Schonzeit soll verkürzt werden

Für den Wald: Jäger sollen Rehe schießen

Die Fichten, vor denen Forstamtsleiter Markus Wolff steht, sind dem Tod geweiht. Er will den Wald klimastabil umbauen, doch Rehe mögen die Spitzen der Setzlinge. 
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Die Fichten, vor denen Forstamtsleiter Markus Wolff steht, sind dem Tod geweiht. Er will den Wald klimastabil umbauen, doch Rehe mögen die Spitzen der Setzlinge. 

Die Landesregierung will die Schonzeit für bestimmte Gebiete um einen Monat verkürzen. Remscheid soll dabei sein, fordert das Forstamt.

  • Der Klimawandel sorgt dafür, dass auch in Remscheid Wälder umgebaut werden müssen.
  • Das funktioniert jedoch nur, wenn auch die Schalenwildbestände angepasst werden.
  • Es müsste 22 Tage rund um die Uhr regnen, um die Speicher der Waldböden wieder aufzufüllen.

Von Axel Richter

Remscheid. Nach Trockenheit, Borkenkäfer und Sturm gibt es aus Sicht des Forstmannes endlich eine gute Nachricht für den Remscheider Wald: Rehe sollen hierzulande bereits ab dem 1. April bejagt werden. So will es die NRW-Landesregierung und verkürzt die Schonzeit damit um einem Monat. Markus Wolff, Leiter des Stadtforstamtes, hat das für Remscheid bereits bei der Unteren Jagdbehörde beantragt, denn: „Der Umbau zu klimastabilen Wäldern kann nur bei angepassten Schalenwildbeständen gelingen.“ Mit anderen Worten: Die Jäger sollen mehr Rehe schießen.

Dass es vielen Bäumen gegenwärtig eher schlecht als recht ergeht, hat jedoch andere Ursachen. So trocken und warm wie in den Jahren 2018 und 2019 war der Sommer seit dem Jahr 1900 nicht mehr. Schon im Sommer forderte das Forstamt ein schnelles Handeln. Die gestressten Fichten wurden deshalb zum leichten Fressen für die Borkenkäfer. Nach Berechnungen des Bundes Deutscher Forstleute überschwemmten danach 100 Millionen Kubikmeter Schadholz den Markt mit der Folge, dass der Waldbauer für den Kubikmeter Holz heute noch 35 Euro erwarten kann statt 80 bis 90 zwei Jahre zuvor.

Remscheid: Abgestorbene Bäume blieben in den Wäldern einfach stehen

Weil der Erlös die Kosten der Aufräumarbeiten nicht deckt, ließen viele Waldbauern die abgestorbenen Bäume kurzerhand stehen. „Das lässt sich aktuell an vielen Stellen beobachten“, sagt Markus Wolff und deutet auf graue Baumkronen. Hinzu kommen die Schäden, die das S turmtief „Sabine“ am Sonn- und Montag in den Remscheider Wäldern hinterlassen hat.

Die Zahl der Sturmopfer ist im Vergleich zu den Dürreschäden gering. „Sabine“ knickte in Remscheid nicht mehr als 300 Bäume um. Doch das Schadholz dient dem Borkenkäfer als Brutmaterial und wird zu seiner weiteren Verbreitung beitragen.

„Wir wollen nicht schon ab dem 1. April Rehe schießen.“
Stephan Hertel, Kreisjägerschaft Remscheid

Noch halten die Käfer Winterruhe, doch im März, April werden sie auch in Remscheid wieder ausschwärmen. Die Förster hoffen deshalb auf Regen. „Nach aktuellen Berechnungen müsste es 22 Tage rund um die Uhr regnen, damit der Waldboden als Speicher wieder aufgefüllt ist“, erklärt Markus Wolff. Die Bäume brauchen das Wasser. Nur wenn sie genug aufnehmen, können sie Harz bilden, in dem die Käfer klebenbleiben, sobald sie die Rinde anbohren.

Remscheid: Jäger wollen nicht schon ab April Rehe schießen

Gegen den Klimawandel mit Stürmen im Winter und heißen Sommern pflanzen die Forstarbeiter Traubeneichen, Edelkastanien, Douglasien –Baumarten, die den veränderten Wachstumsbedingungen besser trotzen als die Fichte oder auch die Buche. Doch Rehe schätzen vor allem die Spitzen der Setzlinge als Leckerbissen. Wird der Terminaltrieb abgebissen, verbuscht der Baum.

Mit seiner Forderung nach einer stärkeren Bejagung stößt Forstmann Markus Wolff jedoch auf Widerstand. „Wir haben für das Rehwild ausreichende Jagdzeiten in Remscheid“, sagt Stephan Hertel, Rechtsanwalt und Vorsitzender der Kreisjägerschaft Remscheid.

Zwar wollen der Landesjagdverband und der Waldbauernverband den „radikalen Förstern“ (O-Ton Hertel) entgegenkommen. Demnach könne eine Vorverlegung der Jagdzeit auf Anfang/Mitte April „sinnvoll sein“. Aus der Sicht des Waidmanns aber lehne er eine Verkürzung der Schonzeit ab, sagt Hertel: „Wir wollen nicht schon ab dem 1. April Rehe schießen. Die Stücke haben dann noch nicht verfärbt, die Böcke stehen noch im Bast.“ Markus Wolff lässt das wiederum nicht gelten: „Das dürfte dem Rehbock im Zweifel ziemlich egal sein.“

Sturmschaden und Gefahrenbäume: Der Wald ist in Not

Sturmschaden: Der Sturm „Sabine“ hinterließ bundesweit etwa zwei Millionen Kubikmeter Schadholz. Zum Vergleich: Nach den trockenen Sommern 2018/2019 überschwemmten 100 Millionen Kubikmeter Schadholz den Markt.

Gefahrenbäume: Viele Baumleichen sind im Wald geblieben. Sie bieten den Borkenkäfern neue Brutstätten. Und nicht nur das: Die trockenen Bäume erhöhen im Sommer auch erheblich die Feuergefahr.

Standpunkt: Kompromiss ist kaum möglich

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey @rga-online.de

Und wieder mal sind da zwei so gar nicht einer Meinung: Die Förster wollen weniger Rehe, um die jungen Bäume zu schützen. Die Jäger aber wollen gar nicht früher auf Capreolus capreolus schießen, weil es gegen ihre waidmännische Ehre geht. Wirklich überein bringen lassen sich diese beiden Positionen sicherlich nicht. 

Weil die einen zu Recht darauf verweisen, dass zu einem Wald eben auch Wildtiere gehören. Und die anderen – ebenso zu Recht – sagen, dass die als Feinschmecker bekannten Rehe die jungen Triebe der Bäume abfressen und so der dringend notwendigen Wiederaufforstung der Wälder im Wege stehen. Ein Kompromiss, so notwendig er wäre, scheint kaum möglich. Und so bleibt die Entscheidung am Ende, egal, was sich die Förster wünschen, an den Jägern hängen. Lassen sie den Finger gerade, bleiben die Rehe am Leben.

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