Machtübernahme der Taliban in Afghanistan

Afghanen im Bergischen sorgen sich um ihre Familien

Am vergangenen Sonntag versammelten sich Hunderte von Menschen in der Nähe eines Transportflugzeugs der US-Luftwaffe auf dem Flughafen Kabul. Foto: AP/dpa
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Am vergangenen Montag versammelten sich Hunderte von Menschen in der Nähe eines Transportflugzeugs der US-Luftwaffe auf dem Flughafen Kabul.

Zwei im Bergischen lebende Geflüchtete schildern, wie sie die Ereignisse in ihrer Heimat verfolgen.

Bergisches Land/Afghanistan. Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen. Was am Hindukusch vor sich geht, verfolgen besonders die Afghanen in Solingen mit großer Sorge. „Die Bilder vom Flughafen in Kabul sind herzzerreißend. Ich bin fassungslos“, sagt der Afghane Noor Abrahimkhail, der als Flüchtlingsberater bei der Caritas Remscheid arbeitet, seit 2014 in Solingen wohnt und dort den Deutsch-Afghanischen Freundeskreis mitgegründet hat.

In Kabul hatten sich verzweifelte Menschen an abfliegende Maschinen der amerikanischen Luftwaffe gehängt. Abrahimkhails Eltern und alle Geschwister leben noch in Kabul. In Sorge um ihre Angehörigen ist auch eine 54-jährige Afghanin, die 2013 mit Mann und zwei Kindern in die Klingenstadt floh. Zum Schutz ihrer Verwandten will sie ihren Namen nicht öffentlich machen. „Ich habe große Angst um sie.“

Während des Gesprächs schaut sie immer wieder auf ihr Handy: Ihre Geschwister mit ihren Familien und ihre Eltern leben in Kabul und in einer Kleinstadt. Von einem Bruder habe sie tagelang nichts gehört. „Es gibt immer wieder keinen Strom, um die Handys zu laden.“ Am Dienstag habe ihr Bruder angerufen. „Er hat gesagt, dass er zwei Tage nicht geschlafen hat. Sie bleiben erstmal alle zuhause.“ Ihre Nichten, eine ist Bauingenieurin, gingen nicht mehr zur Arbeit.

Am meisten sorgt sich Noor Abrahimkhail um seine weiblichen Verwandten in Afghanistan

Um ihre weiblichen Verwandten sorgt sie sich besonders. Denn die erste Taliban-Herrschaft Ende der 90er Jahre hat sie selbst miterlebt: Frauen durften nur voll verschleiert und in männlicher Begleitung auf die Straße. Als ihre Schwester sich damals hochschwanger allein zum Krankenhaus aufgemacht habe, weil ihr Mann arbeitete, sei sie von Taliban-Kämpfern aufgegriffen und mit Kabeln geschlagen worden. Die Taliban seien auch der Anlass für ihre Flucht vor sieben Jahren gewesen, erzählt die 54-Jährige, die in ihrer Heimat als Lehrerin arbeitete. Ihr ältester Sohn sei damals von den Radikalen entführt worden. Gegen Lösegeld sei er nach langer Zeit freigelassen worden und habe nach Brasilien fliehen können.

Noor Abrahimkail kam 2014 als Flüchtling nach Solingen. Seine Eltern und Geschwister leben in Afghanistan. Archivfoto: Christian Beier

Die neuen Taliban-Machthaber haben zwar angekündigt, dass Frauen auch weiterhin arbeiten dürften. Solchen Aussagen schenkt die Solingerin keinen Glauben: „Die Taliban haben immer gelogen.“

Auch Noor Abrahimkhails Familie hat unter dem Terror der radikalen Islamisten gelitten. Einer seiner Brüder sei von Taliban entführt worden, erzählt der 27-Jährige. Er selbst kehrte deshalb von einer Dienstreise als Mitarbeiter des Goethe-Instituts Kabul nach Deutschland nicht in seine Heimat zurück und beantragte hier Asyl. Der Bruder sei später gegen die Zahlung von Lösegeld freigelassen worden.

Zum Schutz der Familie Kontakt abgebrochen

Den Kontakt zu seiner Familie habe er abgebrochen, „damit sie in Ruhe leben können. Über Bekannte weiß ich, wie es ihnen geht. Alle sind geschockt und haben Angst um ihr Leben.“

Dass die Taliban so schnell die Macht übernommen haben, sei für ihn keine Überraschung, sagt Abrahimkhail, der als Flüchtlingsberater bei der Caritas Remscheid arbeitet und den Deutsch-Afghanischen Freundeskreis in Solingen mitgegründet hat. „Es war klar, dass die afghanische Regierung nicht mehr würde regieren können, sobald die ausländischen Truppen weg sind. Ich kann nicht glauben, dass die deutsche Regierung nicht wusste, was kommen würde.“ Dass afghanische Ortskräfte, die für die Deutschen gearbeitet haben, nun in Gefahr sind, sei traurig. „Sie haben sich auf sie verlassen.“ Auf die Taliban müsse nun politischer und finanzieller Druck ausgeübt werden, sagt er. „Ich hoffe auf Frieden. Die Menschen in Afghanistan sind am Boden.“

Uli Preuss, Botschafter der Hilfsorganisation Friedensdorf International, verfolgt die Ereignisse in Afghanistan ebenfalls aufmerksam. Er hat selbst zahlreiche Hilfseinsätze begleitet. Das Friedensdorf halte an der Planung fest, Ende August rund 30 afghanische Kinder für Operationen nach Deutschland zu fliegen. „Ein Kind soll im St. Josef Krankenhaus in Haan operiert werden.“ Die beiden deutschen Friedensdorf-Mitarbeiterinnen, die mit einem deutschen Journalisten in Kabul waren, wurden am Dienstag von der Bundeswehr ausgeflogen. „Wir hoffen, dass die Arbeit in Afghanistan weitergeht.“ Das Friedensdorf habe jedoch als neutrale Organisation schon unter verschiedenen Regierungen geholfen.

Afghanistan: Stadt hat Platz für 500 Flüchtlinge.

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