Interview der Woche

Doc Esser: „Nehmt Corona nicht auf die leichte Schulter!“

Heinz Wilhelm „Doc“ Esser behandelt im Sana-Klinkum Covid-19-Patienten – und hatte die Krankheit vermutlich auch selber. Foto: Herby Sachs
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Heinz Wilhelm „Doc“ Esser behandelt im Sana-Klinkum Covid-19-Patienten – und hatte die Krankheit vermutlich auch selber. 

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, Oberarzt und Leiter der Pneumologie am Remscheider Sana Klinikum, war selber an Covid-19 erkrankt. Er ist aus Radio und Fernsehen bekannt als Doc Esser.

Das Gespräch führte Sven Schlickowey 

Herr Esser, Sie waren an Covid-19 erkrankt. Die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihnen?

Heinz-Wilhelm Esser: Mir geht es gut.

Bemerkt haben Sie die Erkrankungen erst im Nachhinein und durch Zufall.

Esser: Ja, das war so ein halber Zufall, der sich optisch sehr gut erkennbar an den Streckseiten meiner Schienbeine ausgebildet hat. Da sind mir Einblutungen aufgefallen, damit bin ich zur Dermatologin gegangen, und die hat das sofort als Vaskulitis, als Gefäßentzündung, erkannt. So etwas kann post-infektiös sein, das kennen wir von einigen viralen und bakteriellen Erregern: Man durchläuft einen akuten Infekt und vier bis sechs Wochen später bildet das Immunsystem aufgrund einer überschießenden Reaktion eine Art Autoimmunerkrankung aus. Aber die Dermatologin meinte, es könnte auch durch Covid-19 ausgelöst worden sein. Die Unterscheidung sei relativ schwierig und deswegen wollte sie mit mir einen Test machen.

Inzwischen ist aber sicher, dass es Covid-19 war?

Esser: Eine gewisse Restunsicherheit bleibt immer. Ich habe einen der neuen Antikörper-Tests gemacht, die eine sehr hohe Spezifität und Sensibilität haben, bei denen also nur ganz, ganz wenige Menschen falsch positiv oder negativ getestet werden. Ich gehe einfach mal davon aus, weil es eben ein sehr, sehr guter Test, einer der neuesten Tests war, dass ich tatsächlich vor knapp sechs Wochen Covid-19 hatte.

Sie sind ja nicht nur Mediziner, Sie behandeln auch noch Covid-Patienten - hätten Sie das nicht früher merken müssen?

Esser: Habe ich mich auch gefragt, aber definitiv: nein. Ich habe ja hier im Sana wirklich einige Covid-19-Patienten behandelt, da gibt es eine ganz große Symptom-Vielfalt. Zunächst haben wir uns auf die gestürzt, die Fieber und trockenen Husten hatten, dann kamen die mit Glieder- und Kopfschmerzen. Dann wurde bekannt, dass man auch Schmeck- und Riechstörungen haben kann. Jetzt zum Schluss wissen wir, dass sogar Durchfall und Übelkeit Symptome sein können. Mir sind natürlich alle diese Symptome bekannt gewesen, nur hatte ich das alles nicht.

Wie hat sich die Krankheit bei Ihnen geäußert?

Esser: Bei mir war es so, dass ich mich für vier, fünf Tage müder als sonst gefühlt habe. Das fiel dann auch noch in einen Kurzurlaub nach einer echt stressigen Zeit und deswegen habe ich das so abgetan, dass der Körper sich nimmt, was er braucht. Ich habe das dann einfach so kompensiert, dass ich tagsüber ein Mittagsschläfchen gehalten habe.

Jetzt hört man immer mal wieder, wie bei Ihnen, von einem symptomfreien oder zumindest -armen Verlauf der Krankheit. Besteht nicht die Gefahr, dass viele Covid-19 verharmlosen?

Esser: Da bin ich immer hinterher, deswegen habe ich meinen Verlauf auch publik gemacht, weil es mir wichtig ist, Covid-19 für alle verständlich zu machen. Und das nicht nur als akute Infektion, die schon schlimm genug verlaufen kann. Viele versuchen ja, die Dramatik an der Sterblichkeit zu messen. Abgesehen davon, dass solche Zahlenbeispiele furchtbar sind, weil ich finde, dass jeder Tote ein Toter zu viel ist, müssen wir natürlich auch langfristige Folgeschäden im Auge behalten. Da nützt es nichts, wenn man als junger Mensch relativ harmlos durch eine solche Erkrankung marschiert ist, aber im Nachhinein beispielsweise eine Vaskulitis, wie ich sie bekommen habe, als solche nicht erkennt und verschleppt.

Ist das die einzige mögliche Spätfolge?

Esser: Das muss nicht immer eine Vaskulitis sein. Wir sehen auch Patienten, auch junge Menschen, deren Lunge sehr in Mitleidenschaft gezogen war, wo es teilweise zu einem Umbau kommt. Viele virale Erreger greifen nicht nur einen Teil der Lunge an, sondern schädigen sie großflächig. Normalerweise bildet sich das alles wieder zurück. Wir sehen jetzt aber in einigen Fällen, dass Narben verbleiben und das normale Lungengewebe durch Bindegewebe ersetzt wird – das ist nicht wirklich sinnig für den Gasaustausch. Im schlimmsten Fall hat man einen 35- oder 40-Jährigen, der als Covid-19 geheilt entlassen wird, aber in fünf bis sechs Jahren eine schwer geschädigte Lunge hat. Weil es post-infekt zu einer Lungenfibrose gekommen ist. Deswegen kläre ich so viel auf und sage: Nehmt es nicht auf die leichte Schulter!

Ist Ihr Beispiel nicht ein Argument dafür, dass jeder, der in letzter Zeit unklare Symptome hatte, sich testen lassen sollte?

Esser: Die freiverkäuflichen Antikörpertests, die massenweise verkauft werden, bringen gar nichts. Wenn – muss ich bei meinem Hausarzt oder im Krankenhaus einen der neuen Tests machen lassen. Das macht aber nur Sinn für Patienten, die aktuell Symptome haben, die sie nicht zuordnen können. Nur wenn es dann auch eine Therapie-Konsequenz nach sich zieht. Wenn man postinfektiös zum Beispiel ein leichtes Belastungs-Asthma entwickelt hat, könnte der Lungenarzt kurzfristig mit einem Asthma-Spray therapieren. Ansonsten würde der Test nur zeigen, dass man vermutlich irgendwann mal diese Erkrankung durchgemacht hat. Ob und wie lange man immun ist, weiß man ja nicht.

„Freiverkäufliche Antikörpertests bringen gar nichts.“ 

Also selbst wenn der Test positiv wäre, kann man nicht automatisch davon ausgehen, dass man immun ist?

Esser: Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit. Aber es besteht eben auch eine leichte Unsicherheit.

Das heißt, dass Sie, selbst nach überstandener Krankheit, bei der Behandlung von Covid-Patienten die volle Schutzausrüstung tragen?

Esser: Aber absolut. Ich gehe komplett gesichert zu den Patienten. Zu ihrem Schutz. Aber natürlich auch zu meinem Schutz.

Sie sind als Arzt am Sana-Klinikum ganz nah dran: Wie würden Sie die Situation in Remscheid im Moment beschreiben? Sie wirkt ja relativ entspannt.

Esser: Ja, aber ich finde auch, dass wir tolle Arbeit geleistet haben alle zusammen. Stadt, Gesundheitsamt, Hygieniker, wir hier im Krankenhaus, wir haben das toll gewuppt zusammen mit den Mitbürgern, die sich auch alle sehr gut verhalten haben. Und da bin ich schon ein bisschen stolz drauf.

Haben wir es bald überstanden?

Esser: Wir haben einen Etappensieg erreicht, würde ich sagen. Ich warte noch ab, was sich im September und Oktober neu ergeben wird. Aber im Moment bin ich sehr zufrieden.

Zur Person: Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, vielen besser aus Radio und Fernsehen bekannt als Doc Esser, ist Oberarzt und Leiter der Pneumologie am Remscheider Sana Klinikum. Der ehemalige Leistungsschwimmer betreibt zudem ein Tonstudio, schreibt Bücher und produziert einen Podcast.

Hier finden Sie aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid: Unser Live-Blog wird laufend aktualisiert.

Doc Esser ist für weitere Lockerungen. Das aber unter Beibehaltung der Hygienemaßnahmen. „Gefährder“ und „Verrückte“ nennt Esser jene Bürger, die in zahlreichen Großstädten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen demonstrieren.

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