurde, dass die Trump-Administration die Briefwahl torpediert und die amerikanische Post dezimiert“, sagt Emily angewidert und verdreht dabei die Augen.

Dass sie aus ihrer Wahl für den Demokraten Joe Biden keinen Hehl macht und auch zwei Mal für Barack Obama stimmte, ist alles andere als selbstverständlich. Schließlich ist die 10 000-Einwohner-Stadt Celina so, wie sich Donald Trump das wünscht: weiß, christlich, konservativ, hart arbeitende Leute in Handwerk, Metallverarbeitung, Einzelhandel und Landwirtschaft.

Im äußersten Westen des Bundesstaates haben es die Joe-Biden-Anhänger schwer. Die Region wählt traditionell die Republikaner.

Nach der High School geht es zum College oder direkt in den Job, geheiratet wird – zum ersten Mal – mit 18 bis 22 Jahren. Mit nicht mal 30 ist so manche Frau mit zwei, drei oder mehr Kindern auf der Suche nach dem zweiten Ehemann. Football, Baseball, Gottesdienste sowie ungezählte Musik-Festivals und Paraden am 4. Juli bestimmen den Rhythmus der Stadt und das Lebensgefühl.

Eigentlich alles in ländlicher Butter, so dass selbst eine kräftige Straftaten- und Scheidungsrate wegen Alkoholismus, häuslicher Gewalt und Drogen das Bild (äußerlich) nicht trüben kann. Wirklich „unten durch“ ist, wer abtreibt. Besser gesagt, von der man es weiß.

Die Bibel gehört nicht in die Wahlkabine

Bei dem Thema „Pro Life“ - der Bewegung aus Hardcore-Katholiken und (freikirchlichen) Evangelikalen gegen Abtreibung – werden Emily sowie ihre Tochter Amanda (36) und Mutter Diane (76) wütend. „Kriegstote oder Todesopfer durch Polizei-Schüsse sind okay, einen Einbrecher mit der eigenen Waffe niederzustrecken, ist okay, und die Todesstrafe ist okay. Aber eine Frau soll nicht über ihren eigenen Körper entscheiden können? Das ist nicht begreifbar!“, wettert Emily.

„Ich verstehe nicht, wie Menschen ernsthaft die eigene Wahlentscheidung alleinig von der Abtreibungsfrage abhängig machen können.

Diese Trump-Anhängerin aus Wapakoneta hat sich für die Trump-Parade am Sonntagnachmittag ausstaffiert.

Die Bibel gehört ebenso wenig in die Wahlkabine wie die amerikanische Verfassung in den Gottesdienst“, ergänzt Mutter Diane Jaeger, eine moderate Katholikin, die für vieles betet. Seit Wochen vor allem für Joe Biden und Kamala Harris und dafür, „dass dieses Land wieder von Menschen mit Anstand regiert wird und nicht weitere vier Jahre von einem ungehobelten Klotz, Lügner und Frauenverächter.“

Dianes Mann Otto (79), der als 17-jähriger Bub aus dem Schwabenland nach Ohio ging und nie zurückkehrte, nickt zustimmend: „Wie froh müsst ihr in Deutschland doch sein, eine Angela Merkel zu haben!? Sie hat Verstand, handelt mit Bedacht, bringt euch ziemlich gut durch die Pandemie und appelliert an den Zusammenhalt. Nichts davon hat, kann oder tut Trump für sein Volk. Wenn Joe gewinnt, hat er erstmal einen Riesen-Scherbenhaufen aufzukehren. Das wird dauern.“

Eine Familie, zwei Lager

Das alles sehen andere im rund 20-köpfigen Jaeger-Clan anders. Emilys Sohn Scott, Bruder Mike, Schwester Cindy sowie deren Ehepartner und einige Neffen und Nichten haben republikanisch gewählt: Zum Teil, weil sie Trump immer noch mehr trauen als dem Politiker-Establishment. Zum Teil, weil sie es niemals übers Herz brächten, demokratisch zu wählen. Zum Teil, weil sie mit Querdenkern sympathisieren.

„Trump spricht wie ein Schwachkopf und benimmt sich wie einer. Fakt ist aber, dass wir in den letzten vier Jahren bei uns mehr statt weniger Jobs bekommen haben, große wie kleine Firmen händeringend Leute suchen und ich morgen zwei oder drei Jobs haben könnte, die auch noch gut bezahlt werden. Ist das Trumps Verdienst? Keine Ahnung, aber schlecht ist das nicht“, winkt Mike (53) ab.

Dem jeweils dreifachen Vater und Opa ist Trump wurscht, die traditionellen konservativen Werte sind es nicht: Er ist gegen Abtreibung, besteht auf sein Recht, (viele) Waffen zu besitzen, und findet, dass jeder jeden einfach in Ruhe lassen und seines eigenen Glückes Schmied sein sollte.

„Vietnamesen für Trump“ – beim Spaziergang erfährt Mark Saxer für welchen Kandidaten die Hausbewohner sind.

Sozialhilfe sei okay, werde aber zu oft missbraucht. Das Geschrei auf Facebook gehe ihm nur noch auf den Zeiger, sein Verhältnis zu den Medien ist, sagen wir, kritisch. Nachfrage: Die Medien als Feinde des Volkes zu bezeichnen, ist okay? „Ich sagte ja, Trump benimmt sich wie ein Schwachkopf.“ Ein klares Nein ist das nicht, finde ich.

Keinen Spaß versteht der Vorarbeiter in einem metallverarbeitenden Unternehmen beim Thema Maskenpflicht. „Wer da jetzt nicht mitzieht, einen Masken-Aufstand veranstaltet und Corona für eine Lüge hält, ist ein Idiot. Einer meiner ältesten Kumpels ist im März erkrankt und leidet immer noch an den Spätfolgen, ein anderer ist daran gestorben. Dieser Scheiß ist ernst“, sagt Mike, legt seine Gitarre zur Seite und zieht an seiner Gras-Pfeife. Der Besitz von Marihuana ist illegal in Ohio. So what.

Was ich noch zu sagen hätte

Übrigens erstens: Sieben US-Präsidenten brachte der Staat im Mittleren Westen bislang hervor. Übrigens zweitens: Wer auch immer an diesem Mittwochmorgen (oder bald) als Sieger der US-Wahlen feststeht – eine gemeinsame, große Wahlnacht-Party gab es für die Jaeger-Sippe und Anhang nicht. Corona und der politische Riss in der Familie sprachen klar dagegen.

Übrigens drittens: Am Wochenende soll es nochmals warm werden in Ohio. Vielleicht gibt es dann – weil Emily und ich dann bald wieder abreisen – Burger vom Grill, Baked Beans, gegrillte Maiskolben und eiskaltes Bier aus Dosen. Emily und ihre Kinder Scott und Amanda könnten beim Feuerchen auf der Terrasse ein bisschen Blues und Country spielen und singen. Das wäre eine gute Wahl und ein Gewinn. Für alle.

Hintergrund

Noch nie hat ein republikanischer Präsidentschaftskandidat das Weiße Haus in Washington erobert, ohne (in) Ohio zu gewinnen. Ein geflügeltes Wort in den USA besagt: „As Ohio goes, so goes the nation.“

Hier finden Sie den aktuellen Stand für das Duell Trump gegen Biden bei der US-Wahl 2020. Wir zeigen, wer die meisten Wahlmänner hinter sich hat.

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