Coronakrise

Remscheid startet Hilfsaktion für Ältere

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Annette Mores, Ralf Krüger und Daniela Krein haben im Seniorenbüro am Markt eine provisorische Telefonzentrale eingerichtet. Sie koordinieren den Einsatz von Ehrenamtlern, die zum Beispiel für Ältere einkaufen oder auch den Hund ausführen sollen. 

Jugendliche feiern Corona-Partys. Doch auch vielen Senioren sind die Risiken noch nicht bewusst.

Von Axel Richter

Die alte Dame ist gehbehindert und auf Pflege angewiesen, als Corona-Verdachtsfall ist sie samt ihrer Tochter in häuslicher Quarantäne. Der Pflegedienst, der sonst verlässlich vor der Tür stand, kommt deshalb nicht mehr. „Und wer“, fragt die Seniorin, „geht jetzt mit dem Hund?“

Es sind solche, ganz praktische Fragen, die sich gegenwärtig im Seniorenbüro der Stadt Remscheid stellen. Mit den ersten Infektionsfällen in Remscheid hatte die Stadt das Hilfetelefon mit der Rufnummer 4645351 freigeschaltet. Sie wird häufig gewählt.

„Manchmal fehlen mir wirklich die Worte.“
Carsten Thies, Sozialamt

Es waren zunächst allgemeine Fragen zur Verbreitung des Virus in Remscheid, berichtet Carsten Thies, Leiter des Fachbereichs Jugend und Soziales. Die Zahl der konkreten Hilfegesuche hält sich noch in Grenzen, was auf ein weitgehend funktionierendes Sozialgefüge in Remscheid schließen lässt. Ältere Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Einkäufe nach Hause bekommen sollen, bleiben die Ausnahme.

„Die Menschen bekommen Hilfe von Familienangehörigen, Nachbarn oder Freunden. Für alle anderen Fälle sind wir zuständig“, sagt Carsten Thies. Denn, das zu betonen werden die Behörden nicht müde: Alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen zählen zu denjenigen, die am stärksten durch Virus Sars-CoV-2 gefährdet sind.

Deshalb sollen sie möglichst in ihren eignen vier Wänden bleiben, was aber längst noch nicht bei allen angekommen zu sein scheint. Bei frühlingshaften Temperaturen saßen gestern nicht wenige im Café und genossen die Sonne. „Manchmal fehlen mir wirklich die Worte“, gesteht Carsten Thies.

Stadt appelliert an Jugendliche: Trefft Euch nicht in großen Gruppen

Doch noch eine andere Gruppe arbeitet mit Macht daran, dass die Behörden auch in Deutschland ein Ausgehverbot folgen lassen, wie es in Spanien oder Italien längst gilt. Die Stadt lässt deshalb eine Kampagne folgen, die sich insbesondere an Jugendliche richtet.

„Kein Corona wegen Oma“ heißt sie und richtet sich über die sogenannten sozialen Netzwerke gegen die auch in Remscheid beliebten „Corona-Partys“. Aller Appelle zum Trotz treffen sich junge Leute zum Abhängen und Feiern. „Wir bitten alle Jugendliche, sich mit Rücksicht auf den gefährdeten Personenkreis nicht in größeren Gruppe zu treffen“, erklärt Viola Juric, Sprecherin des Corona-Krisenstabes.

Im Seniorenbüro am Markt, wo die Stadt die Alltagshilfe für Ältere organisiert, laufen sich die Koordinatoren unterdessen warm, wie sie sagen. Ralf Krüger, Seniorenbeauftragter der Stadt, und die städtischen Mitarbeiterinnen Annette Mores und Daniela Krein nehmen Anrufe entgegen, beantworten Fragen und wirken beruhigend auf die Menschen ein.

Zu zwei Frischemärkten hält die Stadt Kontakt. Die Geschäfte bieten einen Lieferdienst an. Ehrenamtler melden sich, wollen für Senioren einkaufen gehen, sagt Krüger: „Die Selbsthilfe funktioniert. Einkaufen ist noch kein Problem.“ Dennoch sind die Ehrenamtler willkommen. Krüger ahnt: Je länger die Corona-Krise andauert und bei den Menschen auch das Geld daheim zur Neige geht, umso eher wird ihre Hilfe gefragt sein.

Der Handyakku des Amtsarztes war an jedem Abend leer

So gefragt wie die Ärzte, die ihre Kollegen im Gesundheitsamt der Stadt unterstützen. Amtsarzt Dr. Frank Neveling ist dankbar für die Hilfe. Zuletzt war der am Morgen noch aufgeladene Akku seines Handys an jedem Abend leertelefoniert. Die Kollegen, darunter Mediziner im Ruhestand, nehmen ihm nun die Arbeit ab. Obgleich es in den Medien seit Wochen kein anderes Thema mehr gibt, ist der Informationsbedarf enorm.

An vielen weiteren Stellen ist derzeit Improvisation gefragt. Doch die Remscheider sind erprobt darin. Und so gab es am Ende auch für den Hund der pflegebedürftigen Seniorin eine Lösung. „Ich bin mit dem rausgegangen“, sagt Ralf Krüger, „da breche ich mir keinen Zacken aus der Krone.“

KRISENTELEFON UND APP

KONTAKT Das Hilfetelefon der Stadt ist unter Tel. 0 21 91 / 4 64 53 51 erreichbar. Senioren, die Unterstützung benötigen, können dort anrufen.

NACHLESEN Die Stadt Remscheid weist außerdem auf die App „Gut versorgt in“ hin. Sie kann für das Smartphone heruntergeladen werden.

www.gut-versorgt.in.de

Standpunkt: „Oma – Vorsicht vor Corona“ 

Von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@ rga.de

Die Corona-Pandemie stellt die gesellschaftliche Solidarität auf die Probe. Mit ihrer Kampagne „Kein Corona wegen Oma“ appelliert die Stadt an junge Menschen. Sie sollen sich nicht in Gruppen zum Abhängen oder Feiern treffen. Aus gutem Grund: In der Regel verursacht das Virus Sars-CoV-2 bei Jugendlichen nur wenige Probleme. Doch sie könnten Risikogruppen wie ältere Menschen anstecken. Die zu schützen, ist das Ziel der Kampagne. 

Umso mehr verwunderte gestern der Blick auf die Alleestraße: Dort genossen noch zu viele Remscheider gesellig das gute Wetter – darunter ein beträchtlicher Anteil älterer Mitbürger. „Oma – Vorsicht vor Corona“, möchte man ihnen in Anlehnung an die städtische Kampagne zurufen. Denn sie bringen mit ihrem Verhalten nicht nur sich selbst in Gefahr. Sondern im schlimmsten Fall das Gesundheitssystem an den Rand seiner Möglichkeiten. Spätestens dann wird es auch für ihre Mitmenschen problematisch. Solidarität ist keine Einbahnstraße.

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