Coronavirus

OB Mast-Weisz hält Ausgangssperre für unumgänglich

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Das Allee-Center setzte die Restriktionen um: Geschäfte sind geschlossen, Sitzbereiche gesperrt. Menschen warten vor einer Apotheke. 

Trotz aller Appelle einschließlich einer eindringlichen Ansprache der Bundeskanzlerin halten sich zu viele Bürger nicht an die Verhaltensregeln, die sie und andere vor dem Coronavirus schützen sollen.

Von Axel Richter

Remscheid. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, Flatterband zeigt an: Hier darf sich niemand mehr setzen. Polizisten und Ordnungskräfte patrouillieren im Allee-Center und auf den Straßen und weisen zurecht, wer zu nahe beieinander sitzt. Noch schicken sie niemanden nach Hause, noch nehmen sie niemanden fest. Doch schon jetzt erleben die Remscheider Szenen in ihrer Stadt, wie sie sie bislang nur aus Endzeitfilmen kannten. Es werden nicht die letzten sein, denn sagen Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz und Thomas Neuhaus, Leiter des Corona-Krisenstabes: „Auch in Remscheid wird es Tote geben.“

Hintergrund ihrer düsteren Prognose: Trotz aller Appelle einschließlich einer eindringlichen Ansprache der Bundeskanzlerin halten sich zu viele Bürger nicht an die Verhaltensregeln, die sie und andere vor dem Coronavirus schützen sollen. So kam es etwa am Mittwochabend zu einer Feier im Stadtpark, bei der reichlich Alkohol floss.

„Die Zahlen werden rasant steigen. Die Lage ist ernst, sehr ernst.“
Thomas Neuhaus, Chef des Corona-Krisenstabes

Doch nicht nur junge Leute bereiten mit ihren „Corona-Partys“ Sorgen. „Wenn ich sehe, wie viele ältere Menschen noch durch die Stadt laufen, dann weiß ich, dass die Botschaft noch nicht in den Köpfen angekommen ist“, sagt der OB: „Viele tun gerade so, als gäbe es die Bedrohung nicht.“

Für OB Burkhard Mast-Weisz (re.) und Dezernent Thomas Neuhaus ist eine Ausgangssperre nicht mehr fern. 

Für den Verwaltungschef und den Leiter seines Krisenstabes steht deshalb außer Frage, dass die Ausgangssperre, die sich die Kanzlerin in ihrer Ansprache offen gelassen hat, in Remscheid in Kürze unumgänglich sein wird. Wer sich dann noch in der Öffentlichkeit bewegt, sich aber nicht auf dem Weg zum Arzt oder zum Einkauf befindet, riskiert ein Bußgeld oder Gefängnis.

Spanien und Italien handeln längst so und die Bürger zeigen sich diszipliniert. Davon berichtet Constanze Epe, die die Maßnahmen der spanischen Behörden derzeit selbst zu spüren bekommt. Die Chefin der Epe Malerwerkstätten sitzt in der Nähe von Barcelona fest und darf wie alle ihre Wohnung vorläufig nicht verlassen. Ihre Beobachtung: „Hier in Spanien halten die Leute immer Abstand und Anstand. Jeder macht nur die wirklich wichtigen Einkäufe, die Supermärkte sind menschenleer und die Regale gefüllt.“

In Remscheid rationieren die Geschäfte unterdessen das Klopapier. Mehr als zwei Packungen pro Kunde sind in verschiedenen Drogerien nicht mehr erlaubt. Die Appelle, aufs Hamstern zu verzichten, verhallten offenbar ebenso wie die Bitte darum, möglichst zu Hause zu bleiben. „Die Vorstellung, dass absehbar viele Menschen in Intensivbetten liegen werden und unsere Krankenhäuser an ihre Grenzen stoßen, ist offenbar zu abstrakt“, sagt Thomas Neuhaus. Doch genau das sagt er den Remscheidern voraus.

Polizei und Ordnungsdienst mussten 200 Mal einschreiten

Zwar liegt die offizielle Zahl der Corona-Infizierten bei lediglich 14 und die Zahl der Verdachtsfälle bei 118. Zudem gibt es bislang keine schweren Krankheitsverläufe. Doch schon am Mittwoch berichtete der RGA: Die Dunkelziffer ist weit höher. Neuhaus warnt deshalb davor, die für NRW vergleichsweise geringen Zahlen als Entwarnung zu begreifen. „Die Zahlen werden rasant steigen. Die Lage ist ernst, sehr ernst.“

Dem zum Trotz bekamen es die Streifen von Polizei und Ordnungsamt in den zurückliegenden Tagen mit 200 Einsätzen zu tun. „Es ist jetzt nicht die Zeit für Partys und gesellige Runden“, sagt Burkhard Mast-Weisz: „Bleiben Sie zu Hause.“ Dem zum Trotz wurden seine Ordnungskräfte bereits beschimpft. Ladeninhaber drohten der Stadt wegen der Schließung ihrer Geschäfte mit Klagen, und Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in die Tagesstätte schicken dürfen, verlangen ihr Geld zurück.

Anderen gegenüber sieht sich das Stadtoberhaupt in der Krise zu Dank verpflichtet. Ärzten, Rettern und Pfleger. Aber auch denen, die an der Supermarktkasse sitzen. „Ich sehe sehr viel Positives. Ich sehe aber auf viele, die haben den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen.“

In unserem Live-Blog finden Sie aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid. Der Blog wird laufend aktualisiert.

HILFSAKTIONEN

ANLAUFSTELLE Zahlreiche Remscheider bieten älteren und vorerkrankten Menschen ihre Hilfe an. Sie sind vom Coronavirus am stärksten bedroht. „Schauen Sie nach Ihren Nachbarn und Angehörigen“, appelliert OB Burkhard Mast-Weisz und dankt allen ehrenamtlichen Helfern. Gebündelt werden die Aktivitäten unter dem städtischen Hilfetelefon: Tel. (0 21 91) 4 64 53 51.

Standpunkt: Betteln um die Ausgangssperre

axel.richter@rga-online.de

Ein Kommentar von Axel Richter

Da ist er wieder, der Mann mit Tirolerhut und füttert die Tauben. Eine alte Dame nähert sich am Rollator und drei Mitbürger mit Migrationshintergrund diskutieren miteinander in demonstrativ zur Schau getragener Gelassenheit. Das sind Szenen einer Stadtgesellschaft, die in der gegenwärtigen Krise um die drohende Ausgangssperre geradezu bettelt. Dass sie kommt, wenn die Menschen ihr Verhalten nicht endlich ändern, daran ließen Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz und Thomas Neuhaus als Leiter des Corona-Krisenstabes keinen Zweifel erkennen. Anders sind Teile der Bürgerschaft offenbar nicht mehr zu schützen, weil ihnen Disziplin und Ernsthaftigkeit längst abhandengekommen sind. 

Wie ernst die Lage ist, macht die Prognose deutlich, die der Corona-Krisenstab abgab. Auch in Remscheid wird das Virus Menschenleben kosten. Doch vermutlich beeindruckt heute selbst das nicht mehr jeden.

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