RGA-Wohltätigkeitsaktion

Helft uns helfen: Hier geht jeder Schüler seinen eigenen Lernweg

Lehrerin Monique Streich hilft Yasmin (14) bei den Rechenaufgaben. Da Jasmin nicht spricht, hat sie eine kleine Tafel, auf der sie Antworten aufschreiben kann (l.). Währenddessen liest Inklusionsassistentin Anna Katzmarczyk Lisa (15) mit dem Tip-Toi-Stift vor. Lisa ist blind, verfolgt die Geschichten über die Zootiere aber ganz gespannt (o. r.). Lehrerin Gaby Krüger macht derweil eine haptische „Schaumparty“ mit der schwer mehrfachbehinderten Yaren (11) – für Spaß ist gesorgt. Im Hintergrund schaut Klassenlehrer Matthias Wiese Victoria (16) über die Schulter.
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Lehrerin Monique Streich hilft Yasmin (14) bei den Rechenaufgaben. Da Jasmin nicht spricht, hat sie eine kleine Tafel, auf der sie Antworten aufschreiben kann.
  • Melissa Wienzek
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In der Hilda-Heinemann-Schule werden die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert – Eine Reportage in der Klasse OA.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Anna Katzmarczyk fährt mit dem sprechenden Tip-Toi-Stift über die Zootiere. „Da sind die Zebras!“, sagt die Inklusionsassistentin und drückt mit dem Stift darauf, während Lisa (15) gespannt zuhört. Lisa ist blind und kann nicht sprechen, verfolgt die Geschichte über Zebra, Pinguine & Co. aber ganz gespannt. Und zwar in ihrer eigenen Ecke. „LISA-ECKE“ prangt auf einer Wimpel-Girlande über ihrem Platz. Hier gibt es genügend Raum für einen Sitzsack, in den sich die Schülerin auch mal einsinken lassen kann, während sie Bibi Blocksberg aus der Tonie-Box hört. Ihre Lieblingsgeschichte.

„Frau Streich, Lisa hat sich jetzt so konzentriert, darf sie sich etwas aussuchen?“, fragt die Inklusionsassistentin die Sonderschullehrerin Monique Streich. „Natürlich“, antwortet diese und berührt Lisa liebevoll am Arm, damit sie weiß, dass sie da ist. „Wie wäre es mit einem Knisterbad?“ Katzmarczyk schüttet also die prickelnden Perlen ins Wasser – und Lisa darf jetzt auf Tuchfühlung gehen. Das kitzelt an den Fingern. Lisa findet es toll. Auch ihre Betreuerin hat Spaß.

„Vergessen Sie alles, was Sie über Regelunterricht wissen.“

In der Hilda-Heinemann-Schule läuft der Schulunterricht anders, als man es von Gymnasium oder Realschule kennt. Die Förderschule geistige Entwicklung hat eigene, schulformbezogene Richtlinien des Landes NRW. Diese lassen aber viele Handlungsspielräume, und die Schulen schreiben Lehrpläne bezogen auf die Unterrichtsfächer. „Vergessen Sie alles, was Sie über Regelunterricht wissen. Wenn wir eine Unterrichtsstunde haben, haben wir von der Intensität her zehn“, sagt Klassenlehrer Matthias Wiese, der aber nur ungern so genannt wird. „Wir sind hier ein Team.“ Das besteht aus drei Lehrerinnen und Lehrern, zwei Inklusionsassistentinnen und einer Krankenschwester Sie kümmern sich um die elf Schüler der Klasse OA. Das O steht für Oberstufe.

Drei der Schüler haben eine Begleitung an ihrer Seite, die elfjährige Yaren hat sogar eine Krankenschwester. Denn das schwer mehrfachbehinderte Mädchen hat ein Krankheitsbild, das zu bedrohlichen Zuständen führen könnte. Yaren sitzt im Rolli, muss beatmet werden und kann ihren Computer nur per Augensteuerung bedienen. Aber sie nimmt am Klassengeschehen teil und ist damit ein genauso wichtiger Teil der Gemeinschaft wie alle anderen Schüler. Über die neue Rollstuhlschaukel auf dem Schulhof freut sie sich besonders. „Wir haben Schüler, die eine klassische geistige Behinderung haben, aber auch andere, die vom Intellekt her an der Grenze zur Lernbehinderung sind“, erklärt Wiese. Über Bruchrechnen geht es meist nicht hinaus.

Egal, in welchem Bereich der jeweilige Jugendliche eingeschränkt ist – die Pädagogen finden für jeden den richtigen Weg. Und der sieht kleine Schritte vor. „Wir machen nur so kleine Wege, die die Schüler auch laufen können“, beschreibt Wiese, der zusätzlich Körperbehinderten- und Gehörlosenpädagogik studiert hat.

Neben den kleinen Schneemännern aus Holz hilft Monique Streich derweil dem 16-jährigen Enes beim Rechnen. Ein Zahlenrahmen mit bunten Kugeln kommt zum Einsatz.

Enes schiebt die blauen Kugeln nach links, kommt aber nicht auf die Zahl. Die Lehrerin gibt einen Tipp. „Den Rest schaffst du allein“, sagt sie aufmunternd und ihr Blick schweift wieder durch die Klasse. „Brauchst du mich?“, ruft sie Yasmin (14) zu. Sie nickt. Denn Yasmin spricht nicht. Stattdessen schreibt sie etwas auf ihre Kommunikationstafel: „Ich freue mich, euch alle jeden Tag zu sehen.“ Das berührt die Sonderschullehrerin. „Wir freuen uns auch, dich zu sehen“, sagt sie, trotz Atemmaske sieht man das Lächeln. Sofort geht sie weiter zu Nina (16). In der OA ist es nie mucksmäuschenstill, es herrscht immer Bewegung. Der Lehrer steht nicht vor der Tafel, sondern sitzt neben dem Schüler.

Währenddessen liest Inklusionsassistentin Anna Katzmarczyk Lisa (15) mit dem Tip-Toi-Stift vor. Lisa ist blind, verfolgt die Geschichten über die Zootiere aber ganz gespannt.

Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist hier sehr eng, freundschaftlich. „Unsere Schüler sind ganz anders auf uns angewiesen“, erklärt Wiese. „Und sie sind immer lieb. Unsere Schüler sind einfach hervorragend“, ergänzt Lehrerin Gaby Krüger, die Yaren gerade eine ausgedehnte Handmassage verpasst. Zuvor haben die beiden eine „Schaumparty“ gefeiert: Yaren und Krüger ließen gemeinsam Schaum in den Händen zergehen. „Da sie selbst nicht kann, bringen wir die Umwelt halt zu ihr“, bringt es Krüger auf den Punkt. In Coronazeiten ist die Klasse noch einmal mehr zusammengewachsen. Denn jede Klasse, so auch die OA, hat ihre eigene Ankunft-, Abreise- und Pausenzeit, damit sich keine Klassen mischen. Sie bleiben immer nur in dieser Gruppe zusammen und essen auch gemeinsam – in der Klasse.

„Schule ist ein Platz, an dem man sich wohlfühlen soll. Denn wer sich wohlfühlt, lernt auch besser.“
Matthias Wiese, Lehrer

Selbst, wenn einer der Lehrer ausfiele, liefe der Unterricht mit dem restlichen Team weiter. Alle Schüler tragen Maske, nur die nicht, die es nicht können oder befreit sind. Bei Yaren zum Beispiel geht das natürlich nicht. Gerade für eine Förderschule ist diese Kohortenbildung wichtig. Der Komplettlockdown im Frühjahr war eine Katastrophe für die Hilda-Heinemann-Schule.

Lehrerin Gaby Krüger macht derweil eine haptische „Schaumparty“ mit der schwer mehrfachbehinderten Yaren (11) – für Spaß ist gesorgt. Im Hintergrund schaut Klassenlehrer Matthias Wiese Victoria (16) über die Schulter.

Dennoch ließen sich Schulleiter Christian Jansen und sein Team kreative Wege einfallen, um die Schüler daheim zu fördern. So hat Katharina (16) beispielsweise ein Laptop von der Schule bekommen. Schüler wie Jan (15) nutzen die App „Anton“, um zu Hause via Tablet oder Smartphone Aufgaben zu lösen. Der Clou: Matthias Wiese kann sich aufschalten und sehen, in welchem Bereich Jan Schwierigkeiten hat. Doch diese Ausstattung kostet. Geld, das der Förderverein wegen ausgefallener Feste in Coronazeiten nicht hat.

Das Treffen im Klassenraum ist wichtig für die Schüler, für die ein geregelter Tagesablauf ein Stück Sicherheit bedeutet. „Wir sind freundlich in der Pause“ prangt an der Wand neben den Gebärdensprachen-Plakaten. Der Stundenplan ist mit Symbolen und Gebärden versehen, so wie vieles in der Schule. Die Schüler beherrschen die Gebärdensprache übrigens alle. Auf den Schubladen kleben Aufkleber mit den Namen der Schüler sowie „Stempel“ oder „Malkittel“, im Regal nebenan stapeln sich Spiele über Spiele.

Natürlich gibt es auch einen Adventskalender, den die Lehrer gebastelt haben. „Trotz Pandemie versuchen wir es uns so schön wie möglich zu machen“, sagt Streich. Sie hat zuletzt in mühsamer Kleinarbeit Lernmaterial gebastelt, das auch Autisten nutzen können.

An der Tafel steht, was diese Woche angesagt ist: Kathi (16) hat „Ich-Woche“, sprich, sie darf Lisa mit ihrem Rollstuhl auf den Pausenhof schieben. Das Gebärdenwort der Woche ist Advent. Passend dazu hat die OA einen beleuchteten Kranz und einen Baum. In dieser Schule ist alles anders, aber auch alles bunt. Matthias Wiese bringt es auf den Punkt: „Schule ist ein Platz, an dem man sich wohlfühlen soll. Denn wer sich wohlfühlt, lernt besser.“

Helft uns helfen

Die RGA-Wohltätigkeitsaktion „Helft uns helfen“ ist erneut gestartet. Dieses Jahr sammeln wir für zwei wichtige Institutionen in der Stadt: für die Hilda-Heinemann-Schule und für die Ärztliche Kinderschutzambulanz. Mit Ihrer Spende, liebe Leserinnen und Leser, können Sie den betroffenen Kindern in Remscheid direkt helfen. Wir danken Ihnen herzlich dafür. Die Spenden-Kontonummer sehen Sie links im Logo.

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