Corona-Krise

Kitas: Normalität wirft Fragen auf

Bald sind sie alle wieder vereint: Die Gruppen bleiben in den Kitas – hier an der Dicken Eiche – aber aus Schutzgründen getrennt. Foto: Roland Keusch
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Bald sind sie alle wieder vereint: Die Gruppen bleiben in den Kitas – hier an der Dicken Eiche – aber aus Schutzgründen getrennt. 

Eingeschränkter Regelbetrieb ab 8. Juni erfreut die Eltern und besorgt die Gewerkschaften

Von Andreas Weber

Remscheid. Von den 60 Remscheider Kitas ist momentan nur die Nordstraße in Trägerschaft der Kraftstation geschlossen. Mit großen Schritten fährt der Betrieb für die 4000 betreuten Kinder in dieser Stadt hoch. In zwei weiteren Etappen öffnen sich die Tageseinrichtungen und Tagespflegen am 28. Mai und 8. Juni. In zwei Wochen soll niemand mehr ausgeschlossen sein. Das nimmt enorm Druck von den Eltern. Deren Vertreter im Jugendamtselternbeirat begrüßen die Entscheidung des Landes. „Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung“, erklärt sich Marco Marquard, einer der beiden Sprecher, einverstanden.

Die Rückkehr zur Normalität findet mit Einschränkungen statt. Wer ein 45-Stunden-Wochenkontingent gebucht hat, erhält 35 Stunden, aus 35 werden 25 und aus 25 nur noch 15 Stunden. Verlierer dieser Regelung werden die vorher mit 45 Stunden notbetreuten Kinder systemrelevanter Eltern sein. „Für sie bedeutet das einen Rückschritt. Aber das sind vielleicht fünf Prozent gegen 95 Prozent, die vorher überhaupt keine Betreuung hatten“, stellt Marquard fest.

Remscheid: Personalschlüssel könnte in den Kitas zum Problem werden

Er spricht von einer Entlastung in der Virus-Krise, die jedoch auch die Eltern in die Pflicht nehmen würde. „Im Prinzip kommt am 8. Juni das, was wir gefordert haben, aber wir müssen diese Wertschätzung zurückgeben, Verantwortung übernehmen und privat auf Sicherheit und Hygiene achten.“ Denn eins sei klar: „Das Schlimmste wäre, wenn alles öffnet und eine Woche später Kitas schließen müssen, weil Coronafälle aufgetreten sind.“

Kritisch wird die Kita-Öffnung von der Gewerkschaft Komba gesehen. „Das aufgenommene Tempo, ohne die Ergebnisse aus den schrittweisen Öffnungen abzuwarten, führt bei den Beschäftigten zu Unverständnis und großer Verunsicherung“, warnt Sandra van Heemskerk, stellvertretende Landesvorsitzende. „Die Gruppen sollen ab dem 8. Juni wieder auf KiBiz-Niveau laufen, der Personalschlüssel bleibt jedoch abgesenkt.“ Die Befürchtungen der Komba teilen Kollegen der anderen großen Gewerkschaft.

Ulrike Venn ist Leiterin der integrativen Kita Fürberg und Verdi-Mitglied. Sie empfindet den eingeschränkten Regelbetrieb für alle als „faire Lösung“, sieht aber Fragezeichen beim Infektionsschutz. Mittlerweile sind hiesige Kitas gut mit FFP2-Masken, Mund-Nasen-Schutz und Visieren ausgestattet, gleichwohl würde Venn das Betretungsverbot beibehalten. Dass Eltern bald zur Übergabe und beim Abholen in die Einrichtung dürfen, sieht sie in Corona-Zeiten skeptisch. Da diese Entscheidung den Kitas überlassen wird, werden die Kinder am Fürberg wohl vorerst weiter an der Außentür abgegeben werden.

Wie sich die Personalsituation präsentieren wird, ist auch in der integrativen Einrichtung offen. Von 65 Kindern sind für den 8. Juni immerhin 56 angekündigt. Dementsprechend wird jede Fachkraft benötigt. Zwar wurde die Regelung, Risikogruppen und Mitarbeiter mit Grunderkrankungen bei der Arbeit am Kind auszuklammern, vom Land wieder kassiert, allerdings müsse man schauen, wer am Ende zur Verfügung stehe, sagt Venn. Es sähe zwar in ihrer Kita gut aus, in anderen Einrichtungen könne es zu Problemen kommen. Dann müsse innerhalb der Träger aus einem Personalpool nachjustiert werden. Oder, wenn die Gruppen, in denen wieder bis zu 20 Kinder erlaubt sind, nicht die erforderlichen zwei Fach- oder Ergänzungskräfte aufweisen, müsse das reduzierte Stundenkontingent weiter abgesenkt werden.

Weil eine Fachempfehlung vom Land die nächste jagt, hofft Ulrike Venn, dass sich bis zum letzten Arbeitstag vor den Ferien, 17. Juli, noch etwas ändert. Denn dies ist traditionell am Fürberg der Tag, an dem die Schulkinder ihren Kehraus zelebrieren. „Wir würden gerne den Wurf auf die Matte, das Aussperren der Schulzwerge mit der Schleife am Zaun und dem Sturm zurück in die Einrichtung feiern.“

In unserem Live-Blog finden Sie alle aktuellen Informationen rund um das Coronavirus in Remscheid. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Einschränkungen

Der eingeschränkte Regelbetrieb sieht vor, dass die drei Betreuungsschienen (45, 35, 25 Stunden) um je zehn Stunden pro Woche reduziert werden. Wie die Kitas dies regeln, wird von den Trägern festgelegt. Es wird darauf hinauslaufen, dass alle Kinder - strikt getrennt nach Gruppen, ohne Spielen auf dem Flur - an allen Wochentagen in den Kitas sein können. Nicht nur zeitlich ist der Regelbetrieb begrenzt, auch das pädagogische Angebot bleibt angesichts möglicher Personalengpässe eingeschränkt.

Standpunkt

sven.schlickowey@rga-online.de

Ein Kommentar von Sven Schlickowey

Schon sprachlich ist es ein Kunstgriff: Am 8. Juni starten die Kindertagesstätten mit einem „eingeschränkten Regelbetrieb“. Das stimmt mich, angelehnt an Hölderlin, traurigfroh. Weil ich sehr gut nachvollziehen kann, welche Klimmzüge Eltern in den vergangenen Wochen und Monate vollbringen mussten, um ihre Kinder versorgt zu wissen. 

Weil mir aber auch klar ist, dass das, was da in knapp zwei Wochen auf die Kinder wartet, nicht in Ansätzen mit einem normalen Kita-Betrieb vergleichbar sein wird. Das NRW-Familienministerium spricht selber von „quantitativen wie qualitativen Beschränkungen“. Und selbst wenn man die Kitas mit telefonischer Beratung, Masken und einem „Personalgewinnungsprogramm“ unterstützen will, liegt es am Ende bei den Trägern vor Ort und vor allem beim Personal in den Einrichtungen, das irgendwie hinzubekommen. Ein Gefühl, das man in den kommunalen Verwaltungen in NRW inzwischen gut kennt. Man kann den Betroffenen nur gute Nerven wünschen. Und Eltern mit viel Verständnis.

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