Eröffnung

JVA kümmert sich um schwere Fälle

Neben den Hafträumen der Gefangenen gibt es in der Sozialtherapeutischen Abteilung Freizeit- und Mehrzweckräume. Fotos: Roland Keusch
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Neben den Hafträumen der Gefangenen gibt es in der Sozialtherapeutischen Abteilung Freizeit- und Mehrzweckräume. 

Bis zu 16 Gefangene erhalten in der neuen Sozialtherapeutischen Abteilung eine intensive Behandlung.

  • In der JVA Remscheid hat die Sozialtherapeutischen Abteilung eröffnet.
  • Der Betrieb läuft seit Januar, sieben Plätze sind belegt. 
  • Der Ansatz richtet sich unter anderen an Gewalt- und Sexualstraftäter.

Von Manuel Böhnke

Remscheid. Ganz so lebhaft wie bei der  Eröffnung wird es auf der Sozialtherapeutischen Abteilung in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid in Zukunft wohl nicht zugehen. Dennoch soll sich das neue Angebot klar vom herkömmlichen Vollzug unterscheiden. Das Ziel des Konzeptes ist es, den Gefangenen mit einer besonderen Behandlung zu vermitteln, „was es heißen kann, ein gutes Leben zu führen“, wie JVA-Leiterin Katja Grafweg erklärt. Das soll die Rückfallgefahr nach der Entlassung aus der Haft senken.

JVA-Leiterin Katja Grafweg begrüßte NRW-Justizminister Peter Biesenbach bei der Eröffnung der neuen Abteilung.

Die Leiterin der neuen Abteilung ist Petra Flaßhove-Krusche. Die Psychotherapeutin macht ein Treffen der führenden Köpfe der Einrichtung im Mai 2017 als Geburtsstunde des Angebots aus. „Damals sahen wir uns mit neuen Herausforderungen konfrontiert“, sagt sie. Unter anderem führt sie Sprachprobleme von ausländischen Häftlingen, mehr psychische Auffälligkeiten bei den Gefangenen sowie eine oftmals kürzere Haftzeit bei gleichzeitig höherem Behandlungsbedarf an. Als eine Antwort darauf entstand das Konzept für eine Sozialtherapeutische Abteilung. Im April 2019 gab das Land grünes Licht.

Petra Flaßhove-Krusche leitet die Sozialtherapeutische Abteilung.

Seit Januar läuft der Betrieb. 16 Plätze stehen zur Verfügung, sieben sind derzeit belegt. Die Häftlinge verbüßen lebenslange Strafen und sitzen laut Flaßhove-Krusche bereits lange in der JVA Remscheid. Beim Empfang zur offiziellen Eröffnung halfen sie beim Vorbereiten und bewirteten die Gäste.

Remscheid: Häftlinge können sich auf einen Platz bewerben

Der sozialtherapeutische Ansatz richtet sich an Gefangene, die zu ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft besonderer Maßnahmen bedürfen. Das gilt vor allem für Gewalt- und Sexualstraftäter sowie für Suchtabhängige. Die Behandlung setzt voraus, dass Gefangene 24 bis 60 Monate Teil der Gruppe bleiben. Häftlinge können sich auf einen der Plätze bewerben oder bekommen ihn zugewiesen. Die ersten Bewerbungen aus anderen Anstalten liegen Petra Flaßhove-Krusche und Katja Grafweg zufolge bereits vor. Sie rechnen mit einer vollen Auslastung.

Die Behandlung in der Sozialtherapeutischen Abteilung verfolgt laut Flaßhove-Krusche einen „ganzheitlichen Ansatz“. Den groben Rahmen hat das Land Nordrhein-Westfalen vorgegeben. Während sich die Hafträume nicht erheblich von denen im gewöhnlichen Vollzug unterscheiden, gilt das für die Befugnisse der Gefangenen schon.

Remscheid: In Nordrhein-Westfalen gibt es 339 sozialtherapeutische Plätze

„Es herrscht ein Wohngruppen-Klima“, sagt Flaßhove-Krusche. Bis zum Einschluss dürfen sich die Gefangenen frei auf der Etage bewegen. Es gibt eine gemeinsame Küche. Zudem teilen sie sich Räume für Gruppen- und Freizeitaktivitäten. Es gibt keinen Hausarbeiter, die Gefangenen erstellen einen eigenen Putzplan. „Ziel sind Bedingungen, die denen in Freiheit ähneln.“

Um die maximal 16 Häftlinge kümmert sich rund ein Dutzend Vollzugsbeamte, Sozialarbeiter und Psychologen. Sie bewegen sich in Zivil in der Abteilung und wollen den Bewohnern mit „Offenheit, Vertrauen und Wertschätzung“ entgegentreten. Von den Bewohnern wird im Gegenzug erwartet, „dass sie sich auf einen Entwicklungsprozess einlassen“. Sie müssen eine sechsmonatige Probezeit überstehen. Bei Gewaltandrohung und -anwendung verlieren sie ihren Platz.

An den Vormittagen gehen die Gefangenen ihrem Job in der JVA nach. Danach beginnen die sozialtherapeutischen Schritte, die aufeinander aufbauen. Dazu gehören Psychotherapie, tataufbereitende Maßnahmen und schließlich eine Rückfall-Prophylaxe für die Zeit in Freiheit.

„Das Ziel ist, die Täter nie wieder in Haft oder vor Gericht zu sehen“, betont NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU). Er zeigte sich zufrieden, weitere Plätze in Sozialtherapeutischen Abteilungen für „besonders gefährliche Straftäter“, die viel Arbeit machten, vorweisen zu können. 323 waren es bislang in NRW. Durch das neue Angebot an der Masurenstraße gibt es nun 16 mehr. 

Weil ein wohnungsloser Mann wegen eines 0,01 Gramms Marihuana 40 Tage in Haft sollte, sammelte eine Frau 400 Euro für Peter S..

Neunmal wurden im vergangenen Jahr Bedienstete in einer nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt von Inhaftierten gezielt angegriffen. Zwei dieser Fälle ereigneten sich in Remscheid. Auch in der Remscheider JVA sind gezielte Angriffe nicht zu verhindern.

JVA REMSCHEID

KAPAZITÄTEN Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid an der Masurenstraße verfügt im geschlossenen Vollzug über mehr als 550 Haftplätze. Hinzu kommt der offene Vollzug.

GESCHICHTE Die Historie der JVA geht auf den Beginn der Bauplanung um das Jahr 1900 zurück. 1906 wurde die Einrichtung eröffnet.

Standpunkt: Sicherheit durch Resozialisation

manuel.boehnke@ rga.de

Ein Kommentar von Manuel Böhnke

Fast die Hälfte aller aus der Haft entlassenen Straftäter wird rückfällig. Damit schaden sie nicht nur den Opfern ihrer Taten und sich selbst, sondern auch dem Glauben an gelungene Resozialisierung. Doch sitzen die Probleme bei manchen Tätern schlicht zu tief, als dass die Behandlungsmöglichkeiten im gewöhnlichen Vollzug Abhilfe schaffen könnten. 

Da setzt der sozialtherapeutische Ansatz mit Einzel-Psychotherapie sowie tataufbereitenden Maßnahmen und individuellen Plänen zur Rückfall-Prophylaxe nach der Haftentlassung an. Dass sich die Zahl der sozialtherapeutischen Plätze in NRW seit 2003 mehr als verdoppelt hat, ist deshalb ein gutes Zeichen. Ebenfalls dass es ein entsprechendes Angebot nun auch in der JVA Remscheid gibt. Denn nur messbare Erfolge stellen Vertrauen in den modernen Strafvollzug und den Resozialisationsgedanken her. Und haben damit wiederum einen positiven Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Menschen.

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