Covid-19

Infektion ist eine immense Belastung für den Körper

Professor Winfried Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien in Solingen. Foto: Christian Beier
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Professor Winfried Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien in Solingen. 

Professor Winfried Randerath, Chefarzt der Klinik Bethanien, klärt wichtige Fragen zum Coronavirus Sars-CoV-2.

Von Professor Winfried Randerath

Warum ist die Coronavirus-Erkrankung (Covid-19) so gefährlich?

Die Zahlen aus Spanien, Frankreich, Italien, den USA und England sind kaum zu ertragen. 1000 Verstorbene an einem Tag: Die nackte Zahl ist für uns nicht greifbar. Dahinter stehen unzählige Familien, für die oft innerhalb von nur wenigen Tagen eine Welt zusammenbricht. Ob ich das wirklich verstehe? Eine Ahnung davon bekommt man nicht aus Opferzahlen oder Durchschnittsaltern – vielleicht nur, wenn man dem einzelnen Menschen gegenübersteht, der gerade Vater, Mutter, Sohn oder Tochter verloren hat. Was macht die Erkrankung so gefährlich? Etwa 15 Prozent aller mit dem Sars-CoV-2-Virus Infizierten erkranken ernsthaft, mindestens 5 Prozent erleiden lebensbedrohliche Komplikationen. Hier steht eine besondere Form der Lungenentzündung, eine Viruspneumonie, im Vordergrund. Nicht selten entwickelt sie sich zum akuten Atemnotsyndrom, an dem, trotz aller intensivmedizinischer Bemühungen, sehr viele versterben.

Was ist eine Lungenentzündung?

Ganz einfach ausgedrückt besteht die Lunge aus Luftröhre, Bronchien – also den Atemwegen – Lungenbläschen (Alveolen) und Blutgefäßen. In den Alveolen findet der Austausch der Atemgase, Sauerstoff und Kohlendioxid (CO2), statt. Sie sind von einem dichten Netz von feinsten Blutgefäßen umgeben, so dass Sauerstoff durch die Wand von Lungenbläschen und Blutgefäße bis in die roten Blutkörperchen gelangen kann. Umgekehrt wird hier auch das CO2 abgegeben und über die Atemwege abgeatmet.

Bei einer Lungenentzündung (Pneumonie) ist der Bereich der Lungenbläschen und des Bindegewebes zwischen ihnen betroffen. Eine Lungenentzündung kann einerseits durch Krankheitserreger verursacht werden, andererseits können aber auch Strahlen oder Chemikalien, verschleppte Blutgerinnsel (Embolie) oder verschluckter Fremdkörper in den Atemwegen Lungenentzündungen auslösen. Die größte Bedeutung haben aber natürlich die Krankheitserreger, Bakterien und Viren, seltener Pilze oder Parasiten.

Am bekanntesten sind die Lungenentzündungen durch Bakterien. Wer hat nicht schon von der Tuberkulose gehört? Sie zeigt sich unter anderem als langanhaltende Pneumonie, verursacht durch das Bakterium Mycobacterium tuberculosis. Die häufigsten Erreger der ambulant (also außerhalb des Krankenhauses) erworbenen bakteriellen Lungenentzündung sind die sogenannten Pneumokokken.

Im Bewusstsein vieler Menschen haben die Lungenentzündungen ihren Schrecken verloren; und das hat damit zu tun, dass wir hier gut wirksame Medikamente einsetzen können. Zur Erinnerung: Bevor die Antibiotika zur Verfügung standen, starben bis zu 70 Prozent der Erkrankten an ihrer Lungenentzündung – und keineswegs nur alte und schwerkranke Menschen. Auch heute ist eine bakterielle Lungenentzündung für den Körper ein sehr schweres Krankheitsbild. Er muss sich mit den Keimen auseinandersetzen, das Abwehrsystem sie beseitigen. Dies wird durch die Antibiotika sehr erleichtert, die die Keime abtöten. Trotz allem machen uns in der Medizin auch die bakteriellen Pneumonien weiter Sorgen. So sind mit besonderem Risiko die im Krankenhaus erworbenen Pneumonie, Lungenentzündungen, die am Beatmungsgerät oder bei abwehrgeschwächten Patienten auftreten, verbunden. Und die zunehmenden Resistenzen der Bakterien – sie werden unempfindlich gegen Antibiotika – stellen uns vor große Herausforderungen.

Viruspneumonie: Was ist da besonders?

Die Viren unterscheiden sich von Bakterien unter anderem dadurch, dass sie keine richtigen Lebewesen sind. Sie können sich nicht selbst vermehren, brauchen immer die Zellen eines Menschen oder Tieres, des Wirtes. Viren sind meist spezialisiert auf ein bestimmtes Organ, zum Beispiel auf den Magen-Darm-Trakt wie das Norovirus oder auf die Atemwege wie das Influenza- (Grippe-) oder Sars-CoV-2-Virus. Sie werden mit Tröpfchen eingeatmet, die eine infizierte Person, abhustet oder abniest, teilweise bevor sie selber Beschwerden merkt. So befallen sie die Zellen der Lunge, die Abwehrzellen versuchen, sie zu beseitigen: Das ist die Entzündungsreaktion von Lungenbläschen und Zwischengewebe. Dies führt zu den Krankheitszeichen von Husten, Luftnot und Sauerstoffmangel. Sauerstoff kann nicht mehr ins Blut gelangen, Nerven im Lungengewebe werden gereizt, der Patient atmet schnell und kurz. Neben den Beschwerden und den Blutuntersuchungen, spielt das Röntgenbild eine wichtige Rolle in der Diagnostik. Es zeigt oft auf beiden Lungenseiten Infiltrate: Das heißt, das Lungengewebe ist eben nicht mehr mit Luft, sondern mit Entzündungszellen, Sekret und Schleim gefüllt.

Aber die Lungenentzündung ist nicht nur eine Erkrankung der Lungenbläschen, sondern des gesamten Körpers. Das Abwehrsystem wird massiv aktiviert und produziert große Mengen von Zytokinen. Das sind Botenstoffe der Entzündung, die das Abwehrsystem weiter stimulieren, gegen Viren arbeiten oder das Wachstum von Zellen anregen. Dabei lösen sie aber auch Reaktionen wie hohes Fieber aus, erhöhen die Durchblutung und die Durchlässigkeit der Blutgefäße, so dass sie in der schwersten Entzündungsreaktion (Sepsis) auch zum Kreislaufversagen beitragen. Dies macht deutlich, dass die Entzündung eine immense Belastung für den Organismus darstellt, es wird auch vom Zytokinsturm gesprochen.

Akutes Atemnotsyndrom: Was genau ist das?

Während sich bei einem Teil der Patienten die Viruspneumonie nach einigen Tagen bessert und ausheilt, entwickeln einige eine Verschlechterung. Die Luftnot wird schlimmer, der Sauerstoff im Blut fällt, die Infiltrate im Röntgenbild, als Zeichen der Entzündung, verschlechtern sich immer mehr. Diese Komplikation wird als akutes Atemnotsyndrom (Acute Respiratory Distress Syndrome, ARDS) beschrieben. Es kann sich in wenigen Stunden bis zu einer Woche entwickeln. Die Patienten brauchen Unterstützung durch eine maschinelle Beatmung, um die Aufnahme des Sauerstoffs durch die Lungenbläschen zu verbessern. Um die Lunge nicht weiter zu schädigen, muss die Beatmung beim ARDS schonend erfolgen. Nicht selten ist sogar eine Lungenersatztherapie (extrakorporale Membran-Oxygenierung (ECMO) nötig. Dabei wird das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert und das Kohlendioxid entfernt. Mit Hilfe dieses Verfahrens versucht das Intensivteam Zeit zu gewinnen, um dem Körper die Chance zu geben, die kritische Situation zu überwinden. Trotz aller Maßnahmen ist diese Situation als sehr kritisch anzusehen und eine der Haupttodesursachen bei den Covid-19-Erkrankten. Auch eine zunächst weniger dramatisch verlaufende Viruspneumonie kann sich im Verlauf verschlechtern. Das geschädigte Lungengewebe kann für andere Krankheitserreger, also Bakterien, empfänglich werden. Diese können zu einer Zweit-Lungenentzündung führen.

Wie kann die Viruspneumonie behandelt werden?

Hier ist wieder ein großer Unterschied zu den bakteriellen Lungenentzündungen festzustellen. Während wir gegen Bakterien Antibiotika einsetzen können, haben wir nur gegen sehr wenige Viren wirksame Medikamente zur Verfügung. Auch das bei der Influenza eingesetzte Medikament kann meist nur den Verlauf abschwächen, aber nicht entscheidend verändern. Daher muss die Behandlung sich darauf konzentrieren, Komplikationen zu erkennen und gegen sie anzukämpfen. Bei schweren Krankheitsverläufen können neben der Lunge auch andere Organe wie die Niere ausfallen oder der Kreislauf zusammenbrechen. In der Intensivmedizin ersetzt die Beatmung, soweit möglich, das Lungenversagen, die Dialyse den Ausfall der Nierenfunktion und kreislaufstützende Medikamente stabilisieren Blutdruck und Herzleistung. Ob die derzeit diskutierten Medikamente in der Prüfung Bestand haben werden, muss noch offenbleiben.

Influenza und COVID-19: Ist das nicht fast dasselbe?

All dies zeigt, wie ernst eine Virusinfektion der Lunge zu sehen ist. Die Bedeutung ist in der Medizin vor allem durch die Influenza-Pneumonie in der in jedem Jahr auftretende Epidemie gut bekannt. Sie hat nie unsere Intensivstationen überlastet, wie es in vielen Ländern und in einigen Regionen in Deutschland geschieht. Influenza und Covid-19 unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, auch wenn es beides Viruserkrankungen sind, die mit ähnlichen klinischen Bildern, der Lungenentzündung und all ihren Komplikationen, verbunden sind. Das Influenzavirus hat die Eigenschaft, sich in jedem Jahr zu verändern. Daher ist in jedem Jahr die Schutzimpfung wieder neu wichtig. Sars-CoV-2 trifft unser Abwehrsystem völlig unvorbereitet. Antikörper hat noch keiner bilden können, weil der Erreger für unser Immunsystem ganz neu ist. Das Virus ist hochansteckend, wie die weltweite, explosionsartige Ausbreitung zeigt. Wenn viele Menschen sich infizieren, gibt es leider auch viele, die ernsthaft erkranken und alle Möglichkeiten der Intensivtherapie brauchen. Diese können wir jedoch dem Einzelnen nur zur Verfügung stellen, wenn die Kapazitäten ausreichen.

Daher ist der Versuch so wichtig, die Epidemiewelle zu verzögern, damit wir die Intensivmedizin möglichst allen schwer Erkrankten zur Verfügung stellen können. Alles muss darangesetzt werden, Ansteckungen besonders gefährdeter Personen, alter Menschen, Menschen mit Organschwächen, zu vermeiden. Leider hört man hier und da das zynische Wort, „Covid-19 betrifft doch nur die Alten“. Dies ist keinesfalls der Fall, wie ich auch aus meinem unmittelbaren Erleben berichten kann. Wer jünger als 60 ist, ist keineswegs vor schweren Krankheitsverläufen sicher.

Trotz alledem: Es begeistert mich, wie viele Menschen die hohen Belastungen akzeptieren und auf sich nehmen. Dies bietet uns eine große Chance, diese Krise bestmöglich zu überstehen.

ZUR PERSON

CHEFARZT Professor Dr, Winfried Randerath ist seit 2003 Chefarzt und Ärztlicher Direktor an der Lungenfachklinik Bethanien in Solingen. Der 59-Jährige zählt durch seine Erfahrung und viele Publikationen zu den führenden deutschen Ärzten in den Bereichen Allergologie, Lungen- und Bronchialheilkunde und Schlafmedizin.

FACHARZT Randeraths Fachgebiete erstrecken sich über Innere Medizin, Pneumologie, Allergologie, Umweltmedizin, Schlafmedizin, Infektiologie (DGI) und Palliativmedizin.

FACHKLINIK Die Klinik Bethanien ist in Solingen die Anlaufstelle für Covid-19-Erkrankte.

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