Interview

Leonid Goldberg: „Antisemitismus war nie wirklich weg“

Leonid Goldberg beobachtet mit Sorge, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder grassiert. Foto: Kristin Dowe
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Leonid Goldberg beobachtet mit Sorge, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder grassiert.

Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, über eine bleibende Angst.

Von Kristin Dowe 

Herr Goldberg, vor 75 Jahren wurde Deutschland vom Nationalsozialismus befreit. Dennoch ist Antisemitismus in unserer Gesellschaft noch immer ein Thema. Welche Erfahrung machen Sie und Ihre Gemeinde damit?

Leonid Goldberg: Antisemitismus begegnet uns eigentlich überall. Man spricht in diesem Zusammenhang gerne ausschließlich über Rechtsradikale. Dabei haben wir auch sehr große Probleme mit Linken und Muslimen. Das versucht man irgendwie zur Seite zu schieben, was mir gar nicht gefällt. Man spricht über Rassismus und Antisemitismus in einem Atemzug, obwohl das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat.

Ist nicht beides ein Ausdruck von Menschenfeindlichkeit?

Goldberg: Man kann beides auf unterschiedlichste Art beschreiben. Aber ich wehre mich dagegen, diese zwei Begriffe zu vermischen.

Wie äußern sich diese antisemitischen Tendenzen?

Goldberg: Beispielsweise trägt in unserer Gegend kein einziger Jude öffentlich die Kippa. Auch unser Rabbiner nicht, der schon mehrfach angespuckt und beleidigt wurde. Seitdem trägt er immer eine Baseball-Mütze oder eine andere Kopfbedeckung drüber. Menschen haben auch Angst, den Davidstern oder ein anderes jüdisches Symbol sichtbar nach außen zu zeigen.

„Deshalb beschäftigen wir einen eigenen Sicherheitsdienst.“ 

Leonid Goldberg

Erst im vergangenen Jahr gab es einen fürchterlichen Anschlag auf eine Synagoge in Halle, auch die Wuppertaler Synagoge wurde 2014 in Brand gesetzt. Wie geht Ihre Gemeinde mit der Angst vor solchen Taten um?

Goldberg: So etwas wie in Halle wäre meiner Meinung nach in Nordrhein-Westfalen unmöglich. Zu allen unseren Feiertagen, nicht nur bei uns in Wuppertal, steht die Polizei irgendwo in der Nähe. Bei uns vor der Tür laufen oder fahren sie regelmäßig Streife. Dennoch kann man sich nicht allein auf die Polizei verlassen, da sie im Ernstfall nur von außen, aber nicht drinnen eingreifen könnten. Wenn irgendwo ein gut gekleideter Mensch mit einem Koffer in Richtung Synagoge geht, können und dürfen Polizisten überhaupt nichts tun. Deshalb beschäftigen wir einen eigenen Sicherheitsdienst. Die Kosten dafür werden inzwischen teilweise von der Landesregierung übernommen.

Seit wann ist der Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch?

Goldberg: Er war nie wirklich weg. Aber vor 20, 30 Jahren – vor 40 Jahren auf jeden Fall – hatten die Menschen noch gewisse Hemmungen, sich judenfeindlich zu äußern. Hinzu kommen noch andere Probleme. So waren die Kirchen jahrzehntelang pro-israelisch eingestellt. Mittlerweile sind sie sehr stark gegen Israel. Das zeigt sich zum Beispiel an der evangelischen Kirchen, die überwiegend Nakba-Ausstellungen zeigen. Der Begriff Nakba stammt aus dem Arabischen und heißt so viel wie „Katastrophe des palästinensischen Volkes“. Als Gegenbeispiel könnte man die evangelische Kirche in Ruppelrath benennen, die vor zwei Jahren eine erfolgreiche Ausstellung über Bilder von Kindern aus Theresienstadt gezeigt hat.

Sind die Grenzen des Sagbaren in den vergangenen Jahren nach hinten verrückt worden?

Goldberg: Auf jeden Fall. Das hat sicherlich mit dem Internet und den vermeintlich sozialen Medien zu tun, die in Wahrheit vollkommen asozial sind. Aber auch die Bundesregierung hat ihren Anteil an den Problemen. Unsere Bundeskanzlerin fliegt nach Israel und erzählt irgendetwas von Staatsräson. Tatsächlich wird jede anti-israelische oder antisemitische Resolution in der UNO oder der Europäischen Union von uns unterstützt.

Was liefert den Nährboden für Antisemitismus?

Goldberg: In Deutschland bot ihn vor etwa 70 Jahren vor allem die Kirche. Da hieß es: „Ihr habt unseren Jesus gekreuzigt.“ Mittlerweile haben alle Kirchen zugegeben, dass das keine Juden waren. Dennoch hat man 2000 Jahre mit diesem Mythos gelebt und man kultiviert ihn irgendwie weiter. Genau das Gleiche passiert jetzt in vielen muslimischen Ländern.

Welchen Ausweg sehen Sie aus dem Dilemma?

Goldberg: Antisemitismus ist ein Problem, mit dem wir als Juden konfrontiert sind. Die Initiative, ihn zu bekämpfen, sollte nicht von uns ausgehen, sondern von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung.

Solingen bemüht sich zumindest darum und hat am 27. August zum dritten Mal einen Kippa-Tag organisiert. Welche Strahlkraft hat so eine Veranstaltung?

Goldberg: Der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach hat sehr richtig gesagt, dass man die Kippa ab und zu auch im Alltag tragen sollte – und nicht nur an einem solchen Tag. Das ist sicherlich eine gewisse Provokation. Vor allem arabische beziehungsweise muslimische Jugendliche sehen so etwas ungern.

„Viele Christen, aber auch viele Muslime wissen gar nicht, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.“ 

Leonid Goldberg

Die letzten Zeitzeugen des Holocaust sind bald verstorben. Was sollte der jungen Generation heute vermittelt werden?

Goldberg: Zunächst kann man die deutsche Geschichte nicht nur anhand dieser zwölf Jahre erklären. Das geht einfach nicht. Immerhin gibt es das Judentum mittlerweile seit 1700 Jahren in Deutschland. Viel besser finde ich deshalb den Weg, den man beispielsweise in Solingen geht: Doris Schulz von der evangelischen Kirche, die dort für den christlich-islamischen Dialog zuständig ist, bietet regelmäßig ein Programm mit dem Titel „Weißt du, wer ich bin?“. Die Schüler besuchen dann verschiedene Moscheen, Kirchen und Synagogen. Sie kommen dann auch öfters zu uns. Man muss sehen, was eine Synagoge ist. Viele Christen, aber auch viele Muslime wissen gar nicht, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Man sollte den jungen Leuten das Lebendige zeigen, damit sie sehen, dass wir Menschen wie alle anderen sind.

Der Zentralrat der Juden hat gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert. Ursprünglich wurde er gegründet, um Juden nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Ausreise zu unterstützen. Sitzen Juden heute noch immer auf gepackten Koffern?

Goldberg: Nein, schon längst nicht mehr. Vor 30 Jahren begann eine große Zuwanderung aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland. Etwa 200 000 Juden kamen damals. Das ist schon ein Bekenntnis zu Deutschland. Aber: Gott sei Dank haben wir diese Koffer nicht weggeworfen.

Jüdische Kultusgemeinde

Leonid Goldberg (71) ist Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, der sich auch Solinger und Remscheider Juden zugehörig fühlen. Die Gemeinde hat nach eigenen Angaben knapp 2200 Mitglieder.

Montag war Jom Kippur oder auch Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag. Nach jüdischem Kalendersystem wird er am zehnten Tag des Monats Tischri begangen – als strenger Ruhe- und Fastentag.

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