Mein Leben als Papa

Hoffentlich nur eine Zeit, in der die Leute im Fotoalbum lustige Masken trugen

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RGA-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt jeden Samstag vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (5) und Michel (2).

Erst mit etwa fünf Jahren beginnt der Mensch, Erinnerungen zu bilden, die auch im Erwachsenenalter noch abrufbar sind. Bei mir kommt das ungefähr hin. Ich kann mich beispielsweise noch gut an meinen ersten und bislang letzten Theaterauftritt erinnern. Als Tannenbaum in einem Weihnachtsstück des Kindergartens durfte ich einen ganzen Satz sprechen.

Dass ich Atomkraftwerke heute total doof finde und mich die Risse im belgischen Atomreaktor Tihange 2 verunsichern, hat sicher auch mit der Katastrophe von Tschernobyl zu tun, die ich als Fünfjähriger erlebt habe. Die Angst vor radioaktivem Regen hat sich mir für immer eingebrannt. Auf einmal durfte ich nicht mehr im Sandkasten spielen, und für längere Zeit landete kein Gemüse mehr auf meinem Teller. Letzteres fand ich allerdings weniger schlimm.

Hannes, gerade fünf geworden, befindet sich jetzt genau in diesem „Alter der Erinnerungen“. Was nimmt er aus dieser für alle schwierigen Corona-Zeit mit? Erinnert er sich später an den abgetrennten Spielbereich im Kindergarten? An das ständige Händewaschen und Lüften mit Jacke an – Jacke aus? An das Abstandhalten und Niesen in die Armbeuge?

Stand jetzt habe ich nicht das Gefühl, dass ihn und Michel diese Zeit bislang belastet hat. Wir waren privilegiert und hatten als Familie einen gemütlichen Frühling und einen sehr entspannten Sommer. Mit einem Papa im Homeoffice und einer Mama in Elternzeit, die immer da waren, mit viel gutem Wetter im Garten und mit wenig Freizeitstress, weil es ja nichts gab, was man verpassen konnte. Auch die Pause im Kindergarten tat gut und ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass Hannes im Moment so viel Lust auf seine Freunde hat wie nie zuvor.

Und jetzt? Explodieren die Corona-Zahlen wieder. Es ist kälter, nasser, dunkler geworden. Das Gefühl, wir wuppen diese Krise schon irgendwie gemeinsam, ist nicht mehr so da wie noch im Frühjahr. Auch an mir selbst stelle ich eine gewisse Ungeduld, Wasch- und Masken-Müdigkeit fest. An manchen Tagen fluche ich über Maßnahmen, die in meinen Augen keinen Sinn ergeben. An anderen Tagen fluche ich über Menschen, die einfach nicht solidarisch sein wollen.

Ich wünschte mir manchmal die Souveränität meiner Kinder. Die von Michel zum Beispiel, der anfangs noch komisch guckte, als ich mich in seinem Kinderzimmer breitmachte, um zu arbeiten. Inzwischen stört ihn das nicht mehr. „Das ist Michels Zimmer und Papas Zimmer“, erzählt er der Oma stolz. Und Hannes ist sowieso ein Meister darin, Dinge, die nun mal sein müssen, ohne Murren umzusetzen. Und zu akzeptieren, wenn etwas gerade einfach nicht möglich ist.

Mich stimmt es traurig, dass es in diesem Jahr keinen richtigen Martinsumzug geben wird. Hannes freut sich auch darauf, seine Laterne ins Fenster zu hängen. Ich würde gerne mit ihm zum ersten Mal ein voll besetztes Fußballstadion besuchen. Hannes freut sich auch über gemütliche Fußball-Samstage auf der Couch. „Wenn Corona vorbei ist, können wir das doch machen.“ Dieser Satz fällt ziemlich oft. Von Hannes. Nicht von mir. Er kann mit dieser „neuen Normalität“ viel besser umgehen als ich. „Solange wir gesund sind, ist doch alles gut“, muss ich mir immer wieder sagen und denke dabei an meine Omas und Opas, die alle einen Weltkrieg mitmachen mussten. Ich bin zuversichtlich, dass diese Corona-Krise für Hannes und Michel später nur eine Erinnerung an eine Zeit sein wird, in der die Leute im Fotoalbum lustige Masken trugen. Ein Auftritt als Tannenbaum in einem Theaterstück bleibt Hannes in diesem Jahr auf jeden Fall erspart.

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